Urlaub in Nordkorea "Am Anfang hatte ich Angst"

Die Russin Marina Ogneva ist Koreanisch-Lehrerin und war schon Dutzende Male in Südkorea. Diesen Sommer ist die Bloggerin in Nordkorea gewesen - zum Badeurlaub.

Marina Ogneva

Ein Interview von Sofia Dreisbach


ZUR PERSON
  • Marina Ogneva
    Marina Ogneva, 28, aus dem russischen Chabarowsk ist private Koreanisch-Lehrerin. Sie hat einen Abschluss von der Yonsei-Universität Seoul und reist seit 2011 regelmäßig nach Südkorea. Auf ihrem Youtube-Channel "Let's go to Korea" vloggt sie auf Russisch etwa darüber, wie man sich ein Visum organisiert oder am besten Koreanisch lernt - und über ihren Besuch in Nordkorea in diesem Sommer. Dort hat sie die Sonderwirtschaftszone Rason im Norden besucht.
  • YouTube-Blog "Let's go to Korea" (russisch)

SPIEGEL ONLINE: Frau Ogneva, in den vergangenen Jahren wurden immer wieder Ausländer in Nordkorea verhaftet. Hatten Sie Angst, in dieses Land zu fahren?

Ogneva: Am Anfang hatte ich schon Angst. Ich war davor mehr als 20-mal in Südkorea und habe sogar meinen Abschluss dort gemacht. Allerdings wusste ich nicht, was mich in Nordkorea erwartet. In Videos über das Land geht es oft um Verhaftungen. Aber ich hatte den Plan gefasst: keine Politik, sondern am Strand entspannen. Und als ich am ersten Morgen vor dem großen Hotelfenster in Rason Yoga gemacht und rausgeschaut habe, habe ich die Menschen und das rege Treiben auf den Straßen gesehen und mich sofort entspannt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich auf Ihre Reise vorbereitet?

Ogneva: Wenn man in ein asiatisches Land fährt, finde ich es wichtig, nicht die eigenen Ideen vom Leben mitzubringen, sondern die Einheimischen verstehen zu wollen. Nordkoreaner lieben ihre Ideologie. Dann zu sagen, euer Land ist schlecht, ist nicht gut. Ich wollte auch keine Journalistin sein - sondern Zuschauerin.

SPIEGEL ONLINE: Die Reiseroute durch die Sonderwirtschaftszone Rason stand schon mit Buchung der Tour fest. Wie sind Sie von einem Ort zum anderen gekommen?

Ogneva: Frei durch das Land reisen dürfen nur besondere Gäste aus der Politik oder der Wirtschaft. Wir hatten ein Auto mit Fahrer, und er hat perfekt Russisch gesprochen, obwohl er nie in Russland war. Das hat mich zutiefst beeindruckt.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Guide Ihnen auch einmal von der Seite gewichen?

Ogneva: Es war nicht so, dass er uns überall hin gefolgt ist. Beim Wandern hat er uns zum Beispiel gefragt, ob wir das auch alleine machen können, das war ihm zu anstrengend. Und wenn wir an den Strand gehen wollten, haben wir das einfach gemacht. Nur beim Einkaufen haben wir ihn gebraucht, das durften wir nicht alleine.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach verhältnismäßig vielen Freiheiten. Gab es auch Situationen, die nicht so einfach waren?

Ogneva: Ein Moment war unangenehm. Wir waren bei einem Kinderkonzert, und man hatte uns vorher gesagt, dass wir Süßigkeiten mitbringen können. Ich hatte extra welche in Russland gekauft, aber als ich sie den Kindern geben wollte, sagte der Guide, das ginge nicht. Ich hätte die Süßigkeiten in Nordkorea kaufen sollen, denn die Kinder sollen nicht mit ausländischen Produkten in Berührung kommen.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie während der Reise außer zu dem Guide Kontakt zu Einheimischen?

Ogneva: Nicht offiziell, aber die Menschen, die wir auf der Straße getroffen haben, waren immer höflich und wollten uns beeindrucken. Ich habe mit einer Masseurin, einer Eisverkäuferin und Spaziergängern im Park gesprochen. Ohne Smartphone und soziale Netzwerke sind die Menschen viel aufgeschlossener, sich auf der Straße zu unterhalten. Alle wollten wissen, warum ich Koreanisch spreche. Als ich gesagt habe, dass ich in Südkorea studiert habe, haben sie mich gefragt: Hat es dir dort gefallen? Wie schmeckt das Essen? Wie tragen sie dort ihre Haare?

