Out of Las Vegas Auf den Straßen ins Nirgendwo

Wer das glitzernd-bunte Las Vegas verlässt, landet schnell auf den leeren Straßen Nevadas, die keine Staus und Schilder kennen - dafür gibt es halb verlassene Dörfer mit schrägen Typen und skurrilen Geschichten am Wegesrand. Willkommen zu einem Roadtrip durch den Wüstenstaat.

Von Ole Helmhausen


Nord-Nevada: Dirt Road in Richtung Ruby Mountains
Ole Helmhausen

Nord-Nevada: Dirt Road in Richtung Ruby Mountains

"Da oben, in der Ecke. Die beiden hellen Punkte." Die junge Frau, sie wird wohl um die 30 sein, kneift die Augen zusammen und schaut streitlustig in die Runde. Doch anders als zu Hause in Flagstaff, wo die Nachbarn nur noch müde lächeln, hegt hier im Little A'Le' Inn niemand Zweifel an ihrer Geschichte. Das Foto zeigt den blauen Lake Mead und rotes Sandsteinufer. Vor zwei Jahren hat sie mit Mann und Kindern dort Urlaub gemacht, sie sind viel geschwommen und haben auch mal ein Segelboot gemietet. Ein toller, unvergesslicher Urlaub sei das gewesen, die Kinder schwärmten noch heute von den Erkundungstouren in die verfransten Sandsteinbuchten.

Jetzt trommelt sie wieder auf die beiden Punkte in der oberen linken Ecke ein, sie muss es einfach loswerden. Die Wirtin schiebt noch einen Ufo-Burger mit eingelegten Gurkenscheibchen über die Theke. "Plötzlich waren sie da und flogen irre schnell über den See Richtung Hoover Dam." Das Foto wandert von Hand zu Hand. Am Ende der Theke bestellt jemand noch ein "Beam me up Scotty", das heimische Bier. "Echt", murmelt ein blasser Mensch von der Ostküste und reicht der Frau das Bild zurück. "Welcome to the club." Beglückt schiebt die Frau das Bild zurück in die Plastikhülle und steckt es wieder in ihre Handtasche. Die Anspannung ist von ihr gewichen.

Ufo-Gläubige fachsimpeln im Little A'Le'Inn

Mitten in der gelb-braunen Great Basin Desert kann ein zerknittertes Foto die einzige Attraktion des Tages sein. Rachel, ein Wüstennest aus klapprigen Trailern an der SR-375, nennt sich "Ufo-Capital of the World", und das Little A'Le'Inn, eine Kaschemme, ist das Hauptquartier von Ufo-Gläubigen und Verschwörungstheoretikern aus aller Welt.



Little A'Le'Inn in Rachel: Die Kaschemme ist das Hauptquartier für Ufo-Gläubige  Great Basin Desert: Geisterstadt  Pony Express Trail: "Brettflache Prärie", über die einst Postreiter galoppierten 

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Hier treffen sie sich, reichen selbst fotografiertes Beweismaterial herum und versichern einander, dass sie nicht bekloppt sind. Das Little A'Le'Inn ist der wohl einzige Ort auf der Welt, wo man sie ernst nimmt. Warum gerade hier? Über Rachel schwirren ständig Ufos herum. Allerdings kommen sie nicht aus dem All, sondern von jenseits der Tikaboo Mountains, vom Stützpunkt Groom Lake, der mit dem früheren Atomversuchsgelände Yukka Flats ein riesiges Sperrgebiet von der Größe Bayerns bildet und als "Area-51" bekannter ist. Dort machen, da ist man im Little A'Le'Inn sicher, "die in Washington" mit den Aliens gemeinsame Sache, um "us Americans" erst die Waffen und später auch alle anderen Bürgerrechte abzunehmen. Washington, heißt es auch, teste hier auf der Erde abgestürzte Alien-Raumschiffe.


Die wenigsten Gäste halten sich an die alten Satellitenbilder, die in der Kneipe ganz hinten hängen. Die längste Rollbahn der Welt ist da zu sehen und riesige Hangars. Groom Lake - ein Testgelände für neue Flugzeugtypen? Höchstwahrscheinlich, doch leider ist das Ufo-Anhängern zu banal. Wohl auch deswegen ist der einsame Briefkasten an der SR-375 kurz vor Rachel immer voll: Wem hier ein Ufo erschienen ist, der schreibt das auf einen Zettel und wirft ihn ein.

