Nordkanada per Motorrad: Auf Spikes über den Polarkreis

Motorradreise bei minus 35 Grad: Auf dem Dempster Highway in Kanada erlebt Michael Martin eine Tour unter absoluten Extrembedingungen. Wölfe und Luchse sind für die Temperaturen besser gerüstet - und zeigen wenig Angst vor Menschen und Fahrzeugen.

Alaska: Eisiges Abenteuer auf zwei Rädern Fotos
Jörg Reuther

Allzu einladend klingt die Hotel-Betreiberin am Telefon nicht: "Kommen Sie nicht, wir haben einen Blizzard, die Sicht ist gleich Null", warnt die Chefin von Eagle Plains, dem ersten Rasthaus nach 410 Kilometern auf dem kanadischen Dempster Highway. Eindringlich rät sie, noch zu warten - dabei habe ich gar nicht erst erwähnt, dass ich den "Dempster" mit meinem Motorrad befahren möchte. Meine Freunde Jörg Reuther, Thilo Moessner und ich setzen die Vorbereitungen für das Winter-Abenteuer trotzdem in einer geheizten Werkstatt am Stadtrand von Dawson City fort.

Die legendäre Goldgräberstadt am Yukon ist Ausgangspunkt für die fast 1000 Kilometer lange Strecke durch das arktische Kanada. Wir haben das Motorrad mit einem Pick-up von Alaska nach Dawson City gebracht und bestücken nun die Stollenreifen mit mehr als hundert eindrehbaren Spikes. Ich ziehe eine beheizbare Weste und Hose unter die Daunenkleidung und lege beheizbare Sohlen in die arktistauglichen Stiefel. Die Stromversorgung erfolgt über die Motorradbatterie und über externe Akkus. Dann rolle ich die ersten Meter durch die Wildwestkulisse von Dawson City und stürze gleich mehrfach.

Mein Vorhaben, den Dempster Highway im Winter mit dem Motorrad zu befahren, erscheint mir in diesem Moment völlig absurd. Inspiriert hatte mich ein Buch der deutschen Reisejournalistin Doris Wiedemann, die den Dalton Highway in Alaska mit dem Motorrad im Winter befahren hat. Doch der Dempster ist nicht nur länger, sondern auch einsamer, außerdem nicht geteert. Es ist die einzige Straße Kanadas, die den Polarkreis überquert. Wir haben ausgerechnet eine besonders kalte Phase im Februar erwischt. Am Morgen des Aufbruchs zeigt das Thermometer in Dawson City minus 46 Grad.

Motorradfahren bei minus 35 Grad

Die ersten 50 Kilometer auf dem Motorrad verlaufen zu meiner Überraschung aber problemlos. Die Temperatur ist auf minus 35 Grad gestiegen, die Sonne scheint. Und anders als die Straßen von Dawson City ist der Highway frisch geräumt, so dass die Spikes gut auf der vereisten Kiesoberfläche greifen. Ich fahre nicht schneller als 50 km/h, um den Fahrtwind gering zu halten. Bereits bei dieser Geschwindigkeit sorgt der Chillfaktor dafür, dass sich minus 35 Grad wie minus 55 Grad anfühlen. Hinter mir folgen meine Freunde Jörg und Thilo im beneidenswert gut geheizten Geländewagen.

Die Piste führt durch borealen Nadelwald, der aber verschwindet, als wir in den Tombstone Mountains größere Höhen erreichen. Ab und zu schiebe ich das immer wieder vereisende Visier auf, um wenigstens kurz die Landschaft genießen zu können, welche die tief stehende Mittagssonne in schönes Licht taucht. Bald rollen wir wieder durch ausgedehnte Wälder, queren vereiste Flüsse und erklimmen Anhöhen, die weite Blicke über den tief verschneiten Wald bieten. Mir fallen tiefe Spuren im Schnee auf, die links und rechts der Piste in den Wald führen. Plötzlich sehe ich einen Wolf durch einen seiner gespurten Wege spazieren. Wir blicken uns kurz an, dann lässt er mich in geringer Distanz passieren. Vor den im Sommer allgegenwärtigen Bären müssen wir keine Angst haben, sie befinden sich im Winterschlaf.

