Oman Das Anti-Dubai

Einst eines der rückständigsten Länder der Welt, hat sich Oman zum arabischen Musterland gemausert. Noch immer fehlt dem Sultanat alles Anmaßende und Laute – aber nicht der Zauber. Eine Tour zwischen Dünen und Dromedaren, Surfern und Haien, Orient und Okzident.

Von Meike Kirsch


Veränderung? Der Alte schaut uns lange an, dann lächelt er zahnlos – und springt auf. So flink, dass wir ihm kaum folgen können, eilt Ali bin Salem Al Abri in seinen Plastiksandalen eine steile, in den nackten Fels gehauene Treppe nach unten. Hinein in die schattigen Gärten des Dorfes, in ein immer ohrenbetäubender werdendes Strudeln und Wirbeln – bis zu einer steinernen Rinne, in der Wasser fließt. Nun geht es – Tempo, Tempo, Tempo! Unglaublich, wie schnell ein 70-Jähriger laufen kann! – auf dem nur handbreiten Rand des Wasserlaufs weiter in die Schlucht. Rechts ein jäher Abgrund, tief unten üppig grüne Bananenstauden, Mangobäume, Frangipani in voller Blüte, Mais, Buchweizen und Limonen, nur nicht hinschauen!

Ali Al Abri stoppt abrupt. Er bückt sich. Wuchtet, in der Hocke balancierend, einen kiloschweren Stein herum. Verschließt mit ihm ein Loch, durch das eben noch Wasser schoss.

"Deine Zeit ist abgelaufen", sagt er, der Wasserwächter des Dorfes Misfat Al Abri, zu einem der Bäume, in deren mächtigen Kronen melonenartige Papayas hängen. Irgendwann in seinem langen Leben hat es sich der Alte zur Gewohnheit gemacht, mit Pflanzen und Tieren zu sprechen. "Nun du!", ruft er. Eine andere Gartenparzelle soll geflutet werden. Welche und wie lange, bestimmt noch heute ein uraltes System, das den Tag in halbstündige Fließintervalle teilt.

Libellen strecken ihr Hinterteil der Sonne entgegen

Zwar kommt das Trinkwasser für die 300 Bewohner von Misfat mittlerweile aus dem Hahn. Eine makellose Asphaltstraße führt zum Dorf, dessen Lehmhäuser wie Adlerhorste am Abhang kleben. Und Kinder im nahen Gebirge werden jede Woche mit Helikoptern zur Schule geflogen. Aber verändert all das wirklich das Leben des Ali Al Abri? Der Alte läuft weiter, klettert flink wie ein Junge über große Steine, zwängt sich durch enge Stellen – bis hin zur Quelle. Einem Ort, an dem man glaubt, das eigene Herz schlagen hören zu können.

Beinahe lautlos sickert das klare, kühle Wasser hier aus dem Kies. Frösche baden in ihm. Der Herr der Rinne setzt sich auf den Stein, auf dem er schon als Kind die Stille genoss. Auch Libellen ruhen sich hier aus, sie strecken ihr Hinterteil der Sonne entgegen, spreizen ihre durchscheinenden Flügel. "Seht!", ruft der Alte, und es ist nicht klar, ob er die Insekten oder uns meint. "Alles wie immer." Er summt zufrieden, das Echo der nahen Felswand stimmt sofort ein.

Ali Al Abris Heimat, dem Sultanat am Horn von Arabien, fehlt alles Anmaßende und Laute. Mit den artifiziellen Wunderwelten, die jenseits seiner Grenzen in den Vereinigten Arabischen Emiraten entstehen, mit der bizarren Rekordjagd des kleineren Nachbarn hat das noch immer geheimnisvoll anmutende Land so wenig gemein wie feiner Pulverschnee mit seinem in tiefgekühlten Luxusmalls erzeugten Imitat. Oman ist der Gegenentwurf zur Künstlichkeit. Das Anti-Dubai. Authentisch, ursprünglich – und trotzdem modern.

An der Wand: Der Sultan, Koransuren und die Enkelschar

Dabei galt das Sultanat, das fast so groß wie Deutschland ist, noch vor drei Jahrzehnten als eines der rückständigsten Länder der Welt. Unter dem Regime von Said bin Taimur Al Said, dem ängstlichen, engstirnigen Vater des jetzigen Sultans, gab es weder Radio noch Telefon, gerade einmal drei Knabenschulen mit 909 Schülern und zehn Kilometer asphaltierte Straße. Die Menschen wohnten in Lehmhütten ohne Wasser und Strom. Sie durften weder Bücher noch Sonnenbrillen besitzen. Erst der 1940 geborene Qabus bin Taimur, der 1970 den Vater stürzte, führte seine jetzt 2,6 Millionen Untertanen in die Neuzeit – und, anders als die Herrscher von Dubai, behutsam.

