Tipps für Touren: Wie Radler ihr Gepäck erleichtern

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Auf einer Radreise spürt man jedes Gramm zu viel - spätestens am ersten Berg. Wer sein Gepäck intelligent auswählt und in leichte Ausrüstung investiert, kann jedoch bequem mit nur zwei Taschen Urlaub machen. Und selbst abends im Restaurant gut aussehen.

Zelt, Kocher, Isomatte: Packanleitung für die Radtour Fotos
SPIEGEL ONLINE

Es ist jedes Jahr das Gleiche: Man packt die Radtaschen für eine größere Tour. Zelt, Isomatte, Kocher, Klamotten - alles verteilt auf zwei Low-Rider am Vorderrad und zwei Taschen für den hinteren Gepäckträger. Und nach ein paar Tagen auf Tour wird einem klar, dass man vieles gar nicht braucht. Ärgerlich, denn zu viel Gepäck auf dem Rad bedeutet Qualen am Berg.

Gabi Bangel, Radreiseexpertin beim ADFC, hat diese Erfahrung auch schon gemacht: "Ich gehöre zu denen, die gern mal zu viel einpacken und dann von unterwegs zurückschicken." Bangel ist eigentlich jeden Sommer mehrere Wochen im Sattel unterwegs und beschränkt sich dabei auf zwei Radtaschen. Viele Reiseradler nehmen lieber vier, hinzu kommen oft noch eine Lenkertasche und eine Rolle quer über den Gepäckträger hinten. "Mit nur zwei Taschen bin ich flexibler, ich kann auch mal schnell in Bus oder Bahn umsteigen", sagt Bangel.

Auf einen gewissen Komfort möchte die Berlinerin trotzdem nicht verzichten. In Radlerklamotten ins Restaurant gehen? Das mag sie nicht und hat deshalb immer ein, zwei Kleider und Röcke dabei - gut verpackt in stabilen Plastikhüllen, damit sie in der Tasche nicht zerknautscht werden. Ein kleines Zelt und einen leichten Schlafsack nimmt sie bei Touren meistens trotzdem mit - nur auf die Kochausrüstung verzichtet sie. Ein kleiner Tauchsieder reicht, um morgens schnell einen Kaffee aufzubrühen.

Wie viel Gepäck man letztlich auf einer Radreise braucht, hängt nicht nur von den eigenen Ansprüchen, sondern auch vom Reiseziel ab. Wenn das Wetter kalt und unberechenbar ist wie etwa auf Island, kann ein größeres Zelt ein Segen sein. Wer nur feste Unterkünfte bucht, hat seltener Platzprobleme. Und wer mittags und abends essengeht, braucht weder Kocher noch Topf.

Alles abwiegen

Doch selbst der klassische Selbstversorger, der abends am Zelt ein Zwei-Gänge-Menü zaubert, muss nicht zwingend vier Radtaschen füllen. Axel Klemm vom Outdoor-Kaufhaus Globetrotter empfiehlt, sämtliches Gepäck sorgsam abzuwiegen. "Schon bei T-Shirts gibt es verblüffende Gewichtsunterschiede."

Er selbst praktiziert Minimalismus: "Ein paar feste Schuhe plus Flipflops sollten reichen", sagt der Radtourexperte. Gabi Bangel vom ADFC hat hingegen immer ein zweites festes Paar Schuhe dabei - so viel Luxus muss sein. Klemm reduziert lieber: "Seife statt Duschgel - man muss konsequent sei. Die Kunst besteht im Weglassen."

Vor allem bei der Bekleidung gibt es viel Einsparpotential. Eigentlich sollten zwei Hosen und zwei T-Shirts reichen - man kann Schmutziges ja schnell durchwaschen. Wenn eine der Hosen über Reißverschluss abnehmbare Beine hat, ist eine extra kurze Hose überflüssig. Hinzu kommen noch Unterwäsche, Socken, ein dünner Fleece-Pullover sowie Soft-Shell- und Regenjacke. Für die Radbekleidung empfiehlt ADFC-Expertin Bangel Armlinge und Beinlinge sowie eine leichte Weste für kühle Abfahrten.

Ultraleichtgepäck ist natürlich auch eine Frage des Geldbeutels. Zelt, Isomatte, Schlafsack - all das gibt es gegen Aufpreis auch in extra leichter Ausführung. Die Matte NeoAir XLite von Therm-a-Rest und der Schlafsack Passion three von Yeti beispielsweise kommen zusammen auf nicht mal ein Kilogramm, kosten zusammen aber auch über 600 Euro.

