Tauchen im Süden Omans Die Küste der Rätsel

Gigantische Pottwal-Schulen und jede Menge geheimnisvoller Wracks: Das Meer vor Mirbat birgt für Taucher viele Überraschungen - und ist touristisch weitgehend unerschlossen. In diesem Teil des Omans ist jeder Tauchgang eine Expedition.

Tobias Friedrich

Von Linus Geschke


Auf der kleinen Terrasse des Tauchcenters setzt sich Tobias Ludwig vor seinen Laptop und spielt den verwackelten, rauschenden Film immer wieder ab. Er kann sich nicht sattsehen.

Das Video zeigt eine Gruppe Pottwale, die Sprünge vollführen, neben dem Boot auftauchen, es in die Mitte nehmen und minutenlang begleiten. "Kurz habe ich überlegt, ob wir nicht zu denen ins Wasser sollen", sagt der Tauchlehrer Ludwig. "Aber dann haben wir uns doch bewusst gemacht, dass so ein Pottwal Zähne hat und ein Raubtier ist." Und dabei klingt er, als würde er dieser verpassten Gelegenheit jetzt doch ein wenig nachtrauern.

Pottwale sind nicht die einzige Attraktion vor der Küste Mirbats, ganz im Südwesten Omans, nur 200 Kilometer vom Jemen entfernt. Schon der erste Blick unter die Wasseroberfläche macht süchtig. Süchtig nach diesen fetten Fischen, die aussehen, als habe sie jemand gemästet. Kofferfische, Schnapper, Füsiliere, alle in Massen und im XXL-Format.

Dazwischen schwimmen träge Barrakudas und Zackenbarsche, denen der ständig gedeckte Tisch bei ihrer Nahrungssuche nur wenige Anstrengungen abverlangt. Sie alle haben sich um ein Wrack versammelt, das den Namen des Hotels trägt, vor dessen Sandstrand es liegt: das "Marriot"-Wrack. Wie es wirklich heißt? Keiner weiß es. Wie lange es hier schon liegt? Auch darüber gibt es nur Vermutungen. 70 Jahre, sagen die einen. 120, meinen die anderen.

Wracks, deren Namen niemand kennt

In diesem Teil des Sultanats ist jeder Tauchgang eine Expedition. Das Gebiet ist erst seit kurzem touristisch erschlossen, es gibt nur eine Tauchbasis und nur wenige Gäste. Das war nicht immer so: Einst war Mirbat ein wichtiger Handelshafen; ein Posten der Seidenroute für Waren, die auf dem Wasserweg verschickt wurden.

Und wo Schiffe fahren, gehen auch Schiffe unter. Die Flotte des Entdeckers Vasco da Gama beispielsweise, die Forscher jetzt in der Nähe der Hallaniyat-Inseln gefunden haben wollen. Und all die namenlosen Schiffe, deren Schicksal niemand festgehalten hat. Deren Reste heute dafür sorgen, dass Taucher zu Entdeckern werden.

"Ich habe ein Jahr lang in Ägypten als Tauchlehrer gearbeitet", erzählt Ludwig. "In einem Land, wo jedes Riff, jeder Korallenblock bereits tausendfach erkundet ist. Das hier ist eine ganz andere Nummer: Bevor man ins Wasser springt, weiß man nie, was einen genau erwartet." Zu groß ist das Gebiet und zu gering die Anzahl an Tauchern, als dass man es flächendeckend absuchen könnte - die meisten Funde bleiben dem Zufall überlassen.

Einer davon ist das "Chinese"-Wrack. Seinen richtigen Namen und die Hintergründe des Untergangs kennt auch hier niemand - und sie interessieren auch keinen. Denn an dieser Schiffsruine ist nicht das Wrack selbst, sondern die Umgebung die Hauptattraktion. Zum Beispiel die seltene Kombination aus mannshohen Seetangwäldern, die es gerne kühl haben, und imposanten Hartkorallen, die wärmere Gewässer bevorzugen. Zwischen beiden steht der Fisch so dicht, dass man ihn fast mit den Händen wegschieben muss, um weiterzukommen.

In dem felsigen Untergrund schauen Muränen aus jedem zweiten Loch. Majestätische Adlerrochen ziehen mit gleichmäßigem Flügelschlag durch das Freiwasser, und würden sie nicht so dicht herankommen, könnte man sie nur als dunkle Konturen wahrnehmen. Denn wie so oft im Oman ist die Sichtweite auch am "Chinese"-Wrack nicht berauschend - eine Folge des hohen Planktongehalts im Wasser, der die Grundlage für das immense Fischaufkommen ist.

