Nordpol-Expedition: Wodka-Party im weißen Inferno

Gigantische Wälle aus Eis versperren den Weg, die Kälte sorgt für blutige Nasen - drei Tage lang kämpft sich der Fotograf Michael Martin auf Skiern zum Nordpol. Am Ziel erwarten ihn Raclette-Käse aus der Schweiz, Alkohol aus Russland - und das Hochgefühl, den Mittelpunkt der Welt erreicht zu haben.

Michael Martin am Nordpol: Eisblöcke, Spaghetti und eine blutende Nase Fotos
Michael Martin

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Der Helikopter steigt in einer weißen Schneewolke laut knatternd auf und nimmt sofort Kurs auf den Nordpol. Das Barneo-Camp verschwindet schnell im weißen Nichts. In 100 Meter Flughöhe fliegen wir nach Norden, die 100 Kilometer zum Pol sind mit dem russischen MI-8-Helikopter in 30 Flugminuten zu schaffen.

Mir gegenüber sitzen vier Chinesen, ein Italiener und unser russischer Guide Michail auf sieben schwer bepackten Schlitten. Plötzlich gibt es einen Ruck, wir haben den gefrorenen Arktischen Ozean berührt. Während der russische Pilot den schweren Helikopter in der Schwebe hält, springt der Bordmechaniker mit einer Eisenstange aufs Eis und untersucht dessen Tragfähigkeit. Ein Handzeichen an den Piloten, und der Hubschrauber setzt mit seinem vollen Gewicht auf.

Viktor Boyarsky, Organisator des Barneo-Camps und Mentor vieler Arktis-Abenteurer, warnt uns, nicht in den Sog der Rotoren zu geraten. Dann schickt er uns aus dem warmen Helikopter hinaus ins weiße Inferno. Zu siebt kauern wir im Schnee und beobachten aus dem Augenwinkel, wie Viktor und der Bordmechaniker die sechs Schlitten aufs Eis wuchten. Dann springen sie zurück, Viktor winkt aus 20 Meter Höhe zu uns herunter, dann dreht der Hubschrauber nach Süden ab.

Drei Meter hohe Eisblock-Mauer

Wir sind alleine auf dem Arktischen Ozean, einzig unsere Ski sollen uns helfen, innerhalb von drei Tagen den Nordpol zu erreichen. Dort wird uns der Helikopter wieder abholen. Wir schlüpfen mit den klobigen Thermostiefeln in die einfache Skibindung, haken die Zugseile in unsere Rucksäcke ein und sind startklar.

Michail, unser Arktis erfahrener Führer, geht voraus, dahinter folge ich, dann die Chinesen und Michele, der junge Italiener. Der an meinen Rucksack angehängte Schlitten wiegt mit Zeltausrüstung und Kameras 50 Kilogramm, ist aber gut zu ziehen. Dies ändert sich jedoch nach den ersten paar hundert Metern beim ersten Hindernis: Mannsgroße Eisblöcke sind ineinander verkeilt und türmen sich zu einer drei Meter hohen, mehreren hundert Meter langen Mauer.

Michail sucht eine möglichst einfach zu überwindende Stelle und muss dabei auch auf die gefährlichen Risse im Eis achten, die durch die gewaltigen Strömungen im Arktischen Ozean entstehen. Endlich hat er eine machbare Passage gefunden und steigt mit den Skiern durch die Eisblöcke. Sobald er sicheren Stand hat, zieht er den Schlitten zu sich heran, dann geht er wieder einige Meter, bis die Zugschnur wieder spannt.

So überwindet er in mehreren Schritten den Eiswall, dann folge ich und profitiere von der Spur, die Michail gelegt hat. Trotzdem dauert es eine halbe Stunde, bis die ganze Skigruppe den Eiswall überwunden hat.

Schneller Drift gen Nordost

Das andere große Hindernis auf dem gefrorenen Arktischen Ozean sind offene oder gerade erst wieder überfrorene Kanäle, die uns nur zwei Alternativen lassen. Entweder suchen wir nach einer zeitaufwendigen Umgehung oder wir riskieren die Überquerung, sofern das neue Eis tragfähig erscheint. Sind die Kanäle gänzlich ohne Eis, fällt diese Alternative aus - nur die Profis unter den Eisgehern führen für solche Zwecke Schwimmanzüge mit.

