Pamir-Highway Fotosafari zu Marx und Engels

Wilde Wüstenlandschaften, einsame Hirten, heiße Quellen: Der Pamir-Highway gilt als eine der spektakulärsten Höhenstraßen der Welt. Hier entdeckte Fotograf Michael Martin jede Menge ausgezeichnete Motive - SPIEGEL ONLINE zeigt die besten Bilder.

Michael Martin

"Wo ist denn Duschanbe?", fragt die freundliche Dame im Reisebüro. Zum Glück weiß ihr Computer mehr und zeigt sogar eine schnelle und preisgünstige Flugverbindung über Riga in die Hauptstadt von Tadschikistan an. In der ehemaligen Sowjetrepublik liegt der Pamir, eines der mächtigsten und zugleich trockensten Gebirge der Welt. Für mein Fotoprojekt "Planet Wüste" möchte ich die dortigen Gebirgswüsten besuchen.

Frühmorgens lande ich mit meinem Freund und Kollegen Jörg Reuther in Dushanbe, noch vor der Morgendämmerung sitzen wir in einem Überlandtaxi und fahren die ersten Kilometer des Pamir-Highway, jener legendären, 1934 fertig gestellten Straßenverbindung zwischen Duschanbe und Osh in Kirgistan. Die 1300 Kilometer lange Route durchquert das gleichnamige Gebirge und überwindet dabei zahlreiche mehr als 4000 Meter hohe Pässe.

Unser erstes Ziel auf dem Pamir-Highway ist Khorog, die Hauptstadt der Autonomen Region Berg-Badachschan. Sie nimmt 45 Prozent der Staatsfläche ein, doch es leben nur drei Prozent der Bevölkerung in dieser Gebirgsregion. Die tadschikische Botschaft in Berlin hatte uns neben dem Visum auch gleich das notwendige Permit für Berg-Badachschan in den Reisepass gestempelt.

Schon kurz hinter Duschanbe wird die Straße schlechter, der schläfrig wirkende Fahrer kurvt um die Schlaglöcher herum, so gut es eben geht. Nach mehreren Stunden Fahrt durch grüne Bergtäler erreichen wir die Grenze zur autonomen Provinz. Militärs kontrollieren die Papiere und lassen uns passieren. Schon bald werden die umliegenden Berge höher und schroffer, gleichzeitig wird die Vegetation spärlicher. Kurz hinter dem 3200 Meter hohen Chaburabot-Pass machen wir Pause und essen unter einem Baldachin typische tadschikische Speisen: eine Suppe namens Surbo und das Nationalgericht Plov.

Im Dunkeln über die Schlaglochpiste

Die Strecke führt nun entlang der afghanischen Grenze durch eine tausend Meter tief eingeschnittene Schlucht, die vom reißenden Fluss Pjandz durchströmt wird. Der Begriff "Highway" ist hier etwas irreführend: Streckenweise fehlt die Teerdecke ganz, oft sind nur noch Teerreste übrig, Schlagloch reiht sich an Schlagloch. Hinzu kommt, dass das Wetter schlechter geworden ist, Wolken hängen in der Schlucht, langsam wird es dunkel. Ich mache mir Gedanken über unsere Sicherheit angesichts des nur einen Steinwurf entfernen afghanischen Territoriums. "No problem", ist der einzige Kommentar unseres ansonsten schweigsamen Fahrers.

Um 23 Uhr, nach 19 Stunden Fahrt, sind wir in Khorog. Zum Glück ist das De Pamiri Inn Guesthouse geheizt und gemütlich, sogar eine Flasche Bier kann ich noch auftreiben. Am nächsten Morgen lernen wir das regionale Team der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) kennen. Das in Bonn ansässige "Konventionsprojekt zur Desertifikationsbekämpfung CCD" hatte uns den Kontakt vermittelt. In Tadschikistan versucht GTZ-Entwicklungshelfer André Fabian mit seinem regionalen Team, die durch den Menschen verursachte Wüstenbildung im Pamir aufzuhalten.

André hatte uns Pamirbek vermittelt, einen einheimischen Fahrer und stolzen Besitzer eines russischen UAZ-Busses. Das Fahrzeug wirkt wie aus einem anderen Zeitalter, ist aber geländegängig und bietet genügend Platz für uns, das umfangreiche Gepäck sowie für Benedikt, einen deutschen GTZ-Stipendiaten. Seine Russischkenntnisse sollten uns immer wieder eine große Hilfe sein.

Wir verlassen Khorog und folgen im Sochdara-Tal auf einer schlechten Piste dem Shakhdara-Fluß. Trotz des wüstenhaften Klimas im Pamir sorgen die aus den schneereichen Hochlagen gespeisten Flüsse immer wieder für grüne Täler. Dort stehen Aprikosen- und Apfelbäume, Bauern pflanzen Getreide und Viehfutter an. Aufgrund eines durch die GTZ eingeführten Waldmanagements erholen sich inzwischen auch die Auenwälder wieder. Sie waren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in großem Stil abgeholzt worden, da die Kohlelieferungen aus Russland ausblieben.

Hirte mit Uni-Abschluss

Nach vier Stunden Fahrt verlassen wir das Tal und fahren auf ein 4000 Meter hoch gelegenes Plateau. Es weht ein eisiger Wind, der Kumuluswolken von Horizont zu Horizont treibt. Für kurze Zeit geben die Wolken die beiden über 6500 Meter hohen Eisriesen Pik Karl Marx und Pik Friedrich Engels frei. Pamirbek steuert den UAZ souverän durch Geröll und Fels, nur ab und zu setzt der Motor aus. Dann muss die überhitzte Benzinpumpe mit Wasser gekühlt und mit dem Mund durchgeblasen werden.

In der Nähe des tiefblauen Sees Turumtal Kul fotografieren wir eine Yakherde, bald schon kommt der Hirte herbei und lädt uns in seine winzige Lehmhütte ein. Er spricht gut Russisch, Benedikt übersetzt, und so erfahren wir, dass der 30-jährige Hirte einen Universitätsabschluss hat, aber nie Arbeit fand. Nun ist er glücklich, hier die 20 Yaks und 60 Schafe während der Sommermonate hüten zu können. Er serviert Sircoj-Tee, einen salzigen Tee mit ranziger Yakbutter, dazu selbstgemachten Joghurt, Brot und einen Teller voller russischer Bonbons. Der Spätnachmittag bringt gutes Fotolicht, das uns den eisigen Wind vergessen lässt. Ausgekühlt fahren wir abends wieder steil hinunter zum Pamir-Highway, der auch hier lediglich eine schmale, unasphaltierte Schlaglochstrecke darstellt.

"Was haltet ihr von einem heißen Bad?", fragt Benedikt. Eine halbe Stunde später liegen wir in einem 45 Grad heißen Thermalbecken mit schwefelhaltigem Wasser. Vor zehn Jahren beschloss hier ein Lastwagenfahrer namens Said, die Thermalquelle zu nutzen, und baute ein Becken sowie ein kleines Gebäude mit Schlafräumen. Seither kommen rheumakranke Pamiri sowie Reisende, sofern sie die versteckte Quelle kennen und finden.

Und heute kommen eben zwei durchgefrorene Fotografen - es ist der perfekte Ausklang nach vielen Stunden im eisigen Höhenwind.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
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never1 21.09.2010
1. Anmerkungen
Wie meistens hier ein sehr impressiver Reisebericht mit tollen Bildern. Bei denen vermutet man, wie leider so oft, die digitale, kontraststeigernde und farbverbessernde Nachhilfe. Und was tun dort Leute vom GTZ? Können unsere Steuergelder nicht besser verschwendet werden?
anders_denker 22.09.2010
2. Optional, aber eingabezwang?
Zitat von never1Wie meistens hier ein sehr impressiver Reisebericht mit tollen Bildern. Bei denen vermutet man, wie leider so oft, die digitale, kontraststeigernde und farbverbessernde Nachhilfe. Und was tun dort Leute vom GTZ? Können unsere Steuergelder nicht besser verschwendet werden?
Teilweise scheint auch ein gutes Polfilter verwendet worden zu sein.
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