Historische Arktis-Expedition: Opas Eisberg

Von

Grönland 1912: Fundstücke einer historischen Expedition Fotos
Stephan Orth

Jahrzehntelang lag es ungelesen im Schrank: Ein altes Tagebuch berichtet von Abenteuern einer lebensgefährlichen Arktis-Expedition. Der Enkel des Verfassers beschließt, die historische Route nachzureisen - SPIEGEL ONLINE präsentiert einen exklusiven Auszug aus seinem Buch.

Mein Opa starb 24 Jahre vor meiner Geburt. Persönlich begegnet bin ich ihm nur einmal, kurz nach dem Tod meiner Oma. Sie sollte zu ihm in sein Grab auf dem Herrschinger Friedhof gelegt werden. Doch als das Grab geöffnet wurde, fand der Totengräber weder Sargspuren noch Knochenreste: Opas sterbliche Überreste hatten seit Jahrzehnten in einer Urne gelegen, die in dem kastanienbraunen Renaissance-Schrank in seinem früheren Arbeitszimmer neben Tagebüchern und Fotoalben stand, im ersten Stock der Alten Mühle am See. Umgeben von riesigen Bücherregalen und einem Werkzeugtisch.

"Roderich Fick - 16. August 1886 - 13. Juli 1955" stand auf dem schwarzen vasenartigen Gefäß, das meine Mutter viele Jahrzehnte nach dem Tod ihres Vaters aus dem Schrank holte. Als sie die Urne bewegte, schien darin nicht nur sandweiche Asche zu sein, sondern auch etwas Festes, Größeres. Plock. Ein unangenehmes Scheppern war zu hören, wenn der Gegenstand gegen die Metallwand schlug, so wie der Klang einer großen Münze, die in eine Spendenbox aus Blech fällt.

Außen klebten noch Erdreste. Jemand musste die Urne ausgegraben haben, damit Opa seine letzte Ruhe in seinem Lieblingsschrank finden konnte. Legal war das nicht, in Deutschland herrscht Friedhofszwang. "Das kommt gar nicht so selten vor", versicherte der freundliche Pfarrer, den meine Mutter später verlegen fragte, ob es möglich sei, eine fast 50 Jahre alte Urne ein zweites Mal zu begraben.

Plock. Das einzige Geräusch, das ich je von meinem Opa gehört habe. Ich weiß nicht, wie seine Stimme geklungen hat. Wie er sich bewegte. Wie er gerochen hat. Klar, ich kenne Fotos von ihm. Spitze Nase, scharfer Greifvogelblick. Auffällig ist, dass er auf Bildern fast nie lächelte. War er ein sympathischer Mensch?

Seine Totenmaske aus Gips lag immer im Studierzimmer neben einer roten Kerze, die Tag und Nacht brannte, die geschlossenen Lider zur bröckelnden Decke gerichtet. Vorstehende Wangenknochen, sauber über dem linken Ohr gescheitelte Haare, schmale Lippen. Neben der Maske Abdrücke seiner Hände mit sehr feinen, langen Fingern, die Mittelhandknochen zeichneten sich deutlich ab, die Daumen im gleichen Winkel nach hinten gebogen wie meine. Mehr Künstler- als Handwerkerhände.

Inuitwaffen aus Walrosszahn

Und natürlich kannte ich die "Grönland-Diele" im Untergeschoss. Vom Garten her roch es hier immer nach einer Mischung aus nassem Holz und frischem Laub. An der Wand hingen Kajakpaddel, Inuitwaffen und Speere mit Karabinerhaken aus Walrosselfenbein, Prachtstücke für jedes Völkerkundemuseum. Außerdem ein einzelner Kinderschuh aus Seehundleder, seltsam plattfüßig geformt. Wenn ich als Achtjähriger daran vorbeilief, auf dem Weg in den Garten zum Fußballspielen, fragte ich mich jedes Mal, was das für Füße sein müssen, die in solche Schuhe passen.

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Stephan Orth

Ich habe mich nie sonderlich für den Mann interessiert, dem alle diese Dinge einmal gehört haben. Ahnenforschung beschäftigt die Menschen normalerweise in einem Alter, in dem sie selbst schon kurz davor sind, nur noch als Name und Datum in irgendwelchen Stammbäumen zu existieren. Ahnenforschung hat nichts mit der Welt der Lebenden zu tun, dachte ich immer, sondern mit Archiven, Listen, unleserlichen Briefen und Staub.

Jahrzehntelang hatte das unscheinbare Büchlein in tarnfarbengrauem Leineneinband direkt neben der Urne gelegen, direkt neben Opa. Keiner in meiner Familie hatte sich je dafür interessiert. Leicht schimmliger Papiergeruch, obendrauf ein unkenntliches rotes Siegel und ein dunkler Fett- oder Wasserfleck. "Grönland 1912/13" steht, mit schwarzer Tusche geschrieben, über der ersten von 208 leicht vergilbten Seiten: Opas Expeditions-Tagebuch.

