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04. Februar 2013, 06:17 Uhr

Viehmarkt in Oman

"Ich kann das nicht mit ansehen"

Von Bernadette Olderdissen

Die Ware lebt: Der Viehmarkt von Nizwa ist das wohl größte Spektakel in Oman, bei dem Touristen hautnah dabei sein können. Bis auf die Handys geht es hier noch zu wie vor hundert Jahren - manchen Besuchern ist das ein bisschen zu authentisch.

Das Schaf blökt, stemmt die hinteren Klauen in den Boden. Mit dem rechten Arm zerrt der etwa 70-jährige Besitzer an der Leine des Tieres. Mit der linken Hand presst er das Handy an das Ohr unter seinem weißen Turban. Ein Mann mittleren Alters nähert sich dem Schafsbesitzer, der sofort sein Telefonat beendet. Der Wortaustausch zwischen beiden Männern ist forsch und kurz. Schnell zieht der Jüngere eine Geldbörse aus der Tasche seines Übergewandes, blättert dem Älteren einige Geldscheine in die Hand, und das Schaf wechselt offensichtlich unwillig den Besitzer.

"Ein so schneller Verkauf ist eher ungewöhnlich", sagt Bader, ein hagerer Landwirt in den Sechzigern mit grauem Dreitagebart, der dank seinem in den USA studierenden Sohn ein wenig Englisch gelernt hat. Im Gegensatz zu vielen der geschäftig wirkenden Omaner auf dem Markt lächelt er beständig, während seine dunklen Augen strahlen. Bader trägt eine beigefarbene Dishdasha, die traditionelle Oberbekleidung der Männer, sowie braune Sandalen und eine weiß-rot gemusterte Kuma-Kappe. Er möchte an diesem Freitag vier Ziegen bei der Auktion versteigern.

"Normalerweise präsentieren wir unser Vieh zuerst dem Publikum, indem wir eine Runde mit den Tieren drehen. Wer kaufen möchte, kann sofort ein Angebot rufen, oder er kommt danach zu mir, und wir verhandeln über den Preis." Direkt verkauft werde Vieh normalerweise nur, wenn jemand einen unerwartet hohen Preis biete oder das Tier sichtbare Mängel habe, die ihm bei der Auktion kaum eine Chance lassen.

Die vier Ziegen gehören Baders zwei Ehefrauen, die heute nicht mitgekommen sind. "Die Tiere sind kerngesund - und das hier ist ein Prachtexemplar", sagt er und tätschelt einen schwarz-weißen Bock. "Unter 90 Rial geht der nicht weg, für die anderen Ziegen erwarte ich etwa 70 Rial." Umgerechnet sind das etwa 175 beziehungsweise 136 Euro.

Auf ins Ziegen-Gewusel

Ein Muhen, Blöken und Meckern tönt aus einem Kreis hinter Bader, zu dem immer mehr Omaner in ihren langen Gewändern drängen. Ein paar Touristen quetschen sich mit ihnen in die Masse aus kaufwilligen Zuschauern und schaffen es, gerade rechtzeitig zurückzuspringen, um einer durchbrennenden Kuh auszuweichen. Mehrere Männer und kleine Jungen verfolgen das kontrollierte Chaos von einer Minitribüne mit zusammengekniffenen Augen.

Auch Bader stürzt sich mit seinen Ziegen in das Gewusel und wird bald von dem ersten Interessenten herangerufen. "Schlappe 40 Rial bietet der Mann für eine Ziege", murrt er und mengt sich wieder unter die vorbeiziehenden Verkäufer. Als nächstes werden Schafe durch den Kreis getrieben, dann Ziegen, ein Kalb, etliche Lämmer und weitere Kühe.

Stumpf starren die meisten Tiere geradeaus, manche bocken oder setzen nach rechts oder links zur Flucht an, während andere resigniert ihren Eigentümern folgen. Die Viehbesitzer reißen an den Leinen ihrer Tiere, doch oft bilden sich im Kreis Staus aus mehreren aufgelaufenen Rindern, die sich ineinander verkeilen.

In der Zwischenzeit hat sich Bader in den Handel mit einem Beduinen mit rot-weißem Arafat-Tuch auf dem Kopf vertieft. Die Angebote fliegen zwischen beiden Männern hin und her wie die Fäuste bei einem Boxduell. Am Ende nickt Bader kurz, der Beduine zieht einige Geldscheine hervor, und Bader übergibt ihm zwei der weiblichen Ziegen. Er lächelt. "65 Rial pro Tier. Vollkommen in Ordnung."

