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Abenteuer-Guide Thomas Ulrich: Wo geht's denn hier zum Nordpol?

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Auf Skiern zum Nordpol für 44.000 Euro: Der Schweizer Thomas Ulrich führt Touristen durch die Extremkälte der Arktis. Am Ziel gibt es echte Einsamkeit. Und Nusskuchen.

Zwei Gämsen tippeln über einen Grat am Niederhorn, ein Bock und ein Weibchen. Sie blicken herunter zu dem prominenten Skiläufer und laufen ein paar Schritte weiter, ihre Hufen hinterlassen tiefe Spuren im vorher unberührten Schnee. "Im Vergleich zu denen sind wir richtige Pfeifen", sagt der Skiläufer mit echter Bewunderung. "Wir brauchen Schlafsäcke, Zelte und Kocher. Die leben einfach so in der Natur."

Mit Schlafsäcken und Zelten kennt er sich aus. Der Schweizer Thomas Ulrich, 49, ist Bergführer und Arktisexperte, Spezialgebiet: Nordpol-Touren. In seinem Lager in Interlaken stapelt sich tonnenweise Expeditionsausrüstung. Wie oft er schon am nördlichsten Punkt der Erde war - da ist er nicht ganz sicher. "12- oder 13-mal", sagt er. Dieses Jahr im April wird eine weitere Polreise dazukommen. Mit einer Gruppe Touristen, die rund 44.000 Euro für die "Last Degree"-Tour zahlen, mehr als für eine Everest-Besteigung. Weil die Flüge dort oben so teuer sind.

"Last Degree" bedeutet: per Flugzeug von Spitzbergen zur russischen Eisstation Barneo am 89. Breitengrad, dann auf Skiern mit Pulkaschlitten rund 120 Kilometer bis zum Nordpol. Normalerweise bedeutet das sieben bis neun Tage in der Kälte. Die genaue Kilometerzahl lässt sich nie vorhersagen, weil die Eisplatten driften - häufig verliert man nachts wieder einiges der Strecke, die man tagsüber zurückgelegt hat.

Jährlich machen sich nur etwa zehn bis zwölf Gruppen auf diesen Weg. Wer es bequemer haben will, kann auch einen Helikopterflug von der Station buchen, Champagner am Pol inklusive. Oder eine Fahrt im russischen Atomeisbrecher ab Murmansk. Wer es unbequemer haben will, meldet sich für den jährlichen Nordpolmarathon an.

Extremcamping für Superlativsammler

Alle von Ulrichs Kunden sind wohlhabend, manche erfüllen sich ihren Lebenstraum, einige sind ausgemachte Superlativsammler: "Die wollen die sieben höchsten Gipfel aller Kontinente besteigen und beide Pole besuchen." Andere buchen "hauptsächlich, um beim nächsten Ärztekongress zu sagen, dass sie dort waren".

Über die Absurditäten menschlicher Abenteuerprahlerei könnte der gelernte Zimmermann Ulrich ein Buch schreiben. "Einen 17-jährigen Engländer hatte ich dabei, der war völlig überfordert. Es fehlte nur noch, dass ich ihm morgens die Schuhe zubinde. Dann wurde er in der Presse als jüngster Mensch gefeiert, der je 'allein' den Nordpol erreicht hat." Ein Expeditionsguide muss damit leben, dass viele Kunden später seinen Anteil am Gelingen ein wenig unter den Eisteppich kehren, um selbst verwegener dazustehen.

Wenn dann endlich "90° 00' 00" N" auf der GPS-Anzeige steht, kriegt jeder ein Stück Nusstorte, gebacken von Ulrichs Frau. Dass er jeden hinbringt, kann er jedoch nicht garantieren. Einmal hat sich ein Gast beim Klogang bei minus 30 Grad so die Finger unterkühlt, dass er mit dem Heli abgeholt werden musste. Ein anderes Mal hielten sich zwei Kunden an keine Anweisung und waren völlig überfordert - sie mussten die Tour abbrechen und flogen nach drei Tagen zurück nach Barneo.

"Eigentlich bin ich gern zu Hause"

An diesem Januarmorgen in der Schweiz läuft Thomas Ulrich mit großen Schritten vorwärts auf seinen Crosscountry-Skiern. Wie jemand, der nicht weiß, wohin mit seiner Kraft. Er trägt norwegische Goretex-Stiefel, die "North Pole" heißen, und eine grüne Mütze, auf der "Next to the North Pole" steht. Er besitzt so etwas wie ein Pol-Monopol - auf dem deutschsprachigen Markt ist er der Einzige, der regelmäßig Nordpol-Skitouren führt.