Zwischen den Hindernissen gibt es gut gehbare Passagen, auf denen wir Strecke machen. Wir haben außerdem das Glück, dass die Strömung das Eis Richtung Nordost treibt, was uns schneller zum Pol bringt. Schon mancher Eisgeher auf dem Arktischen Ozean dagegen fand sich nach einer Nacht im Zelt 20 Kilometer weiter vom Pol entfernt als am Vorabend. Die Eisdrift ist unberechenbar, in Richtung und Geschwindigkeit, und macht eine Nordpolexpedition zu einem zeitlich schwer zu kalkulierenden Unterfangen. Wie soll man da die Kochbenzin- und Essensvorräte berechnen?

Um 20 Uhr bleibt Michail auf einer Eisscholle stehen und sagt: "Let's camp here." Wir hängen die Schlitten ab und bauen die Zelte auf, die mit Eisschrauben sturmfest gemacht werden. Ein zweiflammiger Kocher bringt nicht nur den Schnee im Teekessel zum Schmelzen, sondern sorgt auch sofort für Wärme. Nach wenigen Minuten ist es im Zelt angenehm warm, die Daunenkleidung dampft, die Objektive meiner Kameras beschlagen.

Zum Abendessen gibt es bei mir Spaghetti Bolognese. Gefriergetrocknet im Beutel verpackt werden die Nudeln mit kochendem Wasser übergossen, nach fünf Minuten ist es fertig. Nicht gerade "al dente", aber durchaus schmackhaft. Um Mitternacht gehe ich nochmals aufs Eis und genieße die Sonne, die genauso hoch steht wie tagsüber. Die Zelte glitzern im Gegenlicht, um mich herum nichts als Eis, darüber der tiefblaue Himmel. Ich bin in Hochstimmung und möchte in diesem Moment an keinem anderen Ort sein als mitten auf dem gefrorenen Arktischen Ozean.

Mit blutender Nase zum Nordpol

Am nächsten Tag sind wir zehn Stunden auf Skiern unterwegs, überwinden ein Dutzend Eiswälle, umgehen Kanäle und haben alle unseren Rhythmus gefunden. Michail ist ein souveräner Führer, ohne ihn wären wir hier verloren. Die Temperatur liegt bei minus 30 Grad Celsius, doch der leichte Wind lässt sie deutlich niedriger erscheinen als am Vortag.

"You got a frostbite", weist mich Michail in einer Pause auf einen rötlich braunen Fleck auf meiner Nasenspitze hin. Zu allem Überfluss bleibe ich mit der Nase auch noch am Metallgehäuse der Kamera kleben, als ich unser Nachtlager fotografiere. Im Zelt verarzte ich die blutende Wunde mit eine Heilsalbe und schwöre mir, mein Gesicht künftig mit Frostschutzmaske und wasserloser Fettcreme besser zu schützen.

Nach einer weiteren Nacht auf dem Eis nähern wir uns am nächsten Nachmittag dem Nordpol. Den letzten Kilometer lässt Michail das GPS-Gerät nicht mehr aus den Augen. Plötzlich wirft er die Stöcke in den Schnee und lacht. Wir sind am Nordpol! Ich empfinde das gleiche Gefühl wie beim Erreichen eines Berggipfels: eine Mischung aus Freude und Erleichterung. Ich fühle mich am Mittelpunkt der Welt angekommen, ganz oben auf der Erdkugel, mit einer Sonne, die in einem exakten Kreis scheinbar um den Nordpol wandert.

Raclette auf dem Benzinkocher

Doch nach wenigen Minuten treibt uns der eisige Wind zum Aufbau der Zelte und zum Anwerfen der Benzinkocher. Im Laufe der nächsten Stunden treffen vier Skiläufer aus Russland und Norwegen nach zehn Tagen auf dem Eis am Nordpol ein. Sie feiern mit Wodka und Champagner, den sie 220 Kilometer über das Eis mitgeschleppt haben.