Stoff für einen Abenteuerroman

Natürlich hatte die Familie immer gewusst, dass es da liegt. Dass mein Großvater 1912 zu einer Forschungsreise nach Grönland aufgebrochen war. Ein lebensgefährliches Unterfangen, kaum weniger riskant als die Südpolfahrten von Robert Falcon Scott und Roald Amundsen kurz zuvor. Stoff für einen Abenteuerroman. Und gleichzeitig: der Opa halt. Wen interessiert schon das alte Zeug.

Als ich das Tagebuch das erste Mal aufschlug, fiel mir zunächst eine Illustration in der Innenseite des Umschlags auf. Opa hatte dort eine Zeichnung von Wilhelm Busch eingeklebt. Sie zeigt einen Raben, der auf einen Totenschädel kotet. Darunter steht: "Selbst mancher Weise besieht ein leeres Denkgehäuse mit Ernst und Bangen - Der Rabe ist ganz unbefangen." Ob sich Opa bei seinem Aufbruch wünschte, ein bisschen wie dieser Vogel zu sein, dem der Tod keine Angst einjagt?

Ich blätterte weiter durch die alten Seiten und entdeckte eine filigrane Bleistiftzeichnung: drei Männer, die einen vollbepackten Schlitten von einem etwa 40 Grad steilen Schneeabhang herablassen. Einer sitzt vorne und stemmt sich mit aller Kraft gegen den Schlitten. Ein anderer zerrt oben an dem Gefährt, der Dritte sichert es mit einem Seil, das er an einem Schneepickel fixiert hat. Die Männer haben keine Gesichter, ihre Köpfe sind konturlos wie Schatten.

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Stephan Orth

Ein gesichtsloser Schatten. Das wäre Opa für mich wahrscheinlich trotz des Tagebuchfundes geblieben, hätte mein Vater nicht kurz darauf in einem Landkartengeschäft in München eine Entdeckung gemacht. In dem Geschäft hatte eine Karte von Ostgrönland sein Interesse geweckt. Er betrachtete den kilometerbreiten Sermilik-Fjord mit seinen verästelten Buchten, das Örtchen Tasiilaq, im Westen die riesige Eisfläche, weißes Papier. Und Ficks Bjerg. Einen Berg, der nach meinem Opa benannt ist. Flankiert von Hoesslys Bjerg und Gaules Bjerg, den steinernen Denkmälern der beiden anderen Schattenmänner auf der Zeichnung im Tagebuch meines Opas.

Nachdem mir mein Vater von seinem Fund berichtet hatte, googelte ich den Namen des Berges, um ihn mir genauer anzuschauen. Doch die Bildersuche listete keine Fotos, nur ein paar Satellitenbilder, die kaum etwas erkennen ließen. Ein Berg, den nicht mal Google auf dem Schirm hat, dachte ich, muss verdammt abgelegen sein.

Da müsste man eigentlich mal hin, sagte mein Vater. Es schien also an der Zeit zu sein, sich auf einen ungewöhnlichen Familienurlaub vorzubereiten. Ich schlug das fast hundert Jahre alte Tagebuch meines Großvaters auf und begann zu lesen.

Dies ist ein gekürztes Kapitel aus "Opas Eisberg" von Stephan Orth. Hier können Sie das Buch direkt bestellen!

Außerdem ist es auch als Hörbuch erhältlich.

Klicken Sie hier, um zu den auf SPIEGEL ONLINE erschienen Texten von der anschließenden Grönland-Expedition zu gelangen!

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insgesamt 3 Beiträge
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1. *hüstel*
Connor Larkin 16.04.2013
Tatsächlich finde ich die Geschichte interessant, aber wäre es nicht korrekt von SPON den Artikel als Anzeige zu kennzeichnen denn es ist im Endeffekt eine Werbeartikel für ein Buchs aus dem eigenen Haus.
2. Klappern in der Urne
capote 16.04.2013
Ich habe mal v or Jahren einen Fernsehfilm über das Krematorim Wilmersdorf gesehen, darin wurde jedem Sarg eine Paginiernummer auf einer gebrannten Tonrondelle beigegeben um die Asche anhand der Buchführung eindeutig indentifizieren zu können. Ich nehme an, dass ist der einzige harte Gegenstand in der Asche.
3. interessante Geschichte
hexe113 17.04.2013
Auf alle Fälle eine interessante und spannende Sache, das Leben der eigenen Vorfahren zu entdecken. Der Großvater wäre damit heute ein "Superstar"...warum nicht auch Werbung machen.
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