Etwa die gleiche Summe muss man in ein ultraleichtes Zelt für ein bis zwei Personen investieren. Das Telemark 1 von Nordisk für eine Person etwa wiegt nur 770 Gramm (520 Euro). Das Tunnelzelt Anjan 2 von Hilleberg kommt auf 1700 Gramm (2 Personen, 630 Euro). Das Gewichtstuning der Hersteller erfordert aber auch Sorgfalt in der Nutzung: Das mitunter hauchdünne Material ist empfindlich und geht schnell kaputt, wenn man nicht aufpasst.

Essen aus der Tüte?

Wie groß die Kochausrüstung ist, hängt von den eigenen Vorlieben ab. Minimalisten greifen zu Fertignahrung, die in der Verpackung mit heißem Wasser aufgegossen wird. Das spart Brennstoff, und so reicht selbst eine kleine und entsprechend leichte Gaskartusche mehrere Tage.

Fotostrecke

12  Bilder
Kaffee für Camper: Von Omas Filter bis zur Koffeinspritze
Wer richtig kochen möchte, muss mindestens einen größeren Topf mitnehmen und eine große Gaskartusche oder Benzinflasche. Wegen des geringen Gewichts sollten die Töpfe aus Aluminium oder Titan sein. Ein Windschutz spart übrigens eine Menge Brennstoff, weil die heiße Luft unterm Topf nicht weggepustet wird. Ein solcher Schutz lässt sich schnell aus mehreren Lagen Alufolie basteln.

Den wohl leichtesten Campingkocher der Welt kann man sich sogar selbst bauen - aus einer alten Cola- oder Konservendose. Im Internet kursieren diverse Anleitungen für den sogenannten Tuna Stove oder Soda Can Stove. Die Austrittsöffnungen für die Flammen bohrt man per Hand selbst. Als Brennstoff kommt Spiritus zum Einsatz.

Die gesamte bis hierher beschriebene Ausrüstung passt durchaus in zwei große Fahrradtaschen, wenn man das Zelt nicht auch noch mit in die Taschen quetscht und es stattdessen quer über die Taschen legt - siehe Fotostrecke. Zelt plus Taschen wiegen zusammen übrigens nicht mal zwölf Kilogramm.

Minimalismus auf die Spitze getrieben

Es geht sogar noch mit deutlich weniger Gepäck - beim sogenannten Rackless Touring. Man verzichtet dabei ganz bewusst auf Gepäckträger. Das Equipment hängt stattdessen an Lenker, Sattelstütze und direkt am Rahmen. Gunnar Fehlau aus Göttingen hat diesen aus den USA kommenden Trend auch in Deutschland bekanntgemacht - bei der von ihm mitorganisierten Grenzsteintrophy - einer Wettfahrt entlang der einstigen innerdeutschen Grenze.

Den Schlafplatz müssen sich die Teilnehmer jeden Abend selbst suchen - etwa eine Schutzhütte für Wanderer oder eine überdachte Bushaltestelle. Ein Zelt nehmen die meisten nicht mit - eher einen Biwaksack, um notfalls auch eine Nacht im Regen ohne schützendes Dach überstehen zu können.

"Mein Rad wiegt etwa 18,5 Kilogramm, davon sind 7,5 Kilogramm Gepäck", berichtet Fehlau. Er habe jede Bekleidungsschicht nur einmal dabei. Den Schlafsack hängt er meist vorn an den Lenker, die Bekleidung steckt in der Tasche, die am Rahmen befestigt ist.

Solches Minimalgepäck bringt klare Vorteile: Die Fahrdynamik des Rades ist besser. Auf den oft holprigen Wegen kann kein Gepäckträger brechen, weil er fehlt. Und schließlich kommt man schneller voran als mit schweren Packtaschen. Genau darum geht es auch bei ambitionierten Wettfahrten wie der Grenzsteintrophy.

Beim großen Vorbild aus Amerika, der Tour Divide quer durch die Rocky Mountains von Kanada nach New Mexico, brachte das Rad des Siegers in diesem Jahr nicht einmal 15 Kilogramm auf die Waage - Gepäck eingeschlossen. Zum Vergleich: Ein durchschnittliches Trekkingrad wiegt ebenfalls 15 Kilogramm - allerdings ohne Gepäck.

