Nusa Lembongan Robinsonade mit Blick auf Bali

Auf Nusa Lembongan hat sich trotz der ersten Australier, die das winzige Eiland im Südosten vor Bali zur Flitterwochen-Destination erkoren haben, bisher nur wenig vom ursprünglichen Leben geändert. Tagesgäste setzen zum Surfen, Wandern, Mountain-Biken und zur Algen-Massage auf die Insel über.

Von Hilke Maunder


Fischerboote bei Ebbe am frühen Morgen: Die Buchten sind Ziel von Tauchern und Surfern
Hilke Maunder

Fischerboote bei Ebbe am frühen Morgen: Die Buchten sind Ziel von Tauchern und Surfern

Hühner stieben flatternd davon, als das voll beladene Dreirad-Taxi die holprigen Sandweg entlangknattert. Mit Vollgas prescht der Fahrer voran und hupt fort, was im Weg sein könnte. Minuten später hält der drahtige Mann vor einem Eckladen, kauft eine Cola, klönt und lacht. Seine Fahrgäste warten geduldig. Auf Nusa Lembongan, nur eine Stunde von Bali mit dem Boot entfernt, gibt es nur wenige Autos und Motorräder. Das Dorfleben verläuft langsam, und die Einheimischen sind ihrem Glauben und den Traditionen tief verhaftet, ein Bali von vor 30 Jahren.

Die Frauen ernten im Meer die Algen, die Männer bestellen die Felder an Land - oder präparieren ihre Gockel mit scharfen Klingen oberhalb der Krallen für den Hahnenkampf. In Desa Lembongan, Hauptort der viermal zwei Kilometer langen, birnenförmigen Insel, hat es einen stolzen Hahn erwischt. Eine Fußflanke seines Gegners hat dem Hahn die Kehle durchgeschnitten.

Pflückerin von Seetang: Nur wenig vom ursprünglichen Leben hat sich auf  Nusa Lembongan geändert
Hilke Maunder

Pflückerin von Seetang: Nur wenig vom ursprünglichen Leben hat sich auf Nusa Lembongan geändert

Mit hohem Schwung landet das Tier auf einem Müllhaufen an der Straße. Der alte Mann, der einen ausgetretenen Treppenweg hinaufsteigt, nimmt davon keine Notiz. Sein Ziel ist der Pura-Pancak-Tempel, einst das wichtigste hinduistische Heiligtum der Insel. Von den Ruinen auf dem 50 Meter hohen Hügel schweift der Blick weit über die Insel und über das Meer. Am Horizont scheint der Vulkan Agung auf Bali über Wolken auf dem Wasser zu schweben.

Heute lebt der Glauben mitten im Dorf. In der Bale Banjar, der zentralen Versammlungshalle, bekleidet ein schwarz-weißes Tuch die steinerne Götterfigur. In der Opferschale liegen tropische Früchte und Blüten. Hohe Steinmauern umgeben die traditionellen Wohnhäuser, die üppig mit Steinmetzarbeiten geschmückt sind. In den Gärten wachsen Bananen, Papayas und Mangos; im Hof gackern Hühner, in der Ecke steht versteckt der Haustempel. Zwischen den Häusern verlaufen Sandwege, gesäumt von blühendem Hibiskus.

Kühle Wohnhöhle in Stein

Ein verwittertes Holzschild weist den Weg zum "Underground House" von Jero Mangku. 15 Jahre lang sonderte sich der Mann von seiner Familie ab, stieg mit Hammer und Meißel in den Untergrund und schuf eine kühle, aber kaum komfortable Wohnhöhle - ein verwirrendes Labyrinth aus Gängen, Kammern und Treppen, unterbrochen von Schächten für Luft und Licht. Selbst Bad und Bett, Küche und Keller, Schrank und Schreibtisch sind aus Stein. 1976 war die Arbeit getan, doch Mangku blieb die Anerkennung zu Lebzeiten verwehrt: Seine Familie weigerte sich, in den Untergrund zu ziehen. Heute krabbeln die Besucher mit Begeisterung durch die engen Gänge.

Mopedfahrer auf der Hängebrücke zur Nachbarinsel Nusa Penida:
Hilke Maunder

Mopedfahrer auf der Hängebrücke zur Nachbarinsel Nusa Penida:

In der Sanghiang Bay liegen Auslegerboote in Rot, Gelb und Grün auf dem Sand, ein ausladender Banyan-Baum spendet Schatten am Strand. Fischer flicken ihre Netze. Gegen Mittag ist die Idylle dahin: Riesige Katamarane und Jachten mit Tagestouristen von Bali ankern in der Bucht. Bereits an Bord haben sie ihre Ausflugsprogramme gebucht: Insel-Rundtour per Mountain-Bike, Wellness, Wandern oder Wassersport.

Auf der Wind zugewandten Seite der Insel säumen dichte Mangrovenwälder das Ufer. Hier starten Sampan-Touren, die erst durch den grünen Dschungel schippern, dann die schönsten Strände präsentieren. Junghut Batu Beach ist fest in der Hand der Surfer. Mit Furcht einflößenden Namen wie "Lacerations" (Risse) oder "Surgery" (Operation) gehören die Wellen an der Nordwestküste zu den weltbesten Breaks.

Algen für Chanel

Taucher und Unterwasserfotografen zieht es zur Crystal Bay, einem farbenprächtigen Korallengarten in kristallklarem Wasser. Seltene Mondfische finden sich am Tauchplatz Blue Corner; riesige Mantarochen paaren sich beim Manta Point der ungleich größeren Nachbarinsel Nusa Penida. Bei Drifttauchgängen an Steilwänden, an denen die Strömung fast vier Knoten erreicht, ziehen Haie und andere Großfische an den Tauchern vorbei und verschwinden im dunklen Blau der Tiefe.

Algenernte: Der Seetang wird per Boot nach Bali transportiert und zu feinem Pulver zerrieben
Hilke Maunder

Algenernte: Der Seetang wird per Boot nach Bali transportiert und zu feinem Pulver zerrieben

Zum Baden locken Mushroom Beach und Sanghiang Bay sowie Plattformen mit Wasserrutsche, Sonnendeck und Bar, die vor der Insel ins Meer gelassen wurden. Im Nusa Lembongan Resort werden die Gäste open-air in Algen eingepackt und massiert. Der Rohstoff stammt aus nächster Nähe. Die Röcke und Hosen hoch gebunden, waten Männer und Frauen durch knietiefes Wasser und setzen junge Schösslinge entlang der Drahtseile, die dicht an dicht durch die Buchten gespannt sind.

Nach einem Monat werden die Algen geerntet, drei Tage in der Sonne auf Palmwedelmatten getrocknet, per Boot nach Bali gebracht, in Sanur zu feinstem Pulver verrieben und in alle Welt verschifft. Seetang aus Sanur liefert Chanel das Rot der Lippenstifte, stabilisiert Lebensmittel und ist gefragter Rohstoff bei Arzneimitteln.

Gegen 17 Uhr verlassen die letzten Ausflugsboote wieder die Insel. Zurück bleiben einige hundert Einheimische und wenige Gäste. Wie eine Kette säumen ihre Unterkünfte die weite Sanghiang Bay: im Nordosten die einfachen "Lumbung-Hütten" im Stil traditioneller Reishäuser, im Südwesten die Luxusvillen des Nusa Lembongan Resorts. Für zwei frisch Vermählte wird dort auf einem der neun Decks hoch über den Klippen ein Candle-Light-Dinner mit Fackelschein inszeniert - als romantische Robinsonade mit Blick auf Bali.



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