Zu sehen gibt es nichts, absolut nichts

Die Wüste lebt. Sie steckt voller Merkwürdigkeiten, und zwar nicht nur in Las Vegas. Nevada ist fast 300.000 Quadratkilometer groß - und so leer wie vor 150 Jahren. 90 Prozent der knapp 1,8 Millionen Einwohner leben in zwei Städten, Las Vegas im Süden und Reno im Nordwesten. Autofahren, man kann es sich denken, wird da zur Entspannung.

Die US-Highways und State Routes sind makellos und schnurgerade, Gegenverkehr ist selten. Keine Staus, keine Schilderwälder. Keine am Heck klebenden Psychopathen. Zu sehen gibt es nichts, absolut nichts. Und merkwürdigerweise tut das mal so richtig gut. Vom Wüstenwind angefressene Bergketten mit riesigen, Jahrmillionen alten Schutthalden gleiten am Fenster vorbei, und man betet, der Mietwagen möge ja nicht liegenbleiben.

Nach ein paar Stunden ereignislosen Fahrens denkt man immer weniger und immer langsamer. Irgendwann ist das Hirn nur noch auf Stand-by. "Empty your cup", sagen sie in Amerika dazu. Im Land der zehn Urlaubstage nach 20 Berufsjahren gibt es viele schöne Ausdrücke für die Symptome des Post-Kapitalismus, darunter "Burn-out", "Sabbatical", "Soul Searching": Wer ausgebrannt ist, nimmt sich eine Auszeit und denkt in aller Ruhe über den Sinn des Lebens nach. Und zwar am besten "in the middle of nowhere", im Nirgendwo.

Je weiter man ins Nirgendwo Nevadas vordringt, desto haarsträubender werden die Geschichten. Das Nest Alamo an der US-93, steht in einem alternativen Reiseführer, sei während der fünfziger Jahre von den Atombombentests 60 Meilen weiter westlich geschüttelt worden, die Einwohner hätten ihre Verstrahlungswerte einmal wöchentlich an die Atomic Engery Commission schicken müssen.

Caliente kommt. Vier Saloons, eine Tankstelle, hohe Sandsteinwände dahinter. Im "Intellectual Cowboy", dem einzigen Buchladen weit und breit, erzählt eine Bücherwand vom Eisenbahnerkrieg von 1900, der mit Schaufeln und Äxten ausgetragen wurde. Auch die Vergangenheit des Örtchens Pioche trieft vor Blut. 75 Männer verreckten hier an Schuss- und Messerwunden, bevor der erste Bürger eines natürlichen Todes sterben durfte.

Hier - wie in fast allen scheintoten Nestern und Geisterstädten Nevadas - ging es vor 100 Jahren immer nur um das eine: Gold, oder das andere: Silber. Während die zerlöcherten Hänge von Pioche im Rückspiegel verschwinden, sagt im Radio eine Frau aus Elko, dass sie ihren treulosen Gatten am liebsten umlegen würde. Doch Talk-Guru Dr. Laura rät ihr, die Knarre im Schrank zu lassen. "Get your ass in the car, my dear, and take a ride." Empty your cup - hier in der Wüste gehört Dampfablassen im Auto zum Lifestyle. Dr. Laura ist eine kluge Frau.

Braun, rot, purpur - und immer nackt

In Ely, einer hübschen Kleinstadt auf großen Kupfervorkommen, kreuzt die US-93 die US-50. 1988 schrieb ein "Life"-Reporter, die US-50 quer durch Zentral-Nevada sei wohl die einsamste Straße der USA. Bis zum 400 Kilometer entfernten Carson City gebe es nicht das geringste zu sehen. Doch weil er dies in Amerika schrieb, dem Land, das die Quintessenz des Kapitalismus verkörpert wie kein anderes, wurde diese Straße zu einem Aushängeschild Nevadas: Als "America's loneliest road" repräsentiert sie heute die grandiose Leere des Wüstenstaats und ködert damit vor allem Besucher aus dem immer volleren Mitteleuropa. Gleich hinter der letzten, von der Magma Copper Co. auf links gedrehten Schutthalde wird die Wüste wieder psychedelisch. Nacktes, steiniges Land, mal braun, mal rot, mal purpur. Helluland gleitet vorbei. Passend dazu spielen Quicksilver und die Grateful Dead im Radio. Beyoncé würde alles versauen.

