Ökotourismus in Benin Odyssee im Mangrovenwald

Kokospalmen an einsamen Stränden, Dörfer im Mangrovendschungel: In die Idylle des westafrikanischen Benin verirrt sich kaum ein Reisender. Das Land wirbt nun mit Ökotourismus um Besucher - ein verzweifelter Versuch.

Susanne Götze

Von Susanne Götze


Bilharziose! Ich kann nur noch an die Tropenkrankheit denken, als ich meine Sandalen ausziehe und mit vorsichtigen Schritten in den schlammigem Untergrund wate. Auf einmal stehe ich knietief im Morast und höre die Warnungen der Tropenärzte: Bloß nicht in stehendes Gewässer gehen! Blutegel und Schlangen können hier lauern - und fiese Krankheiten, die durch Saugwürmer übertragen werden.

Doch das Abenteuer lässt mir keine Wahl.

Seit drei Stunden kämpfen wir uns durch den Mangrovenwald bei Grandpopo, einer Gemeinde an der Küste des westafrikanischen Benin. Es ist 40 Grad heiß, meine Haut schweißnass. Das Trinkwasser wird langsam knapp. Und Moise macht schlapp. Moise ist der Guide, der mich durch das Naturschutzgebiet im Delta des Mono-Flusses führt. Doch an einer Lehmhüttensiedlung bleibt er stehen und blickt ratlos umher. Er habe sich verlaufen, sagt er und verschwindet im Dorf.

Ein paar Kilometer weiter südlich rauscht irgendwo der Atlantik - dort wollen wir hin. Ich stelle mir schon die Kokospalmen am Strand vor und versuche, den modrigen Sumpfgeruch zu verdrängen.

Die Ebbe hatte uns völlig überrascht. Als Ökotourismus-Experte hätte Moise wissen müssen, dass man dann mit dem Motorboot nicht durch die Kanäle kommt. Doch als wir auf einer Sandbank aufliefen, war es zu spät. Wir mussten weiterlaufen.

Ein Einbaum - die Rettung!

Moise kommt mit zwei Kindern zurück, höchstens zehn Jahre alt. "Die kennen den Weg", sagt er stolz. "Es kann nicht mehr weit sein." Vor einem Mangrovendickicht überlassen uns die Dorfkinder der Natur. Die langen grauen Wurzeln der buschartigen Pflanzen ragen wie Tentakeln aus dem Wasser. Aus dem Geäst zirpen Insekten, irgendwo plantscht ein Tier. Dann gleitet ein Einbaum in unsere Richtung: die Rettung.

Wir klettern hinein und schieben uns durch das Feuchtgebiet. Auf dem lehmigen Uferrand kriechen Krebse, über uns kreisen Fischreiher - ein richtiges Biotop. Wo sich das Grün lichtet, kommen schilfbedeckte Hütten zum Vorschein. Dorfkinder schauen uns mit großen Augen nach, Fischer staken mit Holzstangen durch die Kanäle und werfen ihre Netze aus. Sie führen ein Leben ohne Strom, ohne Supermärkte - vollkommen abseits der Zivilisation.

Moise arbeitet als Touristenführer für Eco-Benin, einen Reiseveranstalter, der sich für die Natur und das Wohl der Dorfgemeinden in Benins Schutzgebieten einsetzt. Der drahtige 35-Jährige steht sinnbildlich für die Art und Weise, wie in Benin Tourismus betrieben wird. Moise bemüht sich. Aber seine Versuche, mir das Schutzgebiet zu zeigen, wirken ungeübt und gelangweilt. Er spricht öfter mit seinem Smartphone als mit mir und den anderen Kunden. Weil kaum Urlauber in das arme, zwischen Togo und Nigeria liegende Land kommen, gibt es wenig Routine im Umgang mit Fremden.

Wunderwelt Mangrovenwald

Was der Veranstalter Eco-Benin macht, ist der bescheidene Versuch, in einem extrem armen Land Tourismus aufbauen. Obwohl politisch sicher, verirren sich bisher kaum Ausländer nach Benin. Einnahmen aus dem Fremdenverkehr aber könnten die Einwohner davon abhalten, Mangroven abzuholzen, um daraus Holzkohle zu gewinnen. Bisher ist das neben der Fischerei und der Salzgewinnung ihre einzige Einkommensquelle.

Mangroven sind nicht nur das Zuhause Hunderter Tierarten wie Krabben, Reptilien und unzähliger Vogelarten, sondern auch ein großer CO2-Speicher und ein natürlicher Halt für die Küste. Die ist auch in Benin vom steigenden Meeresspiegel bedroht. Weil eine wachsende Bevölkerung die Ressourcen des Deltas aber immer mehr schröpft, ist das Ökosystem stark gefährdet. Langsam, aber sicher zerrütten die Beniner ihre Lebensgrundlagen. Sie haben oft keine Wahl.

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Westafrika: Wie Benin Touristen locken will

"Es ist extrem schwer, ein Schutzgebiet in einer Region aufzubauen, in der ein starkes Bevölkerungswachstum und Armut herrschen", sagt Naturschützer Udo Lange, der seit 30 Jahren in Westafrika lebt. Der 50-Jährige ist stolz auf sein neues Projekt im Mono-Delta, das er für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) als grenzüberschreitendes Biosphärenreservat etabliert hat.

Naturschutz mit Fischern und Stammesführern

"Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen", sagt Lange in einem klimatisierten GIZ-Büro in der Hafenstadt Cotonou. Den Fischern soll beigebracht werden, die Fischbestände nachhaltig zu nutzen, damit sie auch in ein paar Jahren noch etwas nach Hause bringen. Und einige Zonen des Mono-Deltas hat man gemeinsam mit den Stammesführern unter Schutz gestellt.

