Oman per Geländewagen Weihrauch, Wadis, Wasserfälle

"No problem" lautet überall das Motto im Sultanat Oman: Enorm hilfsbereit und gastfreundlich sind die Menschen und machen damit Besuchern das Leben leicht. Doch so ganz problemlos ist der enorme Fortschritt nicht - die Umwelt leidet unter dem wachsenden Tourismus.

Stephan Orth

Maskat - Salaiman schläft. Es ist drei Uhr nachts auf dem Flughafen von Maskat. Wer dürfte da nicht mal kurz wegnicken? Aber Salaiman arbeitet für eine Autovermietung, und deshalb ist es ihm peinlich, von Touristen beim Schlummern erwischt zu werden. Er zupft sein Gewand zurecht, schiebt seine Kappe auf den Kopf und drückt seine Brille auf die Nase. Salaiman will ein guter Berater sein, er will, dass der Tourist sein Land mag. "Welcome in Oman", sagt er deshalb als erstes, und ganz oft sagt er: "No problem."

No problem. Das scheint das Lebensmotto der Menschen im Oman zu sein. Und es bedeutet nicht wie in vielen anderen Reiseländern: Lass mich in Ruhe. Der Reisende will das Auto schon einen Tag früher als gebucht abholen: No problem. Die Fluggesellschaft hat das Zelt beim Zwischenstopp in Istanbul vergessen: No problem. Es ist drei Uhr nachts und der Reisende hat weder Zelt noch Hotel: No problem. Irgendwie findet sich immer eine Lösung.

Das Land auf der arabischen Halbinsel ist nicht nur ein äußerst gastfreundliches Reiseland, in dem der Tourist eher hofiert als übers Ohr gehauen wird. Oman ist auch ein sehr sicherer Staat. Die Kriminalität ist niedrig, die politische Lage stabil, Schreckensmeldungen von entführten Touristen wie im benachbarten Jemen gibt es nicht.

Ein Sultan krempelt sein Land um

Grund dafür ist auch die Politik des Alleinherrschers Sultan Kabus. Er hat den Spagat zwischen arabischer und westlicher Kultur geschafft und sich weitgehend aus internationalen Konflikten herausgehalten. Zudem hat er sein Land von innen umgekrempelt. Als er seinen Vater vor 40 Jahren aus dem Amt jagte und die Herrschaft übernahm, gab es in Oman zehn Kilometer geteerte Straßen, zwölf Krankenhausbetten, keine öffentlichen Schulen, und die meisten Menschen waren Analphabeten. Heute sind sämtliche Städte Omans mit Asphaltstraßen verbunden, Schulen gibt es auch in kleinsten Bergdörfern, und selbst in abgelegenen Regionen stehen Krankenhäuser. Erdöl hat vielen Bewohnern Wohlstand beschert.

Frauen sind zwar verhüllt, dürfen aber studieren, arbeiten und Auto fahren. Sie besetzen sogar Regierungsämter - das klingt selbstverständlich, ist es aber mit Blick auf Nachbarländer wie Saudi-Arabien nicht. So wie die Omanis von "ihrem Sultan" sprechen, möchte man an das Märchen vom guten König glauben. Zum 40-jährigen Amtsjubiläum im Dezember gab es große Feierlichkeiten, sogar Queen Elizabeth II. machte bei der Gelegenheit einen Abstecher in den Oman.

Die Ausgangslage ist für Touristen also komfortabel. In den vergangenen Jahren wurde viel Geld in den Tourismus gepumpt, schicke Hotels sind entstanden, Täler wurden erschlossen. Aber noch hat der Massentourismus das Land nicht erreicht. Die Schönheit des Omans erschließt sich sowieso nicht im Hotel, sondern beim Reisen auf eigene Faust. Man braucht nur einen Schlafsack, ein paar Worte Englisch und ein Auto mit Vierradantrieb. Die Straßen sind nur in den Wadis, den Bergtälern, holprig und oft haarsträubend steil. Erfrischung gibt es überall: In dem scheinbar staubtrockenem Land tun sich überall Bäche, Wasserfälle und Naturpools auf.

Einen guten Ausgangspunkt für einen Roadtrip bietet Nizwa, etwa zwei Stunden von der Hauptstadt Maskat entfernt. Hauptattraktion der Stadt ist der Suk, den man schon von weitem riechen kann. Ziegen, Schafe und Rinder drängen sich dort. Es stinkt zum Himmel, Geschrei und Geblöke, eine Ziege büxt aus, will vor dem sicheren Tod davonrennen. Männer preisen ihre Tiere an, verladen und verhandeln.

Wenige Meter weiter schlagen Arbeiter Fischen die Köpfe ab, reißen Gedärm aus Fischbäuchen, Haiköpfe, Thunfischköpfe, Sardinenköpfe, alles türmt sich übereinander. Eingeschüchtert stehen einige Touristen herum, und versuchen, das Gemetzel auf Kameras einzufangen. Einem wird schlecht, er eilt zum Gewürzmarkt, um den Fischgestank mit dem Duft nach Muskat, Kreuzkümmel und Kurkuma zu vertreiben.

