Bildband Oh, wie schön ist Pakistan

Ein Fotograf bereist die Welt - und hört immer wieder, kein Land sei unglaublicher als Pakistan. Er fährt hin und kommt mit einem Bildband zurück, der sogar die Pakistaner begeistert.

Manolo Ty

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Als Manolo Ty in Pakistan ankommt, weiß er wenig über dieses Land. Immer wieder haben ihm, dem Weltreisenden, Menschen erzählt, wie toll Pakistan sei, wie faszinierend die Kultur, wie schön die Landschaft, wie gastfreundlich die Menschen.

Man könnte es naiv nennen, ohne sich zu informieren in ein Land zu reisen, das als eines der gefährlichsten der Welt gilt, in dem es viele No-go-Areas gibt, manche, weil dort das staatliche Gewaltmonopol außer Kraft gesetzt ist und archaische Stammesregeln gelten, andere, weil der Staat dort seine Gewalt missbraucht und missliebige Kritiker aus dem Weg räumt.

Aber was für ein Glück, dass er sich nicht informiert hat! Womöglich hätten ihn die Nachrichten über Terror und Taliban abgeschreckt. So aber reiste Manolo Ty, 31, der eigentlich Manuel Tysarzik heißt und in Berlin lebt, Ende 2013 nach Pakistan und erkundete es fotografierend.

Er hatte gehofft, auf dem Landweg dorthin Material zu finden und sich schlau zu machen. Aber er fand auf dem Reiseweg nichts über Pakistan. "Nun stand ich da, ohne Karte, ohne Kontakte und ohne Vorkenntnisse über ein Land, das zweieinhalb Mal so groß wie Deutschland ist", schreibt er.

Er verbrachte Zeit in der größten Stadt, in Karatschi, an der Küste im Süden. Er fuhr Richtung Norden, durch die bevölkerungsreichste Provinz Punjab. Er besuchte Islamabad und Rawalpindi, die zwar Zwillingsstädte genannt werden, weil sie ineinander übergehen, aber doch so unterschiedlich sind, wie sie nur sein können. Und er hielt sich ein paar Tage in Peschawar auf, jener Metropole im Westen, nahe der Grenze zu Afghanistan, wo in der Vergangenheit die meisten Anschläge stattfanden.

Das alltägliche, das schöne Pakistan

Entstanden ist jetzt, fast vier Jahre später, ein beeindruckender Bildband. "Pakistan Now" heißt er, das, was man Coffeetable Book nennt: ein großformatiges, schweres Buch, das Einblicke bietet in ein Land, das nicht gerade als touristisches Ziel bekannt ist. Die Fotos zeigen das alltägliche, das schöne Pakistan. Kurze Texte beschreiben die jeweiligen Reisestationen auf Deutsch und auf Englisch, am Ende findet man in beiden Sprachen Erklärungen zu den Bildern.

Zwar sieht man auch Männer mit Waffen, weil sie zum Straßenbild dazugehören, aber Fotos von Taliban und Terror, von Krieg und Gewalt, von Verfolgung und Unterdrückung fehlen weitgehend. Gleichwohl zeigt Ty kein geschöntes Bild: Er porträtiert Arbeiter, die für wenig Geld Schiffe abwracken, und Baumwollpflücker ebenso wie die Reichen und Schönen des Landes.

Fotostrecke

12  Bilder
Pakistan-Bildband: "Ein Fest der Vielfalt und Toleranz"

Ty schreibt in seinem Vorwort, seine Fotos sollten "ein Fest der Vielfalt und Toleranz" sein. "Ich wollte der Welt zeigen, wie Pakistan wirklich ist." Tatsächlich ist es eher ein Bild, wie die meisten Pakistaner sich ihr Land wünschen: sich einredend, Terror und Extremismus seien ja nur eine Angelegenheit von einigen Individuen und man solle doch nicht ständig nur darüber reden.

Eine nachvollziehbare Haltung, die aber ignoriert, dass Extremismus, Islamismus und Clankultur tief in der staatlichen Struktur verwurzelt sind. Und dass die Stimmung im Land von einem Moment auf den anderen kippen kann. Da, wo eben noch die netten Straßenhändler standen, wütet plötzlich der Mob und schreit: "Blasphemie, Blasphemie!", liegen Leichen nach dem Selbstmordattentat.

Endlich einer, der uns mag!

Wie sehr sich viele Pakistaner nach einem anderen, soften, positiven Pakistan-Bild sehnen, erkennt man auch daran, dass pakistanische Zeitungen den Bildband von Ty feiern. Er ist wie Balsam auf ihrer Seele. Endlich einer, der uns mag!

Und es macht dieses Buch so sehenswert: Es ist eine Art Liebeserklärung an das Land. Von einem, der als Künstler, nicht als Kritiker darauf schaut, der die Menschen achtet, sich für sie interessiert, ihnen Wertschätzung entgegenbringt. Man sieht den Bildern diese zugewandte Haltung an. Ty hat das Risiko auf sich genommen, den Band selbst zu verlegen. Angebote von Verlagen habe es gegeben, sagt er, aber er habe sich nicht reinreden lassen wollen, wie er das Buch zu gestalten habe.

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Manolo Ty:
Pakistan now

Abid Azam; 288 Seiten; gebunden; 49,95 Euro.

Im April besucht er Pakistan wieder. Diesmal will er den Norden bereisen, jene bergige Region, wo die meisten Siebentausender keine Namen haben, weil es zu viele davon gibt. Er wird sich vermutlich noch mehr verlieben, denn Nordpakistan ist, da sind sich die Pakistaner einig, einer der schönsten Flecken Erde überhaupt.

Und da haben sie völlig recht.

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
d.b.licht 22.03.2017
1. Gut so!
Dass es in Pakistan häufig Anschläge mit verheerenden Folgen gibt, hören und lesen und sehen wir ja oft. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Ich finde es großartig, wenn die Medien ein umfassendes Bild der Wirklichkeit abbilden, und dazu gehört auch das Schöne. Angesichts der Tatsache, dass die große Mehrzahl aller Dinge auf der Welt funktionieren, sollte man in den Redaktionen vielleicht hin und wieder die Balance in der Berichterstattung nachjustieren. Dieser Beitrag geht definitiv in die richtige Richtung!
d45gts 22.03.2017
2. weil es dazu passt:
weil es dazu passt: http://www.spiegel.de/reise/fernweh/pakistans-lieblingstouristen-reisehelden-im-bulli-a-1085048.html
bastian_traunfellner 22.03.2017
3. vignette
vignette effekt ist so mitte 2015. Teure vignettefreie linsen leisten ist 2017.
Vox libertatis 22.03.2017
4. Pakistan ist ein ausgesprochen
faszinierendes Land, das ich drei Mal aus beruflichen Gründen bereisen durfte. Nur wenige Städte sind so voll mit Geschichte wie Lahore, an nur wenigen Orten der Welt finden sich Spuren von so vielen verschiedenen Kulturen wie in Taxila. In Moen Jadaro kann man die Überbleibsel der Indus-Zivilisation bewundern. An einigen Orten, die als Weltkulturerbe gelistet sind, war ich der erste ausländische Besucher seit Wochen. Im übrigen fand ich die meisten Menschen sehr nett und freundlich.
schgucke 22.03.2017
5. schön für die eine Hälfte der Menschheit
Ab April kann er dann ja mal versuchen, ein paar Bilder der Lebenslust und des schönen Lebens der Frauen und Mädchen in Pakistan zu machen. die Weiße auf dem Kamel und das bildlose Versprechen darunter sprechen Bände.
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