Notfalleinsätze in Island Tollpatschige Touristen, nette Retter

Verschollene Touristen, abgesoffene Autos, plötzliche Vulkanausbrüche: Islands Landsbjörg-Rettungshelfer sind ständig im Einsatz. Manchmal ist die beeindruckende Natur schuld, manchmal die grobe Fahrlässigkeit der Urlauber.

Siguraur Olafur Sigurasson / Landsbjörg

Von Alva Gehrmann


Ob der durchkommt? Einige Touristen stehen an einem steilen Felsvorsprung, nicht etwa um ins weite Tal im isländischen Hochland zu blicken. Viel lieber schließen sie Wetten ab, ob der Fahrer des Wohnmobils es wohl schafft, den Fluss zu durchfurten. Es hat viel geregnet. Das Gewässer bei Fjallabaki, auf dem Weg nach Landmannalaugar, ist weit über die Ufer getreten.

Das französische Ehepaar im Wohnmobil schafft es nicht. Die beiden stecken jetzt mitten in dem 20 Meter breiten Flussbett fest. Immerhin holen die Schaulustigen Hilfe. Direkt neben dem Zeltplatz hat Slysavarnafélagið Landsbjörg, die isländische Such- und Rettungsgesellschaft, in einer Holzhütte ihre mobile Station aufgebaut. Haraldur Haraldsson, genannt Halli, springt auf und steigt mit einem Kollegen in den Van. Der Isländer ist Teamleiter einer zwölfköpfigen Gruppe, die eine Woche ihres Urlaubs damit verbringt, in Not geratenen Menschen zu helfen.

Die Landsbjörg-Retter unterstützten Bauern, deren evakuierte Höfe am Fuße des Eyjafjallajökull-Vulkans unter einer dicken Ascheschicht versinken. Sie bergen Touristen, die in Gletscherspalten hängen bleiben, oder kümmern sich um Fischer in Seenot.

All das tun sie ehrenamtlich. Rund 18.000 Isländer, das entspricht fast sechs Prozent der Bevölkerung, sind Mitglied. Auch an internationalen Missionen ist Landsbjörg beteiligt. Im Januar 2010 gehörte Halli zu einem Spezialteam, das nach dem Erdbeben in Haiti innerhalb von 24 Stunden zum Unglücksort flog. Sie waren dort die erste internationale Rettungscrew, noch vor den US-Amerikanern.

Wo überquert man am besten einen Fluss?

Die Isländer sind Naturkatastrophen gewohnt. Vielerorts zischt und blubbert es. Im Wochenrhythmus verbreiten Experten neue Prognosen, welcher der rund 30 aktiven Vulkane wohl als nächstes ausbrechen könnte. Und die meisten Hochlandstraßen sind lediglich im Sommer passierbar, daher ist diese Landsbjörg-Station auch nur dann mit wechselnden Teams besetzt. Hier beginnt der beliebteste Wanderweg des Landes, der Laugavegur. Vier Tage braucht man, um vorbei an moosbewachsenen Lavafeldern, schwefelgelben Rhyolithbergen, dampfenden Quellen und grünen Weiten bis ins 55 Kilometer entfernte Tal nach Þórsmörk zu wandern. Das Ziel liegt unweit des weltberühmt gewordenen Eyjafallajökull.

Es ist eine wunderschöne, aber auch sehr raue Natur. Das französische Paar hat Glück, dass ihr Malheur nahe einer Rettungsstation passierte. So sind Halli und sein Kollege Marcel Rodriguez sofort zur Stelle. Marcel ist ein Freund des Landsbjörg-Teams, er gehört zu einer Bruder-Organisation aus den USA.

Marcel legt sich in seinem Trockenanzug unter das Wohnmobil, vertäut es mit Hallis Gelände-Van. Innerhalb von zwei Minuten haben sie ihn befreit. Bezahlen müssen die Franzosen nichts. "Sie haben den Anfängerfehler gemacht, an der schmalsten Stelle reinzufahren", sagt Halli. "Dort ist der Fluss oft am tiefsten."