Bei Ali bin Salem Al Abri, dem Wasserwächter, hängt das Bild des milde lächelnden Sultans, der seinem Land Universitäten, Krankenhäuser sowie internationales Ansehen brachte, direkt neben der Tür. Ein Ehrenplatz, der außer dem Potentaten nur einigen Koransuren und der fotografierten Enkelschar gebührt. Mit großer Wärme hat uns der Alte nach dem Gang zur Quelle noch in die Kühle seines schiefen Hauses gebeten. "Sofort gehen? Aber nicht doch! Allah hat doch reichlich Zeit erschaffen", hatte er gesagt und keinen Widerspruch geduldet. Was könnte es Wichtigeres geben als einen Plausch unter Freunden? Also sitzen wir wie in einem fernen Jahrhundert im Schneidersitz auf den Teppichen seines Empfangsraumes, den Rücken von Kissen gestützt, von Weihrauch umnebelt. Unser Gastgeber schneidet Orangen auf, reicht Datteln mit Anis und bitteren Kaffee mit Kardamom. Immer wieder füllt er die Tassen. "Verzeiht, dass ich nicht mehr bieten kann", sagt er. "Würde meine Frau noch leben, hättet ihr selbstverständlich ein Essen bekommen."

Als wir abfahren, winkt Ali Al Abri uns lange nach. Wir lachen: Noch am Morgen kamen wir uns wie Eindringlinge vor. In den entlegenen, von tiefen Schluchten durchfurchten Gebirgsregionen des Jebel Akhdar begegneten uns bärtige Männer, die Esel auf die Straße trieben. Tief verschleierte Frauen, auf deren Köpfen Schüsseln und Wäschekörbe zu kleben schienen. Niemand beachtete uns. Wir vermuteten eine Welt imprägniert mit Misstrauen vor jeglichem Fremden. Doch nichts davon. Wo auch immer wir schüchtern nach dem Weg fragen – große Herzlichkeit.

"Getrockneter Hai hilft jedem Mann"

Auf den perfekt ausgebauten, oft mehrspurigen Straßen Richtung Wüste rauscht unser Jeep wie auf einer Autobahn dahin. Bald schon passieren wir Dörfer, deren Zinnen und Türmchen aus ausgedehnten Palmenhainen ragen. Die Häuser sind traditionell weiß oder erdfarben verputzt. Sultan Qabus wünscht es so – angeblich, seit er vor Jahrzehnten an eine bayerische Baubehörde geraten ist. Er wollte sich ein Hotel bei Garmisch nach seinem Geschmack umbauen lassen, aber die Beamten ließen es nicht zu. Die Außenfassade mit Holzbalkonen und Geranien müsse bleiben, wie sie ist, gaben sie dem ihnen unbekannten Sultan zu verstehen.

Der Sultan ärgerte sich zunächst maßlos über die strengen Bauvorschriften, entschied dann aber, es in seinem Land ähnlich zu machen: Seither sehen Wohnhäuser, Bushaltestellen, gar Telefonzellen in Oman oft wie kleine Forts aus. Auch ihre großen Ebenbilder, die Jahrhunderte alten Lehmfestungen von Bahla, Nizwa und Birkat Al Mawz säumen unseren Weg. Sie wurden oder werden gerade aufwendig saniert.

Am nächsten Morgen wähnen wir uns erneut von einer Zeitmaschine in die Vergangenheit geworfen: Auf dem Marktplatz der Oase Sinaw feilschen Frauen um Sardinen, Limonen, Dattelsirup, Rosenwasser und lebende Ziegen. In wehende Gewänder bunt wie Papageiengefieder gehüllt, wedeln sie mit Geldscheinen, auf denen das Konterfei des Sultans prangt. Männer bieten Krummdolche in fein ziselierten Silberscheiden feil. Nicht als Souvenir, denn außer uns streifen keine Fremden über den Suk, sondern für den täglichen Gebrauch: "70 Rial, 60 Rial? Na gut, mein Freund, weil dein Vater mir Kamelmilch brachte. Allah wird es mir danken."

Auch wir werden schnell Teil dieses Trubels: "Getrockneter Hai hilft jedem Mann", flüstert ein Händler dem Fotografen zu. Als der Alte merkt, dass auch ich – die vermeintliche Ehefrau – es gehört habe, ist er bestürzt. Er fragt, ob er mich ansprechen dürfe und entschuldigt sich, tief verbeugt, Dutzende Male. Kurz darauf treibt die stechende Sonne die Menschen in ihre Häuser – und uns ins Auto zurück. Nur die Tönung der Sonnenbrille verleiht der fahlen, fast vegetationslosen Ebene, durch die wir nun gen Osten fahren, einige Konturen. Ohne Brille blendet das Geröll so sehr, dass wir die Augen schließen.



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