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Pakistans erste Stadtrundfahrt: Karatschi, meine Schöne

Von , Karatschi

Pakistans erste Stadttour: Fünf Stunden Karatschi Fotos
Super Savari Express

Sie gilt als eine der gefährlichsten Metropolen der Welt: Junge Einheimische bieten nun Rundfahrten durch Karatschi an. Es ist eine Liebeserklärung an ihre Heimat - und für Reisende eine Tour in eine bessere Vergangenheit.

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Man könnte Angst haben vor Karatschi. Allein schon wegen der mehr als 20 Millionen Menschen - das sind mehr, als viele Länder Einwohner haben.

Karatschi ist ein Labyrinth, ein Moloch, eine architektonische Abwärtsspirale, ein Stadt gewordenes Chaos. Und an kaum einem anderen Ort werden so viele Menschen ermordet wie hier. Mehrere Tausend jährlich. Opfer von politischen Morden, Raubmorden, Bandenkriegen, Mafiakämpfen und islamistischem Terror.

"Karatschi ist schön!", sagt Jehanzeb Salim. "Voller Geschichte!" Der 20-Jährige stammt aus Karatschi. "Das ist meine Stadt, meine Heimat. Ich finde es schade, dass es immer nur um Gewalt geht, wenn man über Karatschi spricht." Aus ihm spricht der Wunsch eines jungen Menschen, seine Heimat in ein besseres Licht zu stellen.

Gemeinsam mit seinem Freund Atif Bin Arif, Sohn eines Reisebürobesitzers, organisiert Salim nun Stadtrundfahrten durch Karatschi, um ein "softeres Bild" zu vermitteln, wie er sagt. Super Savari Express heißt das Unternehmen, das im Januar seinen ersten Geburtstag feiert. Es sind die ersten organisierten Stadtbesichtigungen überhaupt in Pakistan. Savari bedeutet so viel wie Tour, Fahrt, Reise. Arif ist Geschäftsführer, Salim organisiert die Führungen, noch jedenfalls. Er hat die Schule abgeschlossen und hofft nun auf ein Studium in Kanada.

Selbst Einheimische kennen ihre Stadt nicht

Etwa 4000 Menschen haben Arif, Salim und mehrere Stadtführer, die für sie arbeiten, bisher ihr Karatschi gezeigt, davon etwa ein Zehntel Ausländer - Geschäftsleute, internationale Hochzeitsgäste, Diplomaten und Entwicklungshelfer, die hier leben.

Die Zeiten, als Europäer und Amerikaner in den Siebzigerjahren hierherkamen, bunte Stoffe, Gewürze, Antiquitäten auf den Basaren kauften, manche sich Drogen in Bars besorgten, sind längst vorbei. Mitte der Achtziger brachen die ersten Kämpfe zwischen rivalisierenden Parteien aus, seither hat sich die Stadt nie wieder beruhigt. Seit 9/11 geht der Tourismus hier gegen null.

In Karatschi soll sich der inzwischen gestorbene Taliban-Chef Mullah Omar versteckt haben. Der "Wall Street Journal"-Reporter Daniel Pearl wurde im Frühjahr 2002 in Karatschi entführt und getötet. Im November 2008 startete von hier ein zehnköpfiges Terrorkommando ins indische Mumbai und ermordete dort 166 Menschen. Alle paar Tage explodiert in der Stadt eine Bombe, statistisch stirbt täglich ein Polizist im Dienst.

Jehanzeb Salim (r.) und Atif Bin Arif (l.): "Karatschi ist schön!" Zur Großansicht
Hasnain Kazim

Jehanzeb Salim (r.) und Atif Bin Arif (l.): "Karatschi ist schön!"

"Wir richten uns vor allem an die Einheimischen, die ihr Leben in Karatschi verbringen, aber oft erstaunlich wenig über ihre Stadt wissen", sagt Salim. "Das ist vor allem ein Bildungsproblem", sagt er. Aber auch die Gebildeten, Wohlhabenden haben viele historisch wichtige Orte noch nie oder jahrelang nicht mehr besucht, weil sie sich daran gewöhnt haben, aus Angst ihre Stadtviertel nicht zu verlassen, wenn es nicht unbedingt nötig ist.

Das müsse sich ändern, dachte sich Arif, als er Anfang des Jahres begann, Stadtrundfahrten durch Karatschi anzubieten. Zusammen mit Freunden klapperten sie verschiedene Sehenswürdigkeiten ab, sprachen mit den Verantwortlichen und kündigten an, dass sie demnächst mit Gruppen ankommen würden. "Anfangs sagten viele nein, sie waren misstrauisch", erinnert sich Arif. "Aber inzwischen kennt uns jeder."

Fresko vom Michelangelo Südasiens

Die Tour beginnt um 8 Uhr morgens, wenn Karatschi noch schläft. Für größere Gruppen hat "Super Savari Express" einen bunten Bus hergerichtet, und die mutigeren Teilnehmer sitzen dann auf dem Dach - so, wie man eben in Pakistan unterwegs ist. Für Einzeltouren oder zu zweit gibt es eine Motorrikscha. Die Rundfahrt kostet inklusive einem Frühstück und einer Teepause 2500 Rupien pro Person, umgerechnet gut 20 Euro - viel Geld in einem Land, in dem der Mindestlohn bei etwa 70 Euro im Monat liegt. Dafür begleiten Sicherheitsleute die Gruppe.

Und tatsächlich, die Tour vermittelt eine Ahnung von dem Reichtum und der Vielfalt, die diese Stadt in Vergangenheit einmal ausgezeichnet haben. Bis zu fünf Stunden ist man unterwegs, ausschließlich im Stadtteil Saddar, dem alten Karatschi, wo die britischen Kolonialherren in vergangenen Jahrhunderten ihre Herrschaftshäuser und Angehörige unterschiedlicher Religionen ihre Gotteshäuser bauten.

Da ist zum Beispiel die Frere Hall, eine 1865 eröffnete Gemeindehalle, benannt nach dem britischen Diplomaten Sir Henry Bartle Edward Frere. Die Decke ist zur Hälfte bemalt vom pakistanischen Maler Sadequain Naqqash. Er gilt als der Michelangelo Südasiens. Als er 1987 starb, war sein Werk noch nicht vollendet. Man nennt ihn auch den "heiligen Sünder", weil er seine Kalligrafien und religiös-islamischen Motive oft im Vollrausch malte. Man schaut sich das Deckengemälde an und fragt sich, wo solche Typen wie er nur unter den 20 Millionen Einwohnern geblieben sind.

Überhaupt: Wo sind sie alle geblieben, die Hindus und Sikhs und Christen und Parsen, deren Tempel und Kirchen Teil des Programms sind? Karatschi, das wird deutlich, war mal ein Schmelztiegel der Kulturen und Religionen, immer zwar dominiert von den Muslimen, aber doch offen und tolerant, bunt und vielfältig.

"Ist es immer noch", sagt Salim. "Hier in Saddar leben immer noch viele Menschen mit unterschiedlichem Glauben." Das stimmt, aber dass sie ihre Identität oft verstecken müssen, sagt er nicht. Die meisten Gotteshäuser kann man von innen besichtigen, nicht alle sind mehr in Betrieb.

Drei Dinge braucht der Mensch zum Leben

Zwischen nichtssagenden bis geradezu hässlichen Fassaden fallen die Perlen aus der Zeit der Briten auf, wie die St.-Patrick's-Kathedrale, 1881 fertiggestellt. Der Beichtstuhl ist hier offen, "um irgendwelchen Missbrauchsvorwürfen vorzubeugen", sagt Salim. Das Problem der katholischen Kirche reicht also bis hierher. Neben der Kathedrale befindet sich das Grab des 1994 gestorbenen Kardinals Joseph Cordeiro, Erzbischof von Karatschi. Die Christen hier glauben, er hätte das Zeug zum Papst gehabt.

Empress Market: Einkaufsparadies in Gedenken an die Kolonialherren Zur Großansicht
Hasnain Kazim

Empress Market: Einkaufsparadies in Gedenken an die Kolonialherren

Oder der Empress Market, ein Basar benannt nach Queen Victoria, Kaiserin (Empress) von Indien. Hier kaufen Frauen und Männer Gemüse ein, schlachten Männer in Rikschas angelieferte Hühner, bieten zwielichtige Händler Haustiere - Katzen, Hunde, Vögel - feil. "Wenn man sein Haustier vermisst, sollte man als Erstes nachschauen, ob es nicht jemand an diesem Ort anbietet", sagt Salim.

Der Uhrenturm des Marktes ist wie die meisten Gebäude aus der Kolonialzeit denkmalgeschützt, was ihn aber nicht vor dem Verfall bewahrt. Auf dem Platz davor wurden 1857, nach dem niedergeschlagenen Versuch der Einheimischen Britisch-Indiens, sich von der Kolonialherrschaft zu befreien, die Aufständischen hingerichtet. "Sie wurden vor Kanonenrohre gebunden", erzählt Salim.

Manche dieser Geschichten von Karatschi findet man in den Büchern, die es im "Tit Bit Book Stall" gibt, einem der ältesten Buchläden der Stadt. Ein Stopp gebührt diesem Kabuff, kleiner als eine Garage, die Wände bis zur Decke vollgestopft mit - zum Teil alten - Büchern. "Ich liebe Bücher", sagt der Händler. Das Geschäft laufe prima, "trotz Internet und Computer". Wenn er etwas in seinem Leben in Karatschi gelernt habe, dann das: "Es gibt nur drei Dinge, die der Mensch zum Leben braucht: Essen, Trinken und Bücher. Sonst nichts."

Es wäre so schön, wenn alle Einwohner von Karatschi das so sähen.

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1. Es stimmt, Karachi hat auch schöne Seiten
Ottokar 23.12.2015
In den 80zigern habe ich für zwei Jahre in Karatchi / Clifton gelebt und die Fotos weckten schöne Erinnerungen.........schade das man da nicht mehr leben kann.
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Fakten über Pakistan
Staatsgründung
Pakistan entstand 1947 aus den überwiegend muslimischen Teilen von Britisch-Indien. Zunächst bestand es aus den beiden Landesteilen West- und Ostpakistan, zwischen denen mehr als 1500 Kilometer Entfernung lagen. Beiden Teilen mangelte es jedoch an einer gemeinsamen nationalen Identität. Nach einem Krieg, bei dem Indien dem Osten half, entstand 1971 als neuer Staat Bangladesch .
Kaschmir-Konflikt
Seit der Staatsgründung führte Pakistan zwei große Kriege mit dem Nachbarn Indien um die Grenzregion Kaschmir , 1947/48 und 1965. Der Fürstenstaat Kaschmir hatte sich zunächst zu Indien zugehörig erklärt. Der islamische Staat Pakistan beanspruchte das überwiegend von Muslimen bewohnte Kaschmir jedoch für sich und gewann die Herrschaft über den westlichen und nördlichen Teil der Region. Doch auch Indien betrachtete Kaschmir als sein Territorium. Die von der Uno 1948 vorgeschlagene und vom indischen Premierminister versprochene Volksabstimmung, in der die kaschmirische Bevölkerung selbst über ihre Zukunft entscheiden sollte, wurde nie durchgeführt.

Seit den achtziger Jahren kämpfen im indischen Teil Kaschmirs muslimische Rebellen für die Unabhängigkeit der Region oder einen Anschluss an Pakistan. 1999 kam es wieder zu größeren militärischen Auseinandersetzungen mit mehreren hundert Toten, und 2001 standen die Atommächte Indien und Pakistan erneut am Rande eines Krieges. 2004 wurde ein Friedensprozess zwischen Neu-Delhi und Islamabad eingeleitet.

Der pakistanische Geheimdienst ISI steht im Verdacht, Kontakte zu islamistischen Terroristen zu pflegen. Indien wirft Pakistan die Unterstützung muslimischer Terroristen vor. Auch hinter der Anschlagserie in Mumbai 2008 vermutet Neu-Delhi islamistische Terroristen aus Pakistan.

Islam
Mit der Verfassung von 1956 wurde Pakistan die erste islamische Republik der Welt. Der Islam ist Staatsreligion, gleichzeitig garantiert die Verfassung jedoch Religionsfreiheit. 96 Prozent der Pakistaner sind Muslime, der Präsident muss ebenfalls Muslim sein. Seit der Staatsgründung haben Spannungen zwischen verschiedenen Gruppen über die Rolle des Islam im Staatsverständnis die Innenpolitik beherrscht.

Immer wieder gab es auch islamistische Tendenzen. So führte Diktator Zia ul-Haq die Scharia , die islamische Rechtsprechung, ein. 1997 erkannte Pakistan als erster Staat das extremistische Taliban -Regime in Afghanistan an und unterstützte es bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 . Während die Zentralregierung in Islamabad zu einem der wichtigsten Verbündeten der USA im Anti-Terror-Krieg avancierte, erstarkte die islamistische Opposition im Land.

Macht der Taliban
In den Stammesgebieten in der nordwestlichen Provinz an der Grenze zu Afghanistan hat die pakistanische Zentralregierung nur begrenzten Einfluss. Dort herrschen islamistische Extremisten und pakistanische Taliban , die sich teilweise auf die Hilfe der regionalen Stammesführer stützen. Die Enttäuschung über die korrupte staatliche Justiz und Verwaltung erhöhte die Attraktivität des Islamismus in der Bevölkerung.

Verstärkung erhielten die radikalen Islamisten von afghanischen Taliban aus den Reihen von Mullah Omar sowie Qaida -Kämpfern, die aus Afghanistan geflohen sind. Militante betreiben hier in Waziristan auch Ausbildungslager für international operierende Dschihadisten.

Kampf gegen die Extremisten
Die pakistanische Armee führte ab 2003 wiederholt Militäraktionen im Nordwesten gegen die Taliban - und Quaida -Terroristen durch. Als Reaktion verübten Terroristen verheerende Anschläge in pakistanischen Städten.

Die Amerikaner versuchen, die islamistischen Extremisten in ihren pakistanischen Verstecken mit ferngesteuerten Präzisionsraketen zu treffen. Doch diese Drohnen -Angriffe sind bei der Bevölkerung äußerst unpopulär und treiben die Menschen in die Arme der militanten Islamisten.

Das pakistanische Militär scheute zunächst die ernsthafte Konfrontation mit den Extremisten. Die Armee und der pakistanische Geheimdienst ISI haben diese Gruppierungen zum Teil Anfang der achtziger Jahre selbst aufgebaut, um im Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan mitzumischen, und haben sie später im Kaschmir-Konflikt eingesetzt. Und noch immer betrachten viele Offiziere die Taliban nicht als ihren eigentlichen Gegner – der wahre Feind sei Indien .

Um die Aufständischen in den Stammesgebieten ruhigzustellen, versuchte schon Präsident Pervez Musharraf , Abkommen mit ihnen zu schließen, und versagte. Im April 2009 scheiterte ein Friedensabkommen, das sein Nachfolger, Staatschef Asif Ali Zardari , ausgehandelt hatte: Die Taliban sollten die Waffen niederlegen und im Gegenzug in der Region Malakand, zu der das Swat-Tal und fünf weitere Distrikte gehören, die Scharia anwenden dürfen. Mit Hilfe des islamischen Rechts können sich die Taliban die Bevölkerung legal gefügig machen - wer sich gegen ihre Herrschaft auflehnt, wird geköpft. Statt einer Feuerpause brachten sie vom Swat-Tal aus mehrere Distrikte unter ihre Kontrolle und rückten bedrohlich nahe an die Hauptstadt Islamabad heran, bis die Armee im Frühjahr 2009 eingriff und die Gebiete zurückeroberte. Im Oktober 2009 begann das Militär außerdem einen Krieg gegen die Taliban in der Region Südwaziristan.

Atomwaffen
1985 wurde in Pakistan erstmals Uran angereichert, seit 1998 besitzt das Land nachweislich Atomwaffen : Nur Tage nach indischen Atomtests zündete Pakistan im Mai 1998 in der Nähe der unbewohnten Chagai-Berge erfolgreich Kernwaffen. Die genaue Zahl der atomaren Sprengköpfe ist nicht bekannt, aber es sollen 60 bis 100 sein, die an verschiedenen Stellen im Land gelagert und von rund 10.000 Soldaten bewacht werden.

Damit gehört Pakistan neben den fünf offiziellen Atommächten USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China sowie Indien, Israel und Nordkorea zum Kreis der neun Nuklearmächte, was die Bedeutung des verarmten Landes stark erhöht.

Militärbeobachter befürchten, Nuklearwaffen aus dem pakistanischen Waffenarsenal könnten aufgrund der Instabilität des Landes in die Hände von Extremisten fallen. Diese hätten damit ein Mittel in der Hand, dem Westen ihre Bedingungen zu diktieren. Geschürt wird die Angst vor diesem Horrorszenario dadurch, dass die Taliban in den vergangenen Monaten ihre Basis in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan ausgebaut haben. Im April 2010 rückten sie bis auf 100 Kilometer Entfernung auf die Hauptstadt Islamabad vor, bevor sie vom pakistanischen Militär zurückgedrängt wurden.

Karte

Fläche: 796.000 km²

Bevölkerung: 184,753 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Islamabad

Staatsoberhaupt:
Mamnoon Hussain

Regierungschef: Nawaz Sharif

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