Schüchterne Akrobaten

Nicht weit entfernt stößt ein Tauchergespann aus Vater und Sohn in zwölf Meter Tiefe auf einen Anker. Aufrecht erhebt er sich vom Meeresboden, zweieinhalb Meter ist er groß und vollständig mit gelbgrünen Hartkorallen bewachsen. Die Ankerkette verschwindet im Nirgendwo, von dem dazugehörigen Wrack ist nichts zu sehen.

Vielleicht ist es in größere Tiefen abgerutscht. Vielleicht hat ein Schiff den Anker nicht mehr losbekommen und musste ihn dort zurücklassen. Vielleicht ist es aber auch ganz in der Nähe untergegangen und wartet auf seine Entdeckung: Vorsichtshalber setzt Ludwig eine Boje, damit er später wiederkommen und danach suchen kann - ein weiteres ungeklärtes Rätsel vor der an Rätseln reichen Küste.

Auf der Rückfahrt vom "Chinese"-Wrack kreuzt eine riesige Delfinschule den Weg des Bootes. Es müssen Hunderte sein: Spinner-Delfine, eine kleinere Art, die immer wieder aus dem Wasser schießt und sich in der Luft mehrmals um die eigene Achse dreht. "Leider ziemlich schüchtern, die Kerle", sagt Tobias Ludwig und lacht. "Sobald du zu denen ins Wasser springst, sind sie weg. Tauchen kann man besser mit den Großen Tümmlern, aber die springen nicht so spektakulär."

Dann erzählt er wieder von dem Tag, an dem die Pottwale kamen. Von der Kraft, die von ihnen ausging. Von der Faszination, die die Begegnung mit ihnen auf die Beobachter ausübte. Was wohl wäre, wenn man sich mit ihnen unterhalten könnte? Sie wüssten sicherlich, wo noch mehr Wracks zu finden wären.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
gunner1886 18.03.2014
1. Schöner,
wenn auch fast etwas verträumter Artikel, der Lust aufs Tauchen macht.
Hansjuerg 18.03.2014
2. Nicht auch noch
Zitat von sysopTobias FriedrichGigantische Pottwal-Schulen und jede Menge geheimnisvoller Wracks: Das Meer vor Mirbat birgt für Taucher viele Überraschungen - und ist doch weitgehend unerschlossen. In diesem Teil des Omans ist jeder Tauchgang eine Expedition. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/oman-wracktauchen-vor-mirbat-a-958460.html
War das wirklich nötig? Muss jedes noch unerschlossene Naturparadies öffentlich zum Abschuss freigegeben werden? Kann man nicht etwas Schönes sein und in Ruhe lassen? Ich kenne noch einige schöne Ecken in Ländern mit 0,0... Tourismus, dafür mit Korallen, einer Wasserwelt wie aus dem Bilderbuch mit Farben im Überfluss, aber ich würde kein Sterbenswort darüber verlieren, wo man es finden könnte.
dr.drum 18.03.2014
3. oh mann... wozu?
kann mich nur anschließen. überflüssiger bericht der nur schaden bringen wird. eine schande ist das.
peter_1974 18.03.2014
4.
Zitat von HansjuergWar das wirklich nötig? Muss jedes noch unerschlossene Naturparadies öffentlich zum Abschuss freigegeben werden? Kann man nicht etwas Schönes sein und in Ruhe lassen? Ich kenne noch einige schöne Ecken in Ländern mit 0,0... Tourismus, dafür mit Korallen, einer Wasserwelt wie aus dem Bilderbuch mit Farben im Überfluss, aber ich würde kein Sterbenswort darüber verlieren, wo man es finden könnte.
Ach, wie ich sie liebe, diese 120-Prozentigen... Tourismus voll böse, außer der eigene... Um endgültig ins Klischee zu passen, fehlt nur noch das UW-Kamera-Equipment für ein paar 1000 €. Na, outet sich einer?
Butenkieler 18.03.2014
5. Tauchparadies - ja
aber Paradies, eher nicht. Wie sicher sind die Touristen im Oman? Also ist die Umwelt eher geschützt als mögliche Fremde.
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