Immer lauter schreien die Zuschauer und winken verschiedene Verkäufer mit ihren Tieren zu sich hinüber, um ihr Gebot abzugeben. Viele der Männer in ihren hellen Dishdashas, die leuchten, als hätten sie gerade einen 90-Grad Waschgang hinter sich, lassen einen leichten Parfümduft vernehmen. Dieser strömt von den Quasten an ihren Übergewändern aus, am rechten Kragenrand befestigt. Doch gegen den Gestank nach Tierkot haben die Wohlgerüche keine Chance.

Nicht ohne meine Frau

Frauen lassen sich wenige sehen auf dem Markt. Sie stehen abseits in langen schwarzen Gewändern mit Schleiern oder gar Nikabs, dem Gesichtsschleier. Nur die Beduininnen setzen sich von der Masse der schwarzgekleideten Frauen ab. Ihre Gewänder und Schleier sind oft farbig, dazu tragen sie eine schwarze Gesichtsmaske, die Löcher für die Augen freilässt.

"Die Frauen begleiten ihre Männer, wenn sie Besitzerinnen eines Tieres sind, meist haben sie Ziegen", erklärt Tharaya, eine 23-jährige Omanerin. "Die Verhandlung führen zwar immer die Männer, doch die Frau muss mit dem Preis einverstanden sein." Sei die Frau nicht zum Markt mitgekommen, so rufe der Mann sie in der Regel per Handy an, bevor er sich auf den Kauf einlasse.

Trotz der scheinbaren Passivität der Frauen beobachten diese konzentriert das Geschehen und verfolgen aus gewisser Entfernung jedes Gespräch zwischen ihren Männern und möglichen Verkaufspartnern. Häufig tritt ein Omaner zu seiner Gattin, vertieft sich in ein kurzes Gespräch unter vier Augen mit ihr. Erst wenn die Frau das Angebot abgesegnet oder aber mit einer fuchtelnden Handbewegung abgelehnt hat, kehrt er schließlich zum männlichen Gesprächspartner zurück.

Bader hat kein Handy dabei. "Ich habe schon zu Hause mit meinen Frauen über den Mindestpreis gesprochen, dann geht der Verkauf schneller." Mittlerweile hat er seinen besten Bock verkauft, für stolze 90 Rial. "Das ist ein fantastischer Preis", sagt er strahlend. "Meine Frau wird sehr zufrieden sein."

"Ich kann das nicht ansehen"

Nur ein paar Meter weiter befindet sich in einem anderen Teil des großen Souks von Nizwa der Geflügel- und Kleinviehmarkt. Kaninchen hocken auf engstem Raum zusammen, während in andere Käfige so viele Tauben und Hühner gepfercht wurden, wie die Drahtgestelle zulassen.

Angsterfülltes Gackern und Quietschen mischt sich unter das Geschrei von Käufern und Verkäufern, die hier mit dem gleichen Eifer feilschen und diskutieren wie bei den großen Tieren. "Ich kann das nicht ansehen", sagt eine amerikanische Touristin, während Bündel von soeben versteigerten, piependen Zwerghühnern an den Beinen aus ihren Käfigen gezogen werden, um gleich darauf in Kartons ohne Luftlöcher zu verschwinden.

Bis 11.30 Uhr haben fast alle ihr Wochenendshopping abgeschlossen. Seine letzte Ziege muss Bader wieder mit nach Hause nehmen, doch enttäuscht ist er nicht. "Man weiß nie, wie die Geschäfte laufen. Ich komme etwa einmal im Monat, um Ziegen oder Schafe zu versteigern oder neue zu erwerben, und manchmal verkaufe ich gar nichts."

Für manch anderes Tier ist der Viehmarkt Endstation. Eine schwarze Ziege mit etlichen kahlen Stellen im Fell trifft nach dem aufregenden Spektakel der Schlag. Vergeblich versuchen drei Männer, das matte Tier zum Aufstehen zu zwingen. Der Besitzer zerrt den Körper schließlich unter Flüchen fort. Eine Gruppe Touristen betrachtet mitleidig die Ziege, Bader den Ziegenbesitzer: "Tja, da sind etliche Mahlzeiten futsch." Dann stapft er zufrieden mit seiner übrig gebliebenen Ziege zu seinem Geländewagen vor den Toren der Altstadt.

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