Historische Arktis-Extremtour: Angst vor dem Eismonster

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Die Teilnehmer sind angeschlagen, die Schlittenhunde winseln, die Helfer wollen lieber angeln gehen als Abenteuer erleben: Eine historische Expedition über Grönlands Eis begann im Sommer 1912 wenig vielversprechend. Schon die erste Etappe markierte bald eine Blutspur.

Arktis 1912: Extremtour auf Grönlands Eispanzer Fotos
Piper Verlag

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Die Gruppe, die sich am westlichen Rand des grönländischen Inlandeises für die Expedition bereit macht, wirkt ein wenig lädiert. Roderich Fick ist beim Ausladen des Gepäcks in den Laderaum des Dampfschiffes "Fox" gefallen und hat sich die Hüfte geprellt. Karl Gaule trägt einen Verband an der Stirn, weil sich eine Wunde infiziert hat. Und Hans Hoessly hat sich beim Aufstieg den Pickel ins Bein gehauen und eine Sehne verletzt.

Wenig vertrauenerweckend muss dieses Drei-Mann-Lazarett aussehen, als Expeditionsleiter Alfred de Quervain von einem Erkundungsmarsch zurückkommt und seine Mannschaft mit völlig schwarzen Gesichtern vorfindet. Gegen die unerträgliche Mückenplage haben sie sich mit Begolin gepanzert, einer teerartigen Spezialsalbe. Die hilft tatsächlich gegen Insekten, hat aber die Nebenwirkung, noch wochenlang in Spuren an den Wangen zurückzubleiben - oben auf dem Eis, wenn längst keine Mücke mehr zu sehen ist.

Abends bereiten die Männer mit den schwarzen Gesichtern eine Feier vor, heute ist der 33. Geburtstag des Expeditionsleiters. Gaule führt ihn ins Zelt, als Symbole für de Quervains Position trägt er feierlich Eispickel und Hundepeitsche vor sich her. Was denn die Peitsche zu bedeuten habe, will das Geburtstagskind wissen. Mit schonenden Worten wird ihm beigebracht, dass er ein harter Befehlshaber sei und eigentlich die Regierungsform der Tyrannis ins Altertum gehöre.

Zum Festessen entkorken die Männer zwei Flaschen alkoholfreien Champagner der Marke Briod - Fick und Gaule sind militante Anti-Alkoholiker und haben durchgesetzt, dass dies die einzigen Getränke im Gepäck sind, die sich für eine Party eignen.

Rücksicht auf Hundefreundschaften

Am 20. Juni 1912 um 11.50 Uhr wird es ernst: Bei einem Grad Celsius und starkem Nebel beginnt auf 556 Metern Meereshöhe der lange Marsch durch die Eiswüste. Die Männer zurren die Verpflegungskisten fest, 350 Kilo für die Hunde und 216 Kilo für die Menschen, für 60 Tage soll das notfalls reichen.

Die Hunde werden angeschirrt, nach einiger Warterei zerren sie ungeduldig an ihren Riemen. Schon jetzt zeigt sich, dass die Kontrolle einer Meute wilder Tiere nur durch weise Führung zu bewerkstelligen ist.

Bei der Zuteilung der Hunde mussten neben der möglichst gleichmässigen Zugkraft der Gespanne auch die schon vorhandenen besondern Hundefreundschaften berücksichtigt werden. Diese konnte man natürlich nicht ohne weiteres erraten und wurde erst bei den ersten Lagerplätzen durch unglückliches Hinüber- und Herüberwinseln von einem Hundegespann zum andern über das Bestehen einiger besonderer Sympathien belehrt,

schreibt de Quervain in seinem Buch "Quer durchs Grönlandeis". Ein erheblich größeres Problem als die Sozialstruktur des Gespanns ist schon bald der löchrige Eisboden, an dem sich die Hunde ihre Pfoten aufscheuern. Eine Blutspur markiert die erste Etappe.

Mehrmals müssen die schweren Schlitten mit vereinten Kräften wieder aufgerichtet werden, weil sie sich auf dem von Flussläufen durchzogenen Grund überschlagen haben. Im Lager quetschen sich am Abend die Männer in das 2 mal 2,40 Meter große Expeditionszelt. Zwei Grönländer namens Jens und Emil sind noch mitgekommen, um beim Aufstieg zu helfen.

Menschenfresser auf dem Eis?

Die beiden Inuit erweisen sich allerdings nicht als große Hilfe. Einerseits sind sie ungeduldig, weil am Ufer ein Großereignis bevorsteht, das kein Einheimischer verpassen will: der jährliche Angmasettenfang, die traditionelle Jagd auf Lodden, rund 20 Zentimeter lange Schwarmfische aus der Familie der Stinte. Andererseits halten die Inuit eine Tour über das Inlandeis für eine völlig absurde Idee. Legenden zufolge sollen auf dem Eis menschenfressende Riesen auf Opfer warten.

Das Interesse von Jens und Emil, die Legende auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, ist erkennbar gering. Anstatt wie verabredet noch eine ganze Woche mitzulaufen, bestehen sie darauf, schon am Morgen des dritten Tages umzukehren. Keine Überredungsversuche können sie umstimmen. Bald sind nur noch die Köpfe zu sehen, dann nur die Mützen - die vier Expeditionsteilnehmer sind allein mit ihren Hunden und Schlitten.

Und prompt bekommt es de Quervain, der sonst bis in die gezwirbelten Bartspitzen rationale Wissenschaftler, mit der Angst zu tun. Er schreibt:

Am Abend dieses Tages hatte ich ein seltsames und für Philister vielleicht unverständliches Erlebnis. Ich hatte allein noch vor dem Zelt zu tun. Die andern schliefen drinnen. Da sah ich in den weissen, eigentümlich verschlungenen Federwolken, die den Himmel überzogen, im Osten riesengross, unbeweglich eine grinsende Fratze stehen. Sonst war ich ja der Letzte, in den Wolken Phantasiebilder zu suchen. Aber war das nicht der Dämon des Inlandeises, der uns erwartete? Es stieg in mir auf, was mir einer geschrieben hatte, der wohl urteilen konnte: 'Die Ausführung Ihres Planes bedeutet Ihr Verderben…' Doch was konnte passieren? Unsere Schlitten waren beladen mit reichlichem Proviant, die Ausrüstung war wohl überdacht und schon erprobt, die Hunde stark, die Schneebahn erreicht, die Spalten verschwunden! Die Antwort brachte schon der folgende Morgen.

Dies ist ein gekürztes Kapitel aus "Opas Eisberg", das im Piper-Verlag erschienen ist. Hier können Sie das Buch direkt bestellen!

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