Die Aussicht auf die Berner Alpen ist spektakulär, ein völlig klarer Sonnentag im Winter mit Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Hier ist Ulrichs Trainingsrevier, er wohnt mit seiner Frau und ihren zwei Kindern im 1200-Einwohner-Dorf Beatenberg an der Mittelstation der Niederhorn-Seilbahn. "Die Leute denken: 'Toll, der kann immer nur reisen'. Aber eigentlich bin ich gern zu Hause", sagt Ulrich. "Kann man verstehen, oder?"

Seit März 2006 kennt er eine Intensität von Heimweh, wie sie wenige lebende Menschen erfahren haben. Allein wollte er auf Skiern von Sibirien über den Nordpol nach Kanada laufen, 1800 Kilometer in völliger Einsamkeit, noch niemand hatte das vorher geschafft. "Solo, unassisted" ist das Polartouren-Äquivalent einer Achttausenderbesteigung ohne Flaschensauerstoff: ein Abenteuer ohne Depots oder sonstige Unterstützung von außen, abgesehen vom Kontakt per Satellitentelefon zu einem Wetterexperten.

Drei Jahre hatte er geplant, trainiert, Wetterdaten ausgewertet und Sponsoren bezirzt, 100 Tage sollte das Abenteuer dauern. Doch schon zwei Tage nach dem Start in Golomiannyi geriet er auf dünnem Eis in einen heftigen Sturm, der Untergrund brach, festerer Grund war unerreichbar. Er setzte einen Notruf ab, allein auf einer fragilen Eisscholle wartete er tagelang auf Rettung.

Abenteurer des Jahres

Als nach dem Sturm endlich ein russischer Hubschrauber fliegen konnte, waren zwischen ihm und dem vier Kilometer tiefen Meer nur noch wenige Zentimeter Eis. Die Rettung kostete 80.000 Euro, die Expeditionsversicherung übernahm keinen Cent. "Eigentlich war das Geld gar nicht so schlecht eingesetzt, für mein eigenes Leben", sagt er heute.

Schlimmer trafen ihn manche Anfeindungen, die er sich im Anschluss anhören musste. Zu riskant, lebensmüde, ein Himmelfahrtskommando sei das gewesen. "Ich hatte einfach großes Pech", ist heute sein Fazit, an der Planung konnte er selbst keinen Fehler finden.

Die Arktissucht war damit nicht abgestellt, der Ehrgeiz erst recht nicht. Ein Jahr später brach Ulrich mit dem Norweger Børge Ousland zu einer Extremtour vom Nordpol nach Franz-Josef-Land auf. 85 Tage, 180 Kilo Gepäck im Pulkaschlitten, 40 Eisbärensichtungen. Dafür wurden die beiden vom "National Geographic"-Magazin zu den "Abenteurern des Jahres" gekürt.

"Vieles ist negativ da draußen: Es ist kalt und windig. Du musst dir da die Lichtblicke heraussuchen", sagt Ulrich. "Das Privileg, hier zu sein, die Landschaft, das Eis, die Lichtstimmung. Für mich ist der Reiz jedes Mal das Neue: keine ausgetretenen Trampelpfade und ein Erlebnis, das nicht jeder hat."

Demut vor der Natur

Auf dem Burgfeldstand, dem mit 2063 Metern höchsten Punkt des heutigen Skiausflugs in den Berner Alpen, raucht Thomas Ulrich eine selbst gedrehte Zigarette, Drum Bright Blue, das gebrauchte Streichholz schiebt er in eine leere TicTac-Packung. Weit unten im Tal sind die Dächer von Interlaken zu sehen. "In den Alpen verlässt du die Zivilisation nie so richtig, oft siehst du noch Lichter einer Ortschaft oder hörst Ballermann-Musik aus dem Tal", sagt er. "Aber wenn du in der Arktis bist und weißt, unter dir sind 4000 bis 5000 Meter Wasser, und die nächste Ortschaft ist 1000 Kilometer entfernt, dann lernst du Demut vor der Natur."

Eigentlich wollte Ulrich dieses Jahr die Solodurchquerung von Sibirien nach Kanada noch einmal versuchen, zehn Jahre nach dem Eisschollenfiasko. Doch bei einer zweiwöchigen Probetour spürte er, dass "das Feuer nicht mehr so brennt, so stark an die Grenzen zu gehen". Auch sei es schwerer geworden, Sponsoren zu finden. "Wenn ich als Guide unterwegs bin, ist dagegen das Einkommen garantiert, und ich komme trotzdem ins Eis."

Nachfrage ist weiterhin vorhanden: In ein paar Wochen wird er mit einem Kunden auf das grönländische Inlandeis aufbrechen. Kürzlich kam die Anfrage, ob er auch eine Südpoltour führen würde. Beides hat er noch nie gemacht. Ein paar Abenteuer sind für ihn immer noch übrig auf dem Planeten.

Webseite von Thomas Ulrich: thomasulrich.com

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