Zurück im Camp, gibt es in der Hütte einen kräftigen Kaffee. Auf wenigen Quadratmetern schlafen sechs Personen. Da die anderen noch auf Patrouille sind, findet jeder Platz am Esstisch. "Vor zwei Tagen mussten wir eine Leiche bergen", berichtet Halli. Bei dem Toten handelte es sich um einen amerikanischer Urlauber, der im vergangenen September als vermisst gemeldet worden war. Touristen fanden ihn nun abseits der Laugavegur-Route in einem Bach. Wahrscheinlich verlief sich der junge Mann bei einem Unwetter, er war allein und mit unzureichender Ausrüstung unterwegs.

Regen und Wind können in Island tödlich sein. Manche Touristen nehmen die Warnungen nicht ernst. Sie sind es aus ihrer Heimat gewohnt, dass überall Zäune stehen, wenn eine Stelle gefährlich ist. Demnach müssten die Isländer fast ihre ganze Insel einzäunen. Dennoch ist ihr Land beliebt wie nie: Im Jahr 2000 kamen rund 300.000 Besucher, nun sind es mehr als dreimal so viele.

Retten als Lebensstil

Um 19 Uhr ist das Landsbjörg-Team im Camp vereint. Am Abend kommen einige verletzte Wanderer zur Station. Ein Belgier ist umgeknickt, eine Deutsche lässt ihre Brandwunde verarzten. Sie stieg an einer falschen Stelle in den heißen Quellfluss.

Könnte man im Urlaub nichts Angenehmeres machen, als bei Notfällen im Einsatz zu sein? "Es ist ein Lebensstil", sagt Halli, im Alltag Feuerwehrmann. Die anderen nicken zustimmend. Gegen zwei Uhr nachts gehen sie schlafen.

Um 7.30 Uhr kommt ein Notruf. Wieder ein gestrandeter Fahrer. Sie haben die Koordinaten, viel mehr wissen sie nicht. Sigríður Alma Ómarsdóttir ist an der Reihe. Müde hüpft sie aus dem Hochbett, schnappt sich ihre Hose und Jacke. Zwei Minuten später sitzt sie am Steuer des Geländewagens, Marcel und ein Kollege begleiten sie.

Eine Stunde lang fahren sie über Schotterwege durch das verlassene Hochland. Es gibt hier kaum Handyempfang. Scheinbar am Ende aller Wege, bei Krókslón, wartet Ingþór. Sein Toyota Hilux ist mitsamt Anhänger und Boot im See versunken. In Winterjacke, Jeans und Gummistiefeln steht der Isländer da mit seiner Schaufel. Der Mann um die 60 zittert, ist sichtlich erschöpft. Die halbe Nacht hat er versuchte, sein Gefährt aus dem kalten See zu befreien.

Fallen lauern überall

Gekonnt steuert Alma, die als Truckfahrerin arbeitet, ihren Turbodiesel rückwärts zum weichen Lavastrand. Die Kollegen vertäuen ein dickes Seil mit dem Toyota. Es braucht drei Anläufe, dann ist das Vehikel auf dem Trockenen. Als Ingþór die Fahrertür öffnet, strömt ihm das Wasser entgegen. Trotzdem springt das Auto sofort an.

Der Isländer umarmt Alma. Obwohl die Helferin sich mehrfach weigert, besteht er darauf, etwas zu spenden. Er drückt ihr 10.000 Kronen, rund 65 Euro, in die Hand. Warum er nicht früher angerufen hat? "Es war ihm sicherlich ein bisschen peinlich", sagt Alma auf dem Rückweg.

Am frühen Vormittag ist das Team zurück im Camp. Neben der Eingangstür stecken wie ein blecherner Blumenstrauß rund 20 verbeulte Autokennzeichen in einer Kiste. Weitere Schilder klemmen zwischen der Regenrinne. Sie stammen von Fahrern, die sie bei Flussquerungen durch den Wasserdruck verloren haben.