Am späten Abend erreicht der Schweizer Arktisprofi Thomas Ulrich mit seinem Team den Pol, der in den letzten Stunden schon ein paar hundert Meter durch die Eisdrift versetzt wurde. Thomas ist mit Birgit, Benqt und Naomi unterwegs. Naomi stammt aus Sambia, lebt in London und ist die erste schwarze Frau, die den Pol auf Skiern erreicht. Bis weit nach Mitternacht sitzen wir zu fünft im winzigen Zelt von Thomas und feiern unseren Nordpol mit Raclette. Den Käse dafür hat Thomas aus der Schweiz herangeschleppt. Meine gefriergetrockneten Spaghetti Bolognese bleiben in dieser Nacht im Vakuumbeutel.

Um 9 Uhr morgens taucht der russische Helikopter am Horizont auf und holt uns ab. Wir fliegen zurück ins Barneo-Camp und am gleichen Tag von dort mit der Antonow AN 74 zurück nach Spitzbergen. Dort ist es wolkenverhangen bei null Grad.

Ich sehne mich zurück in die kalte Sonne auf dem Arktischen Ozean - nur meine erfrorene Nase weiß das Schmuddelwetter zu schätzen.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. jetzt mal....
Gerixxx 27.04.2011
....ganz ehrlich: was ist die Motivation für solchen Tourismus ? Neugier ? wissenschaftliches interesse ? Ennui ? der persönliche Kick ? Gruppendynamik ? Statusdenken ? schwaches Selbstwertgefühl ? Was, wenn nicht nur ein paar, sondern ein paar Millionen von finanziell entsprechend ausgestatteten Erdenbürgern den Nordpol (oder meinetwegen auch Südpol) persönlich aufsuchen wollen ? Nur mal so ... Vielleicht zum Vergleich: der Mount Everest, oder der Kilimandscharo und was das für Folgen für die Umgebung hat. Wie sieht eigentlich die Ökobilanz einer Reise in die Arktis aus ? Nachhaltigkeit und Verantwortung sieht jedenfalls anders aus .....
2. Und das nächste Mal...
hk1963 27.04.2011
...lasse ich mich vom Heli 10 Meter unterhalb des Gipfels des Mt. Everest absetzen, um dann zehn Minuten später das Hochgefühl zu genießen, den höchsten Punkt der Erde erreicht zu haben...
3. Auf Thema antworten
c.PAF 27.04.2011
Zitat von sysopGigantische*Wälle aus Eis versperren den Weg, die Kälte sorgt für blutige Nasen -*drei Tage*lang kämpft sich der Fotograf*Michael Martin auf Skiern*zum Nordpol. Am Ziel*erwarten*ihn Raclette-Käse aus der Schweiz, Alkohol*aus Russland - und*das Hochgefühl,*den Mittelpunkt der Welt*erreicht zu haben. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,759036,00.html
Der Nordpol ist der Mittelpunkt der Welt? Nachdem die Erde eine Kugel und keine Scheibe ist, hätte ich mir unter dem Mittelpunkt der Welt dann doch etwas anderes vorgestellt...
4.
Zapallar 27.04.2011
Immer diese Hybris der Autoren: "Nur mit Skier oder Helikopter zum Nordpol"? "Motorschlitten und Raupenfahrzeuge würden scheitern"? Ja ne, is' klar: http://www.youtube.com/watch?v=WNkvASxfEWQ
5. "Helden" am Pol
svalbard 21.06.2011
Ich habe meinen Standpunkt schon im Beitrag zum Eiscamp Barneo dargelegt, diese Art von "Spitzenleistung" ist mehr als fragwürdig. Ich will ja die körperliche Leistung nicht schmälern, aber wahre Polarbegeher starten von Land aus und lassen sich nicht bis an ein paar Kilometer heranfliegen. Ob kurz oder lang können wohl solche "Expeditionen" an der Kasse des örtlichen Supermarkts gebucht werden.... Zum Videolink der Top-Gear Herren: Soweit mir bekannt ist wurde "Offroad" der magnetische Pol erreicht, der geografische ist noch ein rechtes Stück weiter. Freue mich schon auf die Schlagzeile vom ersten Biker am Pol...
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Zur Person

Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene "Die Wüsten der Erde".

Martins neues Projekt: ein Vergleich zwischen Eis- und Trockenwüsten. Dafür besucht er die wichtigsten Eiswüsten der Nord- und Südhalbkugel und ihre Bewohner. Er wird mit Hunde- und Motorschlitten, per Schiff und Flugzeug und - wo immer möglich - mit dem Motorrad unterwegs sein.
www.michael-martin.de


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