Die Abstände zwischen den notwendigen Pausen werden am Nachmittag immer geringer. Ich merke, wie mein Körper trotz der Heizsysteme und bester, arktistauglicher Kleidung auskühlt. Bei hereinbrechender Dunkelheit beschließe ich nach 175 Kilometern, meine Gesundheit nicht weiter zu riskieren und das Motorrad für die zweite Hälfte der Strecke bis Eagle Plains auf den Pick-up zu laden. In voller Montur klettere ich ins Auto und genieße die behagliche Wärme.

"Der Highway ist seit drei Tagen gesperrt"

Das Außenthermometer des schweren, mit Spikes ausgerüsteten Geländewagens zeigt bereits wieder unter minus 40 Grad. Wir kommen nun zügig auf der vereisten Piste voran. Plötzlich macht Jörg eine Vollbremsung, er hat einen Luchs am Pistenrand entdeckt, den wir aus geringer Distanz fotografieren können. Zweimal unterbrechen wir die Fahrt, um Bilder von Polarlichtern zu machen, dann erreichen wir am späteren Abend das Rasthaus von Eagle Plains.

Davor parken zehn Trucks mit laufenden Motoren, die Fahrer sitzen an der Bar und spielen Karten. "Der Highway ist seit drei Tagen gesperrt", sagt einer der Trucker, deshalb sei die Bar so voll. Auch mehrere Inuitfamilien warten darauf, dass die Sperrung des Dempster Highways im nördlichen Teil aufgehoben wird. Der Schneesturm hat für meterhohe Schneeverwehungen gesorgt, die mit schwerem Gerät geräumt werden müssen.

Ich bin gar nicht so wild darauf, schnell weiterzukommen, in Eagle Plains könnte ich es wochenlang aushalten: Die Zimmer sind auf 30 Grad geheizt, die Dusche liefert ordentlich warmes Wasser, das Essen ist gut und eine Satellitenschüssel sorgt für schnelles Internet. Doch schon am nächsten Mittag wird die Sperrung aufgehoben, bald sind die Trucks und Geländewägen am Horizont verschwunden.

Sturm auf der Passhöhe

Nach einer Stunde Motorradfahrt bei Sonne und erneut extremen Minusgraden erreichen wir am Polarkreis die Richardson Mountains. Der boreale Wald ist nun einer verschneiten Tundralandschaft gewichen, die von einem tiefblauen Himmel überspannt wird. Schöner könnte die Arktis kaum sein. Auf einem Pass überqueren wir die Grenze der kanadischen Provinzen Yukon und Northwest Territories. Oben wird das Motorrad plötzlich von einem Sturm erfasst, der den Schnee aufwirbelt und sehr fotogen über die Berge treibt.

Zum Glück legt sich der Sturm bald wieder, aber wir haben viel Zeit mit Fotografieren verloren, die Sonne verschwindet bereits wieder hinter den Bergen. Ich bin ausgekühlt, und bis zu unserem Etappenziel Inuvik sind es noch über 200 Kilometer. So laden wir die Maschine wieder auf den Pick-up und rollen durch die hereinbrechende Nacht nach Norden.

Im "Arctic Chalet" in Inuvik kommen wir unter. Judi und Olav betreiben ihr Refugium mit viel Engagement und Herz. Der nordpolerfahrene Olav gibt uns wertvolle Tipps für die letzte Etappe über die sogenannte Ice Road nach Tuktoyaktuk. Wir holen das Motorrad noch nachts vom Auto und parken es in der geheizten Werkstatt. Anders würde es morgens nicht anspringen.

Fruchtmann im Riesentruck

Wir verlassen Inuvik mit Sonnenaufgang um 9.30 Uhr und biegen hinter dem Arctic Chalet auf die Ice Road ein. Sie folgt auf einer Länge von 178 Kilometer zunächst dem zugefrorenen Mackenzie-Fluss und führt dann über den Arktischen Ozean nach Tuktoyaktuk. Sie existiert nur zwischen Dezember und April, wird von den Behörden überwacht und gilt als die längste durchgehende Eisstraße der Welt. In der übrigen Zeit ist die kleine Inuitsiedlung nur mit dem Schiff oder Flugzeug zu erreichen.

