Pantanal: Welt aus Wasser

In den Gewässern lauern Piranhas und Kaimane, an Land schwirren faustgroße Libellen und seltene Hyazint-Araras. Das Pantanal im Südwesten Brasiliens sollten Touristen nur mit einem Führer erkunden. Dann eröffnet sich Naturliebhabern das ausgedehnteste Überschwemmungsgebiet der Welt mit all seinen Schätzen.

Corumba - Über das Pantanal im Südwesten Brasiliens zieht eine regenreiche Schlechtwetterfront. Wie ockergelbe Deiche ragen die wenigen Pisten aus dem grün-grauen Meer aus Pflanzen und Wasser. An den Ufern liegen dösend Kaimane und verfolgen mit trägem Blick den vorbeirollenden Geländewagen. Die Wolken hängen tief und machen das Waschküchen-Klima noch drückender, fast unerträglich. Aus den Bäumen ist das Schreien der Brüllaffen und das Kreischen der Papageien zu hören, während Heerscharen von Stechmücken ihre Attacken fliegen.

Das Pantanal ist das ausgedehnteste Binnenland-Feuchtgebiet der Erde. Es ist fast so groß wie die Bundesrepublik bis 1990. In dem Naturparadies mitten in Südamerika gibt es mehr Vogelarten als in Europa - Ornithologen bezweifeln, ob sie schon alle entdecken konnten. An die 700 stehen bisher auf ihren Listen. Unter den etwa 80 Säugetierarten tummeln sich Jaguare, Pumas, Ozelots, Sumpfhirsche, Wildschweine und Capibaras, die größten Nagetiere der Welt, die bis zu 70 Kilogramm schwer werden. Dazu kommen gut 2000 Pflanzenarten, Dutzende Reptilien sowie unzählige Insekten - und natürlich Fische.

Anglerglück: Viele Touristen reisen vor allem wegen des großen Fischreichtums ins Pantanal in Brasilien
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Anglerglück: Viele Touristen reisen vor allem wegen des großen Fischreichtums ins Pantanal in Brasilien

"Wir haben hier einen märchenhaften Fischreichtum", schwärmt Mauro Siqueira, einer der hier aufgewachsenen Gästeführer. "Ein Angler aus São Paulo hat kürzlich einen 110 Kilogramm schweren Wels rausgeholt." Mehr als 300 Fischarten soll es hier geben. "Viele Touristen kommen nur um zu angeln. Die Behörden haben aber die Genehmigungen stark eingeschränkt", sagt Siqueira. Auch die wenigen im Pantanal lebenden Menschen ernähren sich von Fischen. Selbst die mörderischen Piranhas, die in Schwärmen ein Rind in wenigen Minuten bis auf das Skelett auffressen können, landen im Kochtopf und sind durchaus schmackhaft.

Seit Jahrzehnten gilt das Pantanal als Ziel von Naturliebhabern und Ökotouristen. Ein Teil des Gebietes steht unter Naturschutz, die Unesco erklärte es zum Biosphärenreservat. Brasiliens Regierung schickt inzwischen schwer bewaffnete Aufseher in das Paradies, in dem Wilderer seit Jahren ihr Unwesen treiben. Die Häute der Jacarés, wie die Krokodile hier heißen, bringen auf dem Schwarzmarkt viel Geld, ebenso Felle von Raubkatzen, seltene Fische und Vögel wie Papageien.

"Am kostbarsten sind die vom Aussterben bedrohten Hyazint-Araras, die größten Exemplare ihrer Spezies", erklärt Polizei-Leutnant Jabali in der Grenzstadt Corumba. Der Nachbarstaat Bolivien liegt nur wenige Kilometer entfernt, und der kaum kontrollierbare Grenzverlauf reizt viele Schmuggler, die längst auch das Drogengeschäft entdeckt haben.

Corumba mit seinen knapp 90.000 Einwohnern liegt am Rio Paraguay, der mit seinen bis ins Amazonasgebiet reichenden Zuflüssen für die jährlichen Überschwemmungen sorgt. Bis zu zwei Drittel des Pantanal stehen dann unter Wasser. Die Fluten steigen ganz langsam und fallen ebenso langsam wieder. Der Paraguay-Fluss, der pro Kilometer nur ein Gefälle von drei Zentimetern aufweist, ist dann an einigen Stellen 60 Kilometer breit. "Vom übrigen Brasilien ist Corumba auf dem Landweg dann nicht mehr erreichbar, die Straße in die Provinzhauptstadt Campo Grande steht unter Wasser", sagt Osvaldo, der in der Trockenzeit eine Kneipe am Ufer betreibt. Hier trinken die Lastwagenfahrer ihr Bier, während sie ihre Fahrzeuge im Fluss waschen lassen.

Der Höhepunkt der Überschwemmung ist meist im April erreicht. Danach bringen die Viehzüchter ihre Rinderherden aus den höher gelegenen Gegenden wieder auf die saftigen Wiesen zurück. Weit mehr als 16 Millionen Rinder soll es inzwischen im Pantanal geben. Eine besonders für diese Lebensbedingungen gezüchtete Rasse kann sogar längere Zeit im Wasser stehen und sich von Wasserpflanzen ernähren. Die Rinderhirten erinnern sich allerdings noch mit Schaudern an das Katastrophenjahr 1988, als fast das gesamte Gebiet einem gewaltigen Meer glich - gut 800.000 Rinder kamen in der Wasserwüste um.

Warentransport mit kleinen Fähren: Im Pantanal, dem größten Binnenland-Feuchtgebiet der Welt, sind die Wasserströme die Lebensadern der Region
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Warentransport mit kleinen Fähren: Im Pantanal, dem größten Binnenland-Feuchtgebiet der Welt, sind die Wasserströme die Lebensadern der Region

Siqueira richtet sich von April an auf Touristen ein. "Die Saison geht dann in der Regel bis November, Dezember." Tagsüber liegen die Temperaturen selten unter 30 Grad, das Klima ist feucht-schwül. Von April bis Juli kann es kühle Nächte geben. Übernachtet wird in Lodges, die Anreise erfolgt über Erdpisten oder in Kleinflugzeugen, dem wichtigsten Verkehrsmittel der Gegend. Oder die Touristen mieten sich ein Hausboot mit Skipper - diese Möglichkeit nutzen vor allem Hobbyfischer. "Allein kann sich ein Fremder in den Gewässern nicht bewegen. Wo heute noch Wasser ist, erhebt sich am nächsten Morgen schon ein Hügel und versperrt dem Boot den Weg", warnt Siqueira.

Touristen sollten sich durch das idyllische Schauspiel der Natur auf keinen Fall zu Leichtsinn verleiten lassen. Ein Bad in einem der vermeintlich friedlichen Teiche kann tödlich enden, wenn die nahezu überall gegenwärtigen Kaimane übersehen werden. Die faustgroßen Libellen sind zwar ebenso ungefährlich wie die riesigen Schmetterlinge - doch Gefahren lauern überall. Giftschlangen und Spinnen verbergen sich hinter Baumrinden, tückische Insekten beißen sich in der ungeschützten Haut fest. Selbst das Händewaschen am Ufer kann böse enden - wenn man einem Schwarm Piranhas die Finger hinhält. Ein ortskundiger Führer wird vor solchen Zwischenfällen rechtzeitig warnen - und dann wird das Pantanal zum großartigen Naturerlebnis.

Von Horst Heinz Grimm, gms

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