Österreichisches Hospiz: Strudel in Jerusalem

Von Julia Jaki

Im Herzen von Jerusalem wurde das Österreichische Hospiz zum stummen Zeugen der turbulenten Nahost-Geschichte. Die Gäste haben eine wunderbare Aussicht auf die Stadt - und können sich an österreichischen Schmankerl erfreuen.

"Einen großen Braunen und einen Apfelstrudel bitte!" Das schrille Zischen der Kaffeemaschine vermischt sich mit deutschen, englischen und italienischen Gesprächsfetzen, von draußen dringt der Ruf des Muezzins zum Abendgebet herein. Es ist kurz vor 18 Uhr und die Cafeteria des Österreichischen Hospizes zur Heiligen Familie ist gut gefüllt. Die schwarz gekleidete Bedienung bringt abwechselnd Strudel und Sachertorte mit Schlagobers an einen der Tische – häufig geordert: die Kombination Kuchen und Melange.

Würden die hohen Café-Fenster nicht den Blick auf die sandsteinfarbenen Häuserwürfel der Jerusalemer Altstadt freigeben, man könnte sich glatt in der ehemaligen Donaumonarchie wähnen: Von den weiß getünchten Decken des Raumes hängen gusseiserne Kronleuchter, in Kupfer gestochen grüßen Kaiserin Sissi und Franz Joseph von der Wand. So überbordend vor österreichischem Kaffeehaus-Flair, dient die Cafeteria des Pilgerhauses zahlreichen Gästen als exotische Fotokulisse: in regelmäßigen Abständen posieren israelische Ausflugsfamilien und funktional gekleidete US-Touristen vor der Kuchenvitrine am Eingang des Cafés. Die Kellnerin scheint gewöhnt daran und lächelt geduldig.

Schutzmacht der Katholiken im Heiligen Land

Von der purpurfarbenen Seitenwand blickt ein weiteres Mal der Kaiser auf die Café-Gäste hinab, diesmal großformatig und in Öl gepinselt. Daneben im selben Stil ein Portrait von Joseph Othmar von Rauscher: Der ehemalige Erzbischof von Wien war es, der im Jahr 1852 den Auftrag zur Errichtung des Pilgerhauses gab. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts verfolgte die österreichisch-ungarische Monarchie verstärkt das Interesse, als Schutzmacht der katholischen Sache im Heiligen Land aufzutreten. So ist die Errichtung des Hospizes eine direkte Folge der machtpolitischen Strategie Österreichs gegenüber dem Osmanischen Reich.

Einen ersten Schritt in diese Richtung unternahm Wien, indem es 1848 ein österreichisches Vizekonsulat in Jerusalem gründete. Der erste Vizekonsul, Josef Conte Pizzamano, schlug kurz nach seinem Amtsantritt vor, ein Pilgerspital zu bauen – sei doch die medizinische Versorgung der Wallfahrer im Heiligen Land mehr als unzureichend. Nachdem man sich darauf einigte ein Pilgerhaus mit Krankenzimmern zu errichten, suchte Pizzamano einen geeigneten Baugrund – und fand rasch das Grundstück an der Damaskusstrasse, Ecke Via Dolorosa, mitten in der Altstadt von Jerusalem. Vor 150 Jahren, am Sylvestertag 1856, wurde so der Grundstein des Österreichischen Hospizes gelegt.

Ruhe vorm Straßentrubel

Heute hält das Hospiz 26 Gästezimmer und vier Schlafsäle für Jerusalem-Reisende bereit und bietet außer einer preisgünstigen Übernachtungsmöglichkeit den idealen Ausgangspunkt, um die Altstadt zu erkunden: zu Fuß erreicht man in wenigen Minuten Tempelberg, Klagemauer und Grabeskirche. Eine weitere Annehmlichkeit für gestresste Reisende beschert die imposante Bauweise des Hospizes: Der Eingangsbereich des Gebäudes liegt mehrere Meter über dem Straßenniveau der Altstadtgassen.

Hat der Besucher erst die breite Steintreppe erklommen, stellt sich das angenehme Gefühl ein, mitten am Ort des Geschehens zu sein – und somit den allabendlich in Richtung Neustadt und fader Hotelketten pilgernden Touristen einiges voraus zu haben. Gleichzeitig hat man hier aber auch Ruhe vorm zuweilen arg strapaziösen Straßentrubel.