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insgesamt 76 Beiträge
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1. Das Problem sitzt auf dem Sattel
Hirndummy 14.08.2013
Bleiben wir mal sachlich und verlassen das Marketing. Im Zugabteil sehe ich oft diese "Profiradler". Teure Bikes, optimiert um jedes Grämmchen und auf dem Sattel sitzen dann 40 Kg Übergewicht.
2. Herberge statt Camping - und vorher abspecken
andimey3 14.08.2013
Noch mehr Gewicht kann sparen, wer auf Schlafsack und Zelt verzichtet, um in günstigen Herbergen zu schlafen. Das ist oftmals nicht viel teurer als ein Campingplatz. Auf den Camping-Kocher kann verzichten, wenn in günstigen Gasthöfen speist. Und wer vor dem Urlaub noch rasch zwei Kilo abspeckt, darf sich zur Belohnung beim Gepäck ein bisschen mehr Komfort gönnen.
3. Quatsch mit Sosse
radnomade 14.08.2013
Es ist zwar schön mit wenig Gepäck (Rad, Rucksack, etc.) unterwegs zu sein, doch gerade das Fahrrad erlaubt einem ausreichend davon dabei zu haben. Klar, am Berg sind die ersten Meter eine große Überraschung, da man meint da hält einer einen doch fest. Aber moderne Fahrräder haben ja zum Glück eine Gangschaltung und so schaltet man halt ein bs zwei Gänge weiter zurück und es geht auch. Wer es nicht glaubt, guckst Du hier: www.bicimundo.de oder auch www.northcapetour.de Wie gesagt, was ich mit meiner o.a. Aussage generell sagen moechte ist, das es sich nicht lohnt an jedem Gramm zu sparen. Wir sind auch mit 75kg bzw. 85kg über 4300m hohe Berge in den Anden geradelt und wir beide sind wahrlich keine Athleten oder Hochleistungssportler. Zudem haben wir, wenn wir uns selbst versorgt haben, wie z.B. sehr oft in Europa ordentlich eingekauft und gut gegessen.
4. Warum so teuer?
realist29 14.08.2013
In dem Artikel wird der Eindruck erweckt, dass Radtouren mit teurer Ausrüstung einfacher sind. Ich war gerade 2,5 Wochen in Deutschland, Tschechien, der Schweiz und Österreich unterwegs. Mein Tourenrad habe ich für 130 Euro gebraucht gekauft. Mein Zelt ist ein zwei Personen Kuppelzelt (1,3 kg) das es für 15 Euro bei Ebay gibt. Dazu habe ich für acht Euro eine Abdeckplane (700 g) gekauft, die ich bei Regen über das Zelt lege. Einen guten Schlafsack für somerliche Temperaturen bekommt man für deutlich unter 100 Euro. Ich habe den Schlafsack aufgrund der Wärme nur als Decke verwendet. Mein Modell wiegt dann vielleicht 200 Gramm mehr, kostet aber 500 Euro weniger. Eine gute robuste Isomatte bekommt man für 20-30 Euro von Term-a-Rest. Wenn man eine Radtour macht hat man in der Regel ein Tourenrad mit Stahlrahmen. Dazu kommen noch mehrere Flaschen Wasser sowie etwas zum Essen im Gepäck. Es ist relativ unwichtig, ob die Ausrüstung nochmal ein Kilo mehr wiegt oder nicht. Zumindest entscheidet dieses eine Kilo nicht darüber ob ich den Berg hochkomme oder nicht.
5.
no-panic 14.08.2013
Zitat von andimey3Noch mehr Gewicht kann sparen, wer auf Schlafsack und Zelt verzichtet, um in günstigen Herbergen zu schlafen. Das ist oftmals nicht viel teurer als ein Campingplatz. Auf den Camping-Kocher kann verzichten, wenn in günstigen Gasthöfen speist. Und wer vor dem Urlaub noch rasch zwei Kilo abspeckt, darf sich zur Belohnung beim Gepäck ein bisschen mehr Komfort gönnen.
Beim Klicken durch die Fotostrecke dachte ich mir auch, dass ich allein für den Gegenwert des Schlafsacks zwei Wochen prima in kleinen Pensionen übernachten kann.
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Zum Autor

Holger Dambeck, Jahrgang '69, arbeitet seit 2004 als Wissenschaftsredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Er fährt praktisch täglich Fahrrad und hat schon diverse Urlaube im Sattel verbracht.


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