Die Spikes des Motorrads greifen auf dem blanken Untergrund optimal. Wäre die Kälte nicht, könnte ich auch schneller als 50 km/h fahren. Das Eis ist, wo es nicht von Schnee bedeckt ist, glasklar und hat eine Dicke von mindestens einem Meter. Laut einem Straßenschild sind hier Fahrzeuge mit bis 35 Tonnen Gesamtgewicht erlaubt! Wir kommen gut voran, doch plötzlich ziehen Wolken auf.

Ein Schneesturm bricht zehn Kilometer vor Tuktoyaktuk über uns herein. Markierungen und das GPS leiten uns aber sicher in den kleinen Ort. Erster Anlaufpunkt an der Einfallstrasse ist ein riesiger Truck, der als mobiler Laden fungiert. "The Fruitman" steht an der Tür des Fahrerhauses. Ich stelle das Motorrad ab und klettere mit steifen Gliedern die Stufen zum Laderaum hoch. Der ist gut beheizt und gefüllt mit tropischen Früchten. Ungläubig bestaune ich Ananas, Erdbeeren und Mangos, genieße aber vor allem die wohlige Wärme. An die Kälte erinnert in diesem Moment nur noch meine erfrorene Nasenspitze.

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11  Bilder
Fotograf Michael Martin: Wüsten im Fokus

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insgesamt 7 Beiträge
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1. toller Artikel, komische Schlagzeile
peter in hamilton 22.02.2011
Toller Artikel, obwohl ich gerne noch mehr Details gelesen haette! Ich hab mir den Dempster nur im Sommer getraut und kann nur ahnen was fuer ein tolles Erlebnis das im Winter gewesen sein muss... Leider hat SPON dem Autor den Artikel mit einer sehr unpassenden Schlagzeile verhuntzt. Der Dempster liegt - wie der Autor korrekt anmerkt - im Yukon und in den NWT, aber bei weitem nicht in Alaska.
2. Alaska per Motorrad
kapitaen1 22.02.2011
Ein super Artikel. Wuerde mir aber auch noch ein paar mehr Details wuenschen. Nichts desto Trotz, bitte weiter machen Danke
3. Wie
Hosterdebakel 22.02.2011
bereits angemerkt, was hat eine Kanada Tour mit Alaska zu tun. Oder hat der Autor des Artikels nur zuviel "Ice-Road Truckers" geschaut? Ansonsten Hut ab vor dieser Leistung bei solchen Temperaturen.
4. Wow. Endlich mal was neues
Wolfgang Schmidt 22.02.2011
Davon abgesehen dass der Autor Alaska nicht von Kanada unterscheiden kann ist die Story auch nicht ganz neu. Siehe: http://www.wwag.com/cgi-bin/WebObjects/WebSite.woa/wa/DirectAction?page=TOEOTRIndex Trotzdem Respekt für die Teilnehmer, ich kann nachvollziehen wie es an den Fingern und Zehen kribbelt.
5. ???
conjure 22.02.2011
Versteh ich nicht... Ich fahre bei 35 Grad minus ein paar km mit ständig zugeeistem Visier Motorrad, um dann, wenn es zu kalt wird, in ein Auto umzusteigen, um dann damit bis zum Ziel weiterzufahren... Was will uns der Autor mit diesem Reisebericht sagen? Man, was für ein Abenteuer..., aber He, soll keiner mehr sagen können, dass man in Alaska nicht auch im Winter Motorrad fahren kann...
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Zur Person

Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene "Die Wüsten der Erde".

Martins neues Projekt: ein Vergleich zwischen Eis- und Trockenwüsten. Dafür besucht er die wichtigsten Eiswüsten der Nord- und Südhalbkugel und ihre Bewohner. Er wird mit Hunde- und Motorschlitten, per Schiff und Flugzeug und - wo immer möglich - mit dem Motorrad unterwegs sein.
www.michael-martin.de


Fotostrecke
Alaska: Auf dem Dalton Highway zum Ozean
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