Eine Handvoll halbtoter Dörfer liegen an der Straße, die US-50 ist ihre Nabelschnur. Eureka, früher 8000, heute 1900 Einwohner, wurde 1864 auf Silber gebaut, das rote "Opera House" dient jetzt als Mehrzweckhalle. Gegenüber verkauft der alte Walt Antiquitäten, doch von dem vergilbten Foto in dem schwarzen Rahmen will er sich nicht trennen. Darauf blickt eine Bande von Teenagern grimmig in die Kamera. Keiner ist älter als 18 Jahre, doch alle sehen aus wie über 40. Reiter waren sie, Postreiter.

Von 1860 bis 1861, kurz bevor die Telegraphen kamen, beförderten sie als Angestellte des legendären Pony Express Post von St. Joseph (Missouri) nach Sacramento (Kalifornien). Ihre Pferde alle 30, 40 Kilometer wechselnd, brauchten sie für die 3000 Kilometer lange Strecke gerade zehn Tage - wenn sie nicht unterwegs von Indianern aus dem Sattel geschossen wurden. Die Pferde auf den Ranches in den Ruby Mountains nördlich von hier seien die Nachkommen der Pferde des Pony Express, heißt es. Austin begann als eine ihrer Wechselstationen.

Weil die Straße lebt, stirbt Austin nicht

Heute stirbt das an die braunen Hänge der Toiyabe Range montierte Nest langsam vor sich hin. Die meisten Häuser des 300-Seelen-Ortes stehen leer, in zerbrochenen Fensterrahmen flattern noch Gardinen. Doch die Straße lässt Austin nicht ganz sterben. Sie bringt Mountainbiker, die sich auf den Single-Tracks über der Stadt austoben. Denn Moab, das Mountainbiker-Mekka drüben in Utah, ist ihnen zu voll.

Die US-50 folgt dem Trail des Pony Express nach Westen, der untergehenden Sonne entgegen. Noch immer kein Gegenverkehr. Und keine Highway Patrol. Man kann nach Herzenslust aufdrehen, bis einem mulmig wird. Oder auch mal mit einer Geschwindigkeit von 16 Kilometer pro Stunde über den Asphalt schleichen. So schnell waren die Postreiter damals im Schnitt unterwegs. Bis Carson City, der Hauptstadt Nevadas, vermelden Schilder, wo ihr Trail den Highway kreuzt. Wer an einem "historic marker" aussteigt, kann ihn noch sehen. Bis zum Horizont zieht er durch die von Salbei überzogene Prärie, überwachsen zwar, aber noch immer gut erkennbar. 16 Jahre alt waren die Postreiter im Durchschnitt.

Mit der Postkutsche unterwegs, sah der große amerikanische Schriftsteller Mark Twain einmal einen dieser Reiter vorbeijagen: "Fern am Horizont der endlosen brettflachen Prärie erscheint ein schwarzes Pünktchen, das sich deutlich bewegt. In ein, zwei Sekunden wird es zum Pferd und Reiter, auf und ab und auf und ab wippend - näher und näher auf uns zufegend - immer deutlicher werdend, sich immer schärfer abzeichnend - näher und immer näher, und das Hufgeklapper dringt schwach ans Ohr - im nächsten Augenblick ein Geschrei und Hurra von unserem Oberdeck, ein Winken von des Reiters Hand, aber keine Antwort, und Mann und Pferd sprengen an unseren aufgeregten Gesichtern vorbei und jagen wie ein verspätetes Stück Sturm davon!"

Wo war man selbst mit 16? In Sicherheit. Wo ist man heute? Noch immer in Sicherheit. Bis Carson City hat man noch reichlich Zeit zum Nachdenken. Eigentlich hat man es verdammt gut. Das einzige Problem, das man zurück in Las Vegas hat, sind zu viele Autos.

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