Exportschlager Weihrauch

Überlagert wird der Gewürzduft nur vom Weihrauch, der im Oman an jeder Ecke aus kleinen Gefäßen qualmt. Das Land ist einer der wichtigsten Produzenten von Weihrauch. Das Harz des Weihrauchbaums wird vor allem im Süden des Landes geerntet und von dort in alle Welt verschifft. Auch ihre anderen Geschenke, Gold und Myrrhe, würden die Heiligen Drei Könige problemlos hier im Suk finden.

Von Nizwa geht es zum Dschabal Schams, dem höchsten Berg im Oman. Mit knapp mehr als 3000 Metern ist er zwar höher als viele Berge in den Alpen, der Besucher kann aber gemütlich mit dem Auto nach oben fahren. Der Aussichtspunkt unter dem Gipfel ist eine platte Fläche mit Teppichhändlern und einer Ziege namens "George", die Touristen anbettelt. An der Kante, die nur über wenige Meter mit einem dürren Seil abgesichert ist, guckt man in den Abgrund: Es öffnet sich ein einzigartiger Blick in eine Schlucht, die zu Recht als Grand Canyon des Omans bezeichnet wird. Schwindelerregenden Wander- und Kletterpfade führen zu den Ruinen alter Hirten-Unterkünfte.

Nicht weniger abenteuerlich ist es, die Nacht in diesen luftigen Höhen im Zelt zu verbringen. Etwas geborgener fühlt man sich im nahe gelegenen Wadi Bani Awf, sozusagen im Inneren des Canyons. Nach einer wilden Abfahrt über die zerklüfteten Abhänge findet sich unter Bäumen ein ruhiger Schlafplatz. Die Zivilisation scheint Lichtjahre entfernt. Draußen raschelt es. Hat sich ein Hase, eine Katze oder gar ein Wolf an der kleinen Mülltüte vor dem Zelt zu schaffen gemacht?

Morgens, als die Sonne über die Bergspitzen kriecht und die Natur ihre Schönheit entfaltet, sind aber nur Ziegenköttel vor dem Zelt zu finden. Neben einer Steilwand und Dattelpalmen sitzt ein Omani auf einem Stein und hütet seine Geißen. Er nickt dem Besucher freundlich zu, er scheint nichts dagegen zu haben, dass der in seinem Territorium zeltet. "No problem", sagt er.

Ab und zu mal ein paar Touristen ausgraben

Auf der Reise in Richtung Süden geht es weiter in die Wüste Wahiba Sands. Verehrer der Rub al-Chali, einer der größten Wüsten der Erde, nennen sie spöttisch "Sandkasten", doch die Dünen sind auch hier meterhoch. Es gibt mehrere komfortable Wüstencamps mit Zelten und Verpflegung. Wer durch die Mitte der Wahiba will, muss sich einen Führer nehmen. "Immer wieder bleiben Touristen im Sand stecken", sagt Ali, der in einem Beduinen-Camp arbeitet. "Dann müssen wir sie ausgraben."

Die Camps bieten von Sandboarding über Kamelreiten bis zu "Dune-Bashing" - mit dem Auto über Dünen rasen - ein volles Programm. Auf das Ökosystem Wüste wirkt sich das fatal aus. Die dröhnenden Autos und Quadbikes treiben die Wüstentiere aus ihrem Unterschlupf. Und sie zerreißen die Stille, die diesen Ort so besonders macht. Gerade erst ist eine geteerte Straße am Rand der Wüste fertig geworden. Der Müll am Straßenrand deutet schon auf die Spuren der Menschen hin.

Andernorts hat der Sultan die Gefahr, die Menschen und Tourismus bringen, schon erkannt: In Ras al-Dschins, an der Ostküste des Omans, liegt einer der weltweit wichtigsten Brutplätze für Meeresschildkröten. Jedes Jahr wuchten sich hier Zehntausende von Schildkröten an Land, um ihre Eier zu legen. Bis vor einigen Jahren war selbst an diesem Strand das Campen noch erlaubt, was dazu führte, dass immer weniger Schildkröten kamen. Doch nun sind der Strand und mehrere umliegende Buchten geschützt. Eintritt gibt es nur über das örtliche Naturschutz-Zentrum.

Überlebenskampf live

Jede Nacht dürfen kleine Gruppen zum Strand wandern. Still stolpern die Neugierigen hinter ihrem Führer her. Durch den Sand ziehen sich Schildkrötenspuren wie kleine Panzerabdrücke. Jede Nacht kriecht mindestens eine Schildkröte an Land, um ihre Eier abzulegen. Man fühlt sich als Eindringling, wenn man das Reptil - von hinten mit einer Taschenlampe angeleuchtet - bei so einem intimen Akt beobachtet.

Doch das Schauspiel ist einmalig: Ei um Ei quetscht die Schildkröte aus sich heraus. Mit mütterlicher Fürsorge schaufelt sie anschließend mit den Hinterflossen die Eier sorgfältig zu, um die Brut vor Räubern zu schützen.

Wenn die Mini-Kröten schlüpfen, beginnt ihr meist aussichtsloser Kampf gegen den Tod. "Von 1000 Schlüpflingen überlebt im Durchschnitt nur einer", erklärt der Führer. Mit umso größerer Sorge beobachten die Touristen ein Schildkrötenjunges, das sich hastig ins Meer kämpft, aber von den Wellen immer wieder an Land geworfen wird. "No problem" gilt eben nicht für Schildkröten. Auch nicht im Oman.

Annette Reuther, dpa



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