Damit die Natur in Ruhe gelassen wird, stehen kleine Götzenstatuen im Wasser, vor denen die Dorfbewohner Respekt haben. Die Menschen hier gehen nun schonender mit ihren Ressourcen um, sagen jedenfalls Moise und auch die GIZ.

Auf dem Rückweg sehe ich allerdings, wie die Einwohner an einer Uferstelle Holzkohle aus Mangrovenstämmen herstellen. "Ich denke, das ist nun verboten?", frage ich Moise. "Das ist nur für die Salzgewinnung", sagt er. Nachprüfen kann ich es nicht.

Trotz der Mühen gehen die Dörfer bisher leer aus. Außer einiger verkaufter Kokosnüsse und einem kleinen Lohn für manch einen Bootsführer haben sie nichts von den wenigen Touristen, die Eco-Benin durch die Mangroven schleust. "Das kommt noch", versichert Moise und wechselt schnell das Thema. Wann und wie, weiß niemand.

Seine Gleichgültigkeit erklärt sich vielleicht durch seine Bildung: Moise hat studiert. Leute wie er haben mit den Menschen auf dem Land ungefähr so viel zu tun wie in Deutschland ein Geschäftsmann mit einem Flaschensammler. Für Moise sind Lehmhüttenbewohner nichts als Staffage. Doch bleiben sie arm, wird sich das Schutzgebiet kaum halten lassen. Irgendwann werden die Einheimischen wieder im Wald plündern gehen.

Die Suche nach dem Abenteuer

Am Ende der Tour fährt Moise mich an die Stelle, wo der Mono-Fluss ins Meer fließt. Rechts der Mündung erstreckt sich ein Sandstrand mit Palmen, die sich Richtung Meer verbeugen. Die Wellen schlagen kräftig gegen den makellosen Küstenstreifen, an dem kein einziger Urlauber sein Handtuch ausgebreitet hat. Ein Geisterstrand - so wie fast alle an der 120 Kilometer langen Küste.

Wer hierher kommt, muss es schon mögen, wenn nicht alles nach Plan läuft - oder kompliziert ist. "Der Flug ist teuer, der Transport vor Ort aufwendig, die Hotels haben für den Preis keine gute Qualität", erklärt Westafrika-Kenner Udo Lange.

In die wenigen Unterkünfte in Grandpopo kommen nur am Wochenende ein paar Gäste aus Cotonou - oft Mitarbeiter von Hilfsorganisationen. Sie chillen mit Cocktails am Pool, keine 300 Meter von den Fischerhütten entfernt, die ich heute früh auf der Tour fotografiert habe.

Nachtleben für Touristen gibt es nur in einer kleinen Reggae-Strandbar. In die hat es am Abend eine Busladung junger Amerikaner verschlagen, Backpacker auf der Suche nach Authentizität, leeren Stränden - und ein wenig Abenteuer. Von Eco-Benin haben sie noch nichts gehört. Aber die Mangroven würden sie schon gern sehen.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
pippipankau 06.06.2017
1.
die "beniner haben keine wahl"??? hallo, wie wäre es mit weniger kindern? DAS würde übrigens JEDEM land der welt (JA, auch uns!) gut zu gesichte stehen. aber das ist ja ein thema, bei dem man mit kaum jemandem vernünftig reden kann.
ulli7 06.06.2017
2. Ansteckungsgefahr durch Malaria in Benin?
Ökotourismus ist schön und gut. Unangenehm könnte in Benin eine Ansteckung durch Mücken sein, welche die gefährlichen Malaria-Erreger überträgt - insbesondere in Mangrovenwäldern.
Beccaria 06.06.2017
3. Vergebliche Mühe
Das wird nie etwas mit ertragreichem Tourismus in Benin, obwohl neben den Mangrovenwälder auch die Pfahlbauten um Ganvie höchst sehenswert sind. Der Tourist möchte Hotels mit einem akzeptablen Preis- Leistungsverhältnis haben. Das fehlt, weil auch die Regierung -sobald ein Hotel profitabel arbeitet- abgreift. was abzugreifen ist u.a. mit sinnlosen administrativen Auflagen. Die kleptokratischen Regierungen und deren Verwaltung sind neben der hohen Geburtenrate das Hauptübel in Afrika.
horstu 06.06.2017
4.
"Einnahmen aus dem Fremdenverkehr aber könnten die Einwohner davon abhalten, Mangroven abzuholzen, um daraus Holzkohle zu gewinnen. Bisher ist das neben der Fischerei und der Salzgewinnung ihre einzige Einkommensquelle." Passt aber nicht zum beliebten Narrativ unserer moralischen Schuld, dass der Süden arm ist, weil wir im reichen Norden ihn ausbeuten. Unsere Freunde von Südwind, der Kleinkleckersdorfer Flüchtlingshilfe & Co können es drehen wie sie wollen: Mehr Handel wäre besser für Benin als praktisch gar kein Handel, so wie jetzt.
black-out 06.06.2017
5. Weltökonomie hat kein interesse an Reduktion Bevölkerungswachstum
Zitat von pippipankaudie "beniner haben keine wahl"??? hallo, wie wäre es mit weniger kindern? DAS würde übrigens JEDEM land der welt (JA, auch uns!) gut zu gesichte stehen. aber das ist ja ein thema, bei dem man mit kaum jemandem vernünftig reden kann.
Ohne die ständige Schaffung neuer Konsumenten -neuer, vielfach unsinniger Bedürfnisse - Erzeugung von Anspruchsdenken und Normierung von Statussymbolen stockt das Wachstum mit der Folge des Kollapses der Weltwirtschaft.
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