Bereits im 16. Jahrhundert wurden ernsthafte Versuche unternommen, die Nordwestpassage zu finden. 1845 schickte die britische Krone John Franklin mit 128 Männern und zwei großen Schiffen auf die Suche. Und 167 Jahre später stehe ich an vier ihrer Gräber, die in der Frostschuttwüste von Beechey Island schon vom Kreuzfahrtschiff "Clipper Adventure" aus zu sehen waren.
Hier hatte Franklin den ersten Winter gelagert, bevor er mit den verbleibenden Männern nach Süden aufbrach und für immer im Eis verschwand. Nicht weniger als 40 Suchexpeditionen blieben erfolglos, wenn sie auch erheblich zur kartografischen Erfassung des kanadischen Archipels beigetragen haben. Als man die Toten von Beechey Island exhumierte, wurden hohe Bleikonzentrationen festgestellt. Das legt den Schluss nahe, dass den Männern der Franklin-Expedition neben Kälte und Entkräftung die bleihaltigen Konservenbüchsen zum Verhängnis geworden sind.
Diese Sorge müssen die Passagiere der "Clipper Adventure" nicht haben, die jeden Tag mit mehrgängigen Menüs im Speisesaal versorgt werden. Mit hundert Passagieren ist das Schiff in Resolute gestartet und wird durch den Ostteil der Nordwestpassage fahren, um dann durch den Smith Sound an die Nordwestküste Grönlands zu gelangen.
Eigentlich gehört eine derartige Schiffsreise nicht zu meiner bevorzugten Reiseart, hat man doch als Passagier keinerlei Einfluss auf den Reiseablauf. Andererseits sind solche Schiffe die einzige bezahlbare Möglichkeit, entlegene Gebiete in der Arktis und Antarktis zu erreichen. Den Besuch der Nordwestpassage macht aber auch der Klimawandel möglich - was den Seeweg zurzeit hochspannend für die Schifffahrt macht: Bald könnten im kurzen arktischen Sommer wohl auch Frachtschiffe regelmäßig ihren Weg durch das Labyrinth aus Inseln und Eis finden und auf diese kürzeren Verbindung von Europa nach Ostasien viel Zeit sparen.
Inuit an Bord
Nächstes Ziel ist Prince Leopold Island, wo 300 Meter hohe Felsklippen die Nordwestpassage flankieren. Schlauchboote bringen die Passagiere vom Schiff zu den Felsen, in denen Hunderttausende Seevögel leben. Noch spektakulärer ist eine Bootstour unterhalb der Klippen von Coburg Island. Ein Polarbär klettert dort durch die Felsen und frisst Dutzende Jungvögel.
Dundas Harbour, das Ziel des nächsten Tages, macht das Anlegen einfacher: Der natürliche Hafen wurde schon vor mehr als 500 Jahren von Inuit genutzt, in ihren Siedlungsresten deuten die Skelette von Walen auf ihre wichtigste Nahrungsquelle hin. Ruinen einer Station der Royal Canadian Mountain Police sind zu sehen, die Kanadier hatten damit versucht, ihren Anspruch auf den Ostteil der Nordwestpassage zu zementieren.
Südlich zieht die vergletscherte Nordküste von Devon Island vorbei, mit 55.000 Quadratmeter Fläche die größte unbewohnte Insel der Welt. Dieser Superlativ würde Ellesmere Island zustehen, gäbe es an deren Südküste nicht die kleine Inuit-Siedlung Grise Fjord. Bevor wir dort am nächsten Tag anlanden, besucht eine Delegation dieses Dorfes das Schiff. Nach einem einheimischen Ranger und der Bürgermeisterin ergreift Larry das Wort. Er wurde zusammen mit seinen Eltern und weiteren sieben Familien hier im Jahre 1953 zwangsweise angesiedelt.
