Ökotourismus in New Mexico: Großer Schuh trifft Winnetou

Von Martin Cyris

Freiluftcamps, Reitstunden und Lagerfeuer nach Winnetou-Art: In New Mexico organisieren Apachen abenteuerliche Touren für Touristen. Sie passen damit perfekt in die Ökotourismus-Initiative des US-Bundesstaates.

New Mexico: Öko-Tourismus bei den Apachen Fotos
Martin Cyris

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"Gestatten, mein Name ist Großer Stiefel." Die Augen von Großer Stiefel werden groß und größer. Er grinst über beide Backen und die Falten in seinem wettergegerbten Gesicht werden tiefer und länger.

Großer Stiefel heißt eigentlich Joe Kenneally. Seine Apachen-Freunde haben ihm den Spitznamen verpasst. Nicht etwa, weil der hoch gewachsene US-Amerikaner irischer Abstammung auf außergewöhnlich große Füße herabblickt. Nein, weil Joe nach deren Meinung beim Trekken so ungeschmeidig durch die Natur stapft und dabei tiefe Abdrücke im Boden hinterlässt.

So etwas sticht einem Apachen sofort ins Auge, Spurenlesen liegt ihnen bis heute im Blut. Auch ein moderner Apache hinterlässt so wenig Spuren wie möglich in der Natur. Er fügt Mutter Erde keine unnötigen Wunden zu. Weder absichtlich noch unabsichtlich.

Wie eine Western-Kulisse

Joe Kenneally ist ein mountain man. Ein Mann der Berge. So nennt man in den USA jene, die Job und Familie zurücklassen und sich für ein paar Wochen, ein paar Monate oder sogar für immer von der Gesellschaft absondern und wie die frühen Pioniere ein hartes aber naturverbundenes, öko-bewusstes Leben in der Wildnis führen. Davon gibt es in New Mexico schätzungsweise einige hundert.

So genau weiß das keiner. Denn es verläuft sich. Im Südwesten der USA gibt es noch große, unberührte Landstriche. Etwa die Gila Wilderness. Das Naturparadies im Süden von New Mexico war das allererste geschützte Wildnisgebiet überhaupt in den Vereinigten Staaten. Es ist fast so groß wie das Saarland. Und einer der klassischen Schauplätze des Wilden Westens. Revolverlegende Billy the Kid schlupfte in der Gegend für einige Zeit unter. Am Rande der Gila Wilderness findet man historische Forts und Saloons im Originalzustand, verlassene Gold- und Silberminen. Mancherorts bieten sich Eindrücke wie in einer Western-Filmkulisse. Doch es ist alles echt.

Hier sagen sich nicht nur Fuchs und Hase Gute Nacht. Sondern auch Hirsch und Elch, Wolf und Berglöwe, Schwarzbär und Nasenbär - und Joe Saenz und Jon Gonzales. Wie Joe Kenneally sind auch seine beiden Apachen-Freunde mit der Gila Wilderness verwachsen. Sie sind Nachfahren eines südlichen Apachenstamms und verbringen Tage und Nächte in der Wildnis. "Wir Apachen brauchen den Kontakt zur Natur", sagt Jon Gonzales, "sonst sind wir nur halbe Menschen."

Freiluftcamps für Touristen

In der Nähe von Silver City haben sie zwar ein festes Dach über dem Kopf, trotzdem zieht es sie regelmäßig raus in die endlosen Weiten der Wildnis. Um in sich zu gehen. Um dem Wind zu lauschen. Um sich an altes Indianerwissen zu erinnern. Aber auch, um Touristen die naturverbundene Kultur ihrer Vorfahren nahe zu bringen. Etwa in Freiluftcamps, mit Pferdereiten, Lagerfeuer und Eintopf nach Apachen-Art.

Über einem offenen Feuer vermengt Gonzales Mehl, Tomaten, Schweinefleisch und Bohnen. Kenneally sammelt Brennholz. Und flucht über die vielen Ameisen in seinem Rucksack. "Scheiße, mich hat schon wieder eine gebissen", stöhnt er. Jon Gonzales schaut herüber und sagt erst einmal gar nichts, während er stoisch in dem Eintopf herumrührt. Aber man merkt ihm an, dass er wenig Mitleid empfindet.

Erst Minuten später sagt er langsam: "Wenn du die Ameisen in Ruhe lässt, dann lassen sie dich auch in Ruhe." Es sei nur eine Frage der Einstellung, ob man mit der Natur klar kommt oder nicht. Ihn habe jedenfalls noch keine einzige Ameise gebissen. "Das Problem ist fehlender Respekt, fehlendes Verständnis und die Missachtung der Gesetze", sagt Jon Gonzales. Man könne die Natur nicht mit dem Verstand begreifen oder gar bekämpfen. Man müsse sie mit dem Herzen verstehen. "Ich weiß", seufzt Joe Kenneally, "ich gebe mir ja schon alle Mühe."

Mit dem Wind sprechen

Das sagt einer, dem die Natur als Mann der Berge sicher nicht fremd ist. Der Fährten lesen kann, ein Feuer mit einer Lupe entfachen und sich, wenn es sein muss, nur von Kräutern ernähren kann. Doch der Draht der indigenen Stämme zu Mutter Erde scheint ein ganz anderer zu sein. Feiner, ausgeprägter. Umweltbewusstsein wurde den Apachen viele Generationen lang in die Wiege gelegt - ohne, dass sie es jemals so genannt hätten. "Unsere weisen Männer und Frauen haben mit dem Wind und mit dem Wasser gesprochen", erzählt Jon Gonzales.

Anders die weißen Siedler, Soldaten und Goldsucher, die über das Stammland der Apachen einfielen. Sie brachten Vorstellungen mit, die den Indianern völlig unbegreiflich waren. Etwa, dass alle Nahrungsquellen und Bodenschätze den Menschen gehören, vor allem den Weißen, die die Herrscher über Tiere und Pflanzen seien. Diese Annahmen sind für die Nachfahren der Ureinwohner auch heute noch völlig absurd.

Etwa 50 Apachen leben heute in der Umgebung von Silver City, der größten Stadt am Rande der Wildnis. Bis zur Vertreibung und Beinahe-Vernichtung der Stämme im 19. Jahrhundert war diese Region eines ihrer angestammten Siedlungsgebiete. Die wenigen, die zurückgekommen sind, leben größtenteils völlig zurückgezogen.

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