Seit der Aufnahme des Pilgerbetriebes im Jahr 1863 konnte das Hospiz über lange Strecken jedoch für seinen ursprünglichen Zweck – die Beherbergung und geistliche Unterstützung von Pilgern im Heiligen Lande – nicht genutzt werden. Am 3. September 1939, dem Tag der britischen Kriegserklärung gegenüber dem Dritten Reich, wurde es von den Briten beschlagnahmt. In den folgenden Jahren nutzten diese das Gebäude als Internierungslager, Offiziersschule, Polizeiquartier und schließlich als Lazarett. Als sich die britischen Truppen aus Jerusalem zurückzogen, übernahmen im Oktober 1948 die Jordanier das Hospiz und richteten ein Krankenhaus ein. Das kann einen äußerst prominenten Patienten vorweisen: Der jordanische König Abdullah I. verstarb hier im Juli 1951, nachdem er beim Besuch der Al-Aksa Moschee von einem palästinensischen Extremisten niedergeschossen wurde.

Zwar bemühte sich die österreichische Kirche über die Jahre darum, das Hospiz zurück zu erhalten. Als nach dem Sechstagekrieg 1967 Israel das Krankenhaus übernahm, stockten jedoch die Verhandlungen um die Rückgabe des Gebäudes, da Wien die israelische Annexion Jerusalems nicht anerkennen wollte. Erst als die Behörden ein arabisches Hospital im Stadtteil Scheich Jarrah errichteten, erhielt die österreichische Kirche das Haus zurück. Im Jahr 1988, 125 Jahre nach der feierlichen Einweihung, wurde so aus dem Krankenhaus wieder ein Pilgerhaus.

Begegnungsstätte der Religionen

Seitdem funktioniert der Betrieb mit einer Handvoll Festangestellten und einem guten Dutzend deutscher und österreichischer Freiwilliger. "Seit der Wiedereröffnung Ende der achtziger Jahre waren 1204 Volontäre bei uns tätig", berichtet Rektor Marcus Bugnyar stolz. Der 32-jährige Priester sitzt an einem Ecktisch in der Cafeteria und rührt langsam in seinem Kaffee. Seit drei Jahren leitet der Wiener das Haus und hat seitdem einiges umgekrempelt: Neben der schrittweisen Renovierung des Gebäudes will er das Hospiz als "Bildungshaus" etablieren.

Ausgangspunkt für diese Idee war die zweite Intifada, die im September 2000 ausbrach: "Als damals die Gäste ausblieben, habe ich mir die Frage gestellt, ob das Hospiz noch eine andere Aufgabe übernehmen kann. Es liegt an einem neuralgischen Punkt auf dem Weg zu den heiligen Stätten von Judentum, Christentum und Islam", sagt Bugnyar, der seit fast sechs Jahren im Heiligen Land lebt. "Die Idee war deshalb, einen Raum zu schaffen, an dem sich alle drei Religionen begegnen können."

Das geschieht seitdem durch kulturelle Veranstaltungen, wie etwa ein Sufi-Konzert im klassizistischen Empfangssalon des Hauses, der davor allein Auftritten österreichischer Künstler vorbehalten war. In der Zwischenzeit hat sich auch die Tourismus-Situation wieder entspannt: "Die Buchungen für 2007 sind so hoch wie für das 'Heilige Jahr' 2000", so Bugnyar, dem neben der Pilgerbetreuung auch die Verwaltung des Gästehauses obliegt.

Zwar ist das Österreichische Hospiz nicht das Einzige seiner Art – auch die Armenische und Lutherische Kirche bieten Pilgern die Möglichkeit, in der Altstadt abzusteigen. Nach Meinung zahlreicher Jerusalem-Reiseführer und -Reisender ist es jedoch das schönste Pilgerhaus der Stadt. Beigetragen zu diesem Ruf hat zweifelsohne die Dachterrasse des Hauses. Auch wenn man dem Hospiz nur einen kurzen Besuch abstattet, sollte man sich den imposanten Panoramablick auf die Dächer der Altstadt nicht entgehen lassen: dicht geballt und gleichzeitig weit ausgebreitet ruht Jerusalem von hier oben vor dem Betrachter.

Felsendom, Al-Aksa-Moschee, Grabeskirche – wie durch eine horizontale Linie verbunden ragen die imposanten Sakralbauten zwischen den antennenbestückten Flachdächern hervor. Links im Blickfeld erhebt sich der Ölberg neben der golden-glänzenden Kuppel des Felsendoms und vervollständigt die historische Fotokulisse. Ganz ruhig ist es hier oben, nur die rot-weiß-rote Flagge flackert ab und an träge im Wind. Kein Grund, rasch wieder ins Altstadt-Getümmel herabzusteigen.

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Österreichisches Hospiz: Pilgern mit Panoramablick