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie denn Verständigungsprobleme?

Ogneva: Nicht wirklich. In Südkorea haben sie immer gesagt, dass die nordkoreanische Sprache alt sei und dass man sie kaum verstehe. Aber das stimmt nicht: Die Nordkoreaner haben keinen Akzent, sie sprechen genauso wie in Südkorea, außer dass sie keine internationalen Wörter benutzen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben viele Freunde und Bekannte in Südkorea. Wie haben die auf Ihre Urlaubspläne in Nordkorea reagiert?

Ogneva: Sie waren schockiert und haben gefragt: Wieso? Geht das überhaupt? Wegen der politischen Spannungen ist es für sie natürlich besonders schwer, das zu verstehen. Gleichzeitig waren sie genauso neugierig wie die Nordkoreaner, wie das Leben auf der anderen Seite der demilitarisierten Zone wohl ist.

SPIEGEL ONLINE: Und was konnten Sie ihnen anschließend über die Unterschiede zwischen Nord- und Südkorea erzählen?

Ogneva: Ich finde die Unterschiede gar nicht so groß. Die Sprache, die Kultur, die Küche, das ähnelt sich alles. Der größte Unterschied ist natürlich das Regime - und das verändert die jeweilige Lebensweise und die Visionen.

SPIEGEL ONLINE: Nach Ihrer Rückkehr haben Sie ein Video über den Urlaub auf ihrem Youtube-Blog hochgeladen. Wie frei waren Sie, zu fotografieren und zu filmen?

Ogneva: Bei der Einreise haben sie uns gesagt: Fotografiert keine Fabriken und vermeidet Personen. Sie haben meine Fotos zweimal kontrolliert. Bei der Einreise haben sie nach Videos geschaut, die Nordkorea schlecht machen, bei der Ausreise nach verbotenen Fotos. Aber ich habe auch immer extra gewartet, bis keine Menschen mehr im Bild waren. Ich hatte mehr als tausend Bilder gemacht, doch sie haben nur die ersten durchgeklickt.

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insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
zerr-spiegel 07.09.2017
1. Und hat durch ihr Geld die Diktatur unterstützt!
So wie die meisten Länder dieser Erde das seit Jahrzehnten tun.
der_nachtarbeiter 07.09.2017
2. Wahnsinn
Ich würde da auch gerne mal hin-es ist bestimmt sehr interessant. Aber leider so wie in der Türkei: Mit drei Kindern zu Hause ist mir persönlich das einfach zu riskant, dass ich verhaftet werde weil ich nachts zu laut gepupst haben soll. Aber ich lese sehr gerne über die Erfahrungen die andere dort gemacht haben.
neue_mitte 07.09.2017
3.
Das Durchsuchen der Kamera vor (!) der Einreise und das Verbot der Mitbringung von ausländischen Produkten zeigt doch eigentlich bloß, wie wenig Vertrauen die Machthaber in die eigene Ideologie haben. Oder auch, wie groß ihr Bewusstsein der Minderwertigkeit ist. So dass der Kontakt mit ausländischen Medien / Erzeugnissen in der Tat die Bevölkerung "versaut". In solch ein Land zu fahren, ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist eine Ausländerin ein Fenster in die Welt für die Bevölkerung. Andererseits kann für die Bevölkerung ein allzu genauer Blick durch dieses Fenster zu Verhaftung führen. Wie Westkontakte in der DDR. Warum / Wieso / Weshalb haben Sie mit diesem "Subjekt" den Kontakt aufgenommen? Was planen Sie? Ein Bericht, der quasi aussagt, dass alles eigentlich Okay war, bloß bis auf... all das Negative... ist natürlich auch sehr hilfreich. Man muss schon sehr selektiv denken können, um ein positives Fazit daraus zu ziehen.
fatherted98 07.09.2017
4. naja...
....Strandurlaub in einem Land in dem weite Bevölkerungsteile hungern....das braucht schon Nerven.
rudmor 07.09.2017
5. Interessant
Zum einen ist das Regime wie eine Krake und dringt in nahezu jeden Lebensbereich ein (NSA erblasst vor Neid ;) ) zum anderen scheinen die Menschen immer sehr freundlich und neugierig zu sein. Scheinbar versuchen sie das beste aus der Situation zu machen in die sie hereingeboren wurden. Ich glaube einfach nicht daran dass die Nordkoreaner alle hirngewaschene Dronen sind wie man uns es hier weissmachen will.
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