Die Inuit stammten aus dem klimatisch vergleichsweise gemäßigten Québec und fanden sich plötzlich in der lebensfeindlichen Hocharktis wieder. Kanada wollte auch mit der Besiedelung seinen Besitzanspruch gegenüber Dänemark untermauern. Bis heute währt der Streit der beiden Länder. Erst kürzlich konnte der Konflikt um die winzige Insel Hans beigelegt werden, in dem man sie teilte. So haben nun beide Länder Anspruch auf die nördlich davon vermuteten Ölvorkommen.
Geringere Lebenserwartung, höhere Selbstmordrate
Grise Fjord hat heute gerade mal 145 Einwohner und ist die nördlichste Ortschaft Kanadas. Die Menschen leben von der Jagd und vom Fischfang, für eine funktionierende Infrastruktur sorgt der kanadische Staat. Die Ankunft von über hundert Schiffspassagieren nehmen die Bewohner gelassen auf. Im örtlichen Saal wird das seltene Ereignis mit Ansprachen und Vorführungen gefeiert.
Über dem Gebäude weht die kanadische Flagge und die Flagge von Nunavut, das 1999 als eigenständiges Territorium Kanadas gegründet wurde. Das ist auch deswegen bemerkenswert, weil damit das einzige Staatsgebilde Nordamerikas geschaffen wurde, das von Ureinwohnern verwaltet wird.
Wäre Nunavut ein eigenständige Staat, stünde es auf Platz 15 der größten Länder der Welt. Die Bevölkerung besteht fast ausschließlich aus Inuit, das Durchschnittsalter liegt bei nur 22 Jahren. Die 32.000 Einwohner leben in 25 Kommunen, die durch keine einzige Straße miteinander verbunden sind. Trotz vielfältiger Bemühungen ist die Lebenserwartung in Nunavut zwölf Jahre geringer als im übrigen Kanada, die Selbstmordrate elfmal höher.
Trotz dieser Zahlen herrscht auch Optimismus im Land, nicht zuletzt durch die Aussicht auf neue Arbeitsplätze und Einkommensquellen aufgrund der beginnenden Rohstoffausbeutung. Es bleibt zu hoffen, dass es den Verantwortlichen gelingt, dabei strenge Umweltstandards durchzusetzen.
Kannibalismus zum Überleben
Unser Schiff hat nördlichen Kurs eingeschlagen und folgt der vergletscherten Küste von Ellesmere Island. Leider muss der schwedische Kapitän das Schiff in der Mitte der Baffin-Bucht halten, um Untiefen und Eisbergen auszuweichen. So ziehen die ins Meer kalbenden Gletscher nur in der Ferne vorbei. Knapp unterhalb des 79. Breitengrades und damit gerade noch 1000 Kilometer vom Nordpol entfernt, erreichen wir Pim Island, eine winzige Insel im Norden des Smith Sounds.
Wir landen mit Schlauchbooten in jener Bucht an, in der der amerikanische Offizier Adolphus Greely mit seinen Männern den Winter 1883/1884 unter mörderischen Bedingungen verbracht hatte. Sie hatten sich nach ihrem Vorstoß Richtung Nordpol darauf verlassen, dass ein Versorgungsschiff dort Vorräte für sie deponiert hatte, was aber unterlassen wurde. Nur sechs der 25 Männer waren noch am Leben, als eine Suchexpeditionen Pim Island erreichte. Bald wurde ihnen Kannibalismus vorgeworfen, was sich nach der Obduktion der Leichen auch bestätigte.
Wir erleben Pim Island bei Sonne und angenehmen Temperaturen und kehren bald wieder auf das komfortable Schiff zurück, wo Satellitentelefone, GPS und Radar die Naturgefahren minimieren. Nach dem Essen stimmt der mitreisende Musiker Tom Kovacz in der Lounge alte Lieder von Bob Dylan und Cat Stevens an. Das Schiff hat längst Kurs auf die Küste Nordgrönlands genommen.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels stand, dass der verschollene Arktisforscher Benjamin Franklin hieß. Das ist falsch, nicht der Gründervater der USA, sondern der Brite John Franklin verschwand im Eis.
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