Eigentlich wollten die Retter damit das Wort "SAFE TRAVEL" buchstabieren, das erste E steuerte ein Fahrer aus Esslingen unfreiwillig bei. Auf das zweite E wartet Landsbjörg allerdings bislang vergeblich - und so steht dort nun "SAFE TRAP" - "sichere Falle".

Anfang August sind Halli und Marcel wieder für eine Woche in Landmannalaugar stationiert. Wer sich auf der Website www.safetravel.is genau informiert, dürfte ihre Hilfe aber nicht brauchen und auch sein Autokennzeichen behalten. Es sei denn, jemand möchte freiwillig ein E spenden.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
manni.baum 27.07.2015
1. Nie
Die Natur ist NIE schuld, selbst "plötzliche Vulkanausbrüche" haben eine natürliche,logische Ursache und deren Eintreten sollte von "grob fahrlässigen Menschen" immer für möglich gehalten werden.
vrdeutschland 27.07.2015
2. Strömendes Wasser
kam aus dem Hilux. Es gibt ein Video, wo ein Landcruiser in Australien durch einen Fluß "schwimmt". Fährt einfach am gegenüber liegenden Ufer weiter. Ich habe auf den Bildern der Rettungshelfer auch keines so geläufiges SUFF gesehen. Beindruckend, und toll wie auf der Basis der Freiwilligkeit und des Ehrenamts so eine Truppe zustande kommt. Oderhochwasser 365 Tage im Jahr sozusagen...
die3fragezeichen 27.07.2015
3. ...
Wenn man an einem Fluss von einem zum anderen Ufer will, dann kann man ihn 'überqueren' - via Brücke, Fähre, o.ä. - oder man kann ihn 'furten' - wenn nichts der gleichen vorhanden ist. Ich seh im Bild nur eben keine Brücke...
cindy2009 27.07.2015
4. warum keine Strafen?
Wir haben es auch erlebt, dass zwei Berliner mitten im Hochland mit einem damals schon alten Opel Record durch einen Fluss gefahren sind, obwohl wir vom anderen Ufer davon abrieten. Klar, sie blieben in der Mitte stecken und das Auto soff ab. Sind dann noch aufs Dach geklettert. Zum Glück kam ein Isländer mit dem richtigen Gefährt... Können die Touris nicht lesen? Überall stehen Schilder, dass man z.B. ohne 4x4 die Strecke nicht befahren darf, oder wie die Furt bei Niedrigwasser zu befahren ist!
merokutt 27.07.2015
5.
Zitat von cindy2009Wir haben es auch erlebt, dass zwei Berliner mitten im Hochland mit einem damals schon alten Opel Record durch einen Fluss gefahren sind, obwohl wir vom anderen Ufer davon abrieten. Klar, sie blieben in der Mitte stecken und das Auto soff ab. Sind dann noch aufs Dach geklettert. Zum Glück kam ein Isländer mit dem richtigen Gefährt... Können die Touris nicht lesen? Überall stehen Schilder, dass man z.B. ohne 4x4 die Strecke nicht befahren darf, oder wie die Furt bei Niedrigwasser zu befahren ist!
Touris können lesen, ignorieren das aber gerne. Die wollen in Island die große Freiheit spüren und haben nicht verstanden, dass zur räumlichen Freiheit die konsequente Selbsteinschränkung und Gefahrenabwägung gehört. Je weniger Regeln es gibt, desto mehr muss man auf sich selbst aufpassen - das kriegen viele nicht hin. Ich bin gespannt, wie sich Islands Tourismus in den nächsten Jahren entwickelt. In meinen Augen haben die Isländer mit der starken Bewerbung des Massentourismus die Büchse der Pandora geöffnet - bald wird an vielen Orten statt Natur Tourismuswirtschaft vorherrschen, mit allen Konsequenzen. Ein Fäkalienproblem gibt es aktuell schon. Absperrungen werden folgen...
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