Northland in Neuseeland Lockruf der Delfinfrau

Jo Halliday kennt sie alle, die schönsten Orte in Neuseelands einsamem Norden - Traumstrände, Kauri-Wälder, Meerwasserpools. Am liebsten aber fährt sie in die Bay of Island und ruft ihre Delfine.

imago/robertharding

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Und plötzlich tauchen sie auf, direkt neben dem Boot. Dreieckige, große, graue Finnen. Und Joanne Halliday ist aufgeregt wie beim ersten Mal. "Jetzt! Schnell! Go-Go-Go! Rein ins Wasser! Go-Go-Go!", schreit die Tourleiterin. 18 Teilnehmer lassen sich vom Bug ins offene Meer gleiten: hin zu den drei Delfinen neben dem Boot.

Der erste, deutlich größer als ein Mensch, gleitet unter der Gruppe her. Er hat eine tiefe Narbe auf dem Körper. Der zweite schlägt Purzelbäume im Wasser. Der dritte und kleinste, schaut sich bloß die merkwürdigen Gestalten an mit den Taucherbrillen, den bunten Schnorcheln und den viel zu engen Plastikflossen. Er sieht aus, als lächele er. Man könnte ihn streicheln, so nah ist er. Aber das hat Halliday streng verboten.

Und dann sind sie weg. Abgetaucht in die Tiefe. Kein Mensch kann ihnen folgen. Die Schnorchler ziehen sich hoch ins Boot, einer nach dem anderen. Augen strahlen, einige umarmen sich, eine Frau weint vor Rührung. Denn darum sind sie alle hierhergekommen in die Bay of Islands in Northland, Neuseelands nördlichster Region: um einmal mit Delfinen zu schwimmen. Wenngleich nur für ein paar Augenblicke.

Jo Halliday
Claus Hecking

Jo Halliday

"Wir waren diesmal wohl nicht spannend genug für die Delfine", sagt Jo Halliday. "Manchmal bleiben sie auch eine halbe Stunde." Sie kennt fast alle: die Großen Tümmler in der Bay of Islands. Schon als Kind hat Halliday Delfine beobachtet; sie kommt aus der Region.

Wo sonst gibt es eine Glühwürmchenhöhle zum Nulltarif?

Seit nunmehr 27 Jahren fährt Jo Halliday mit ihren Gästen bis zu zweimal täglich hinaus vom Strandort Paihia in die Bay of Islands. Zwischen 300 und 400 Große Tümmler leben in den Gewässern rund um Northland. Vielen davon haben Jo Halliday und ihre Kollegen Namen gegeben. "Der mit der Narbe war Slash", erzählt sie. "Das Weibchen neben ihm heißt Jo90. Den Kleinen nennen wir Luna."

Slash, Jo90, Luna und Co. locken immer mehr Menschen nach Northland. Seit drei, vier Jahren sind die Boote der Delfintour-Veranstalter voll wie nie zuvor, erzählt Halliday. "Früher kamen vor allem Neuseeländer zu uns. Nun kriegen wir auch viele ausländische Gäste."

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Strände, Inseln, Wälder: Neuseelands unterschätzter Norden

Die Delfine, Inselchen und Felsformationen der Bay of Islands sind die Hauptattraktion von Northland. Viele Gäste nehmen nur für die eine Bootstour drei Stunden Anreise von Auckland auf sich - und fahren danach gleich wieder zurück. Ein Fehler.

Die meisten internationalen Reisenden lassen Northland sowieso ganz aus: weil die Halbinsel ein Umweg ist auf der Standardroute Auckland-Christchurch. Weil sie keine Vulkane, Gletscher oder Bungee-Brücken zu bieten hat. Gerade das ist vielleicht der größte Trumpf dieser Region.

Denn mit etwas Glück hat man Traumstrände wie die Rangiputa Bay mit ihrem weißen Sand oder die Meerwasserpools von Matapouri für sich. Und wo sonst in Neuseeland kann man noch zum Nulltarif eine Höhle voller Glühwürmchen bestaunen? In den Waipu Caves werden die leuchtenden Pilzmückenlarven nicht kommerziell vermarktet. Weil sich der Andrang in Grenzen hält. Noch.

Tauchen in Kelpwäldern

"Underrated", unterschätzt, nennt Jo Halliday ihre Heimatregion. Aber nach und nach entdecken auch internationale Besucher die Vorzüge von Northland:

  • Etwa ihr Klima: gerade im Frühjahr oder Herbst, wenn es weiter südlich kalt sein kann, ist der subtropische, sonnenverwöhnte Norden meist angenehm warm. Und kaum eine Region ist so vielfältig wie diese.
  • In Paihias Nachbarort Waitangi taucht man in Neuseelands Historie ein - dort unterzeichneten einst Briten und Maori den umstrittenen Vertrag, der die Inseln der britischen Krone unterstellte.
  • In Jo Hallidays Heimatstädtchen Kawakawa lassen sich die Besucher auf Toiletten voller bunter Mosaiken nieder: eine Hinterlassenschaft des österreichischen Künstlers Friedensreich Hundertwasser, der hier die letzten zweieinhalb Jahrzehnte seines Lebens verbrachte.
  • In Northlands besonders einsamem Westen gibt es noch intakte Kauriwäldern.

Und die Poor Knight Islands vor Tutukaka an der Ostküste sind das beste Tauch- und Schnorchelrevier Neuseelands. Zwischen den Kelpwäldern unter Wasser tummeln sich nicht nur Moränen oder Rochen, sondern auch Schwärme von Riffbarschen und Makrelen. Dazu bunte Fische, wie man sie sonst nur von tropischen Korallenriffen her kennt - eine warme Meeresströmung macht's möglich -, und Unterwassergrotten. Zwischen den Tauchgängen tuckern die Boote in die Rikoriko Cave. Dort brüllen die Touristen auf Kommando los. Denn die größte Meereshöhle der Welt ist eine erstklassige Echokammer.

Die Natur erscheint im dünn besiedelten und traditionell strukturschwachen Northland noch unberührter als andernorts in Neuseeland. "Wir haben hier fast keine große Fabriken, keine großen Städte und wenige Straßen", sagt Jo Halliday. "Das Leben hier ist nicht einfach, weil es nur wenig Arbeit gibt", gerade für die Maori, die in einigen Dörfern 80 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Aber viele Menschen bleiben trotzdem. Weil ihre Familien hier sind. Und weil es so schön ist.

Neuseelands wilde Seite

Je weiter es nach Norden geht, desto einsamer wird es. Ganz oben am Cape Reinga herrscht noch einmal Andrang. Hier zeigt sich Neuseeland ein letztes Mal von seiner wilden Seite. Zwei Meeresströmungen klatschen vor dem Kap mit meterhohen Wellen aufeinander, bilden Strudel und Whirlpools. Wer will, kann hier stundenlang an den Cliffs entlang und zu einsamen Sandstränden hinab wandern. Noch nicht einmal fünf Gehminuten vom Cap Reinga entfernt ist keine Menschenseele mehr zu sehen.

Keine 90 Meilen, sondern eher 90 Kilometer lang ist der "Ninety Mile Beach" an der Westküste der Aupouri Peninsula. Immer wieder versuchen Touristen, mit dem Auto über den Strand zu brettern, nicht selten bleiben sie stecken. Viel ungefährlicher ist es, die meterhohen Dünen herab zu surfen. Am Te-Paki-Fluss verleihen Einheimische Boogie-Boards. Wem die Dinger zu schnell werden, der bremst einfach mit den Füßen. Oder wirft sich in den Sand.

Jo Halliday kennt sie alle, die schönsten Orte von Northland. Aber am liebsten fährt sie noch immer von Paihia hinaus in die Bay of Island, zu ihren Delfinen. Und wenn sie im Wasser welche entdeckt, redet sie mit ihnen. "Ich rufe durch den Schnorchel mit ganz hoher Stimme: 'Hello Dolliebadoose!, Hello Dolliebadoose!, Hello Dolliebadoose'", sagt sie. Und dann? "Dann schwimmen sie zu mir."

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
heidschnucke 25.03.2018
1. Wenn
ich mich in ein Flugzeug traute, würde ich dort meinen Lebensabend verbringen.
lotharbongartz 26.03.2018
2. Touristen
Touristen werden meist auf die Südinsel geschickt, dabei ist Neuseeland fast überall schön. Tolle Landschaften gibt es auch auf der Nordinsel und natürlich herrliche Strände zuhauf. Man ist nie weit vom Meer entfernt Wir wohnen selbst "clifftop" mit Blick auf Auckland City. Die Küstenlinie Neuseelands ist fast so lang wie die der USA. Lothar Bongartz, 1der1, Auckland
krautkiwi 26.03.2018
3. Anzeige bitte kenntlich machen
Liebe Redaktion, ich lebe in Neuseeland 10 Jahren und bin nach wie vor begeistered, aber das hier kein journalistischer Artikel sondern Werbung. Habe ansich auch nichts gegen Werbung fuer Neuseeland, aber bitte dann auch als solche kenntlich machen! Es waehre doch sehr wuenschendswert das, wenn man Northlands als Thema nimmt, die wirtschafliche Lage nicht in einem Satz mit "strukturschwach' abgehandelt wird, sonder die hohe Arbeitslosenzahl in der Region weiter thematisiert wird. Z.B. das Problem mit crystal meth oder hohe Zahl der Kleinkriminalitaet. Aber zumindestens ein Verweis auf die doch sehr hohen Kosten fuer eine solche Ausfahrt mit dem Boot (eine Sichtung von Walen oder Delphinen ist nicht garantiert) scheint angebracht. Ansonsten bekommt man schnell den Eindruck sich hier im Onlineportal eines Klatschblattes zu befinden. Und mir gehts es jetzt hier nicht um Neuseeland (es ist wunderbar und ich kenn kein anderes Land in dem man eine solche Landschaftliche vielfalt erleben kann und obendrein die Mesnchen sehr sehr freundlich und hilfsbereit sind), sonder um das Niveau solcher Beitraege. Ich vermisse richtigen Journalismus!
MartinK. 26.03.2018
4. Geht doch.
Zitat von heidschnuckeich mich in ein Flugzeug traute, würde ich dort meinen Lebensabend verbringen.
Sie müssen dann eben nur Bahn und Schiff zur Überfahrt bemühen. Ist zwar eine tagelange Reise, und sicher ein kleines Abenteuer. Zurück wollen Sie ja offenbar eh nicht wenn Sie schon mal da sind.
hardeenetwork 26.03.2018
5. Kaikoura
Schwimmen mit Delphinen in Kaikoura ist nicht zu toppen. Selber schon mehrere Male dabei gewesen. Es gibt also viele Orte wo man mit Delphinen schwimmen kann und jeder ist wohl anders. Paradies Neuseeland.
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