Paparazzo in Malibu Hans, seine Gretels und Stars ohne Hosen

Julia Roberts ist ein Dauerseller, Til Schweiger momentan sehr gefragt und Tommy Lee nur mit Pamela Anderson etwas wert. SPIEGEL-ONLINE-Autor Henryk M. Broder erlebte einen Tag mit dem deutschen Paparazzo Paul als lange Nachhilfestunde in Gesellschaftskunde, Ökonomie und angewandter Philosophie.


Paul und Gretel drei:  "Auf meine Lehrlinge bin ich stolz"
Henryk M.Broder

Paul und Gretel drei: "Auf meine Lehrlinge bin ich stolz"

Wie er so da sitzt, in seinen kurzen Jeanshosen, weißen Socken und Sandalen, könnte man ihn für einen deutschen Touristen halten, der einen Moment verschnaufen will. Aber Hans Paul ist mitten bei der Arbeit. Er hat den Parkplatz im Auge und checkt die Autos, die an ihm vorbeirollen. "Hier sitz ich immer, hier kommen sie alle her."

Der Platz vor der Energia Juice Bar im Malibu Country Mart ist klug gewählt. Er garantiert beste Übersicht bei optimaler Unauffälligkeit. Denn der Parkplