Panama Der Wochenend-Indianer

Aus den Slums der Millionenstadt ins 80-Einwohner-Dorf: Jedes Wochenende verwandelt sich Elvin aus Panama zum Indianer. Doch die Heldenmärchen seines Vaters nerven genauso wie Misserfolge beim Speerfischen - und auch die Mädchen sind in Panama City interessanter.

Von Kristin Oeing


Bewegungslos steht Elvin am Ufer des Gatún-Sees und hält den Speer über seinen Kopf. Fast nackt steht er da, nur ein schmales Tuch hat sich der Embera-Indianer um die Lenden geschlungen. Plötzlich stößt er zu und taucht fast zeitgleich im Wasser unter. Eine Minute später taucht er wieder auf. Der Fisch ist entwischt. "Ich kann es nicht mehr", sagt Elvin enttäuscht. Ihm fehlt die Übung. Der 26-jährige kräftig gebaute Mann ist nur noch ein "Wochenend-Indianer". Freitags kehrt er aus Panama-City zurück in sein Dorf Embera-Quera und vergisst für zwei Tage die Millionen-Metropole am Pazifischen Ozean.

"Clanaa kuide" - "lass uns baden" - ruft ihm eine junge Indianerin zu. Auch sie trägt nur einen winzigen Fetzen Stoff am Leib. Doch Elvin schämt sich. Nach einer Stunde liegen erst zwei kleine Fische in dem roten Plastikeimer. Er holt den Einbaum und paddelt zurück ins Dorf, das nur wenige Kilometer den Fluss hinauf liegt, der hier in den See mündet. 30 Minuten später tauchen hinter einer Biegung erste Rauchschwaden am Himmel auf. Zwischen Bananenbäumen und Palmen liegt Embera Quera, das "duftende Dorf".

Aus dem saftigen Grün des Tropenwaldes ragt ein knappes Dutzend Hütten hervor, die weit verstreut auf dem hügligem Gelände stehen. Das kleine Dorf entstand erst vor einem Jahr. 11.000 Dollar zahlten die Embera einem Privatmann für acht Hektar, die Fläche von zwölf Fußballplätzen. Die Hütten haben Palmdächer und sind wegen der heftigen Regenfälle auf Stelzen gebaut.

In der Hütte von Elvins Eltern brutzeln zwei Fische in einer Eisenpfanne über dem Holzfeuer. In einem Topf sieden Kochbananen. "Die Embera versorgen sich mit dem, was die Natur uns bietet", sagt Elvin, und es klingt, als habe er den Satz aus einem Touristenprospekt auswendig gelernt. "Die Natur ist unser Gott."

Flucht vor Waffenschiebern und Drogenbanden

In den vergangenen Jahrzehnten wurde der Lebensraum für die Bewohner des Indianerdorfes immer enger. Als Paramilitärs, Waffenschieber und Drogenbanden über die Grenze aus Kolumbien kamen und wahllos um sich schossen, mussten sie aus ihrem Siedlungsgebiet im Osten des Landes fliehen.

Sie zogen sich tief in den Regenwald Panamas zurück. Doch mit dem Bau der Panamericana, die eine Rodungsschneise im Gebiet der Embera hinterließ, kamen Weiße in ihre Dörfer und weckten in vielen von ihnen den Wunsch nach einem besseren Leben.

Vor zehn Jahren erkannte auch Elvins Familie die Zeichen der Zeit. "Die Weißen rodeten die Bäume und stahlen uns das Land. Für Menschen wie uns, die vom Ackerbau und der Jagd lebten, war das wie ein Todesurteil", sagt Elvins Vater Atilano, ein kleiner, kräftig gebauter Mann. Die Embera zogen zunächst ans Ufer des Río Chagres. Doch vor einem Jahr zerstritten sich die Bewohner. Seine Sippe verließ zusammen mit sechs anderen Familien das Dorf und gründete Embera Quera.

Die kleine Siedlung liegt nur gut zwei Stunden mit Boot und Bus von der panamesischen Hauptstadt entfernt. Für Touristen eine erträgliche Distanz. Die rund 80 Bewohner leben heute hauptsächlich von dem Geld, das die neugierigen Weißen bei ihren gelegentlichen Besuchen im Dorf lassen - 50 Dollar kostet der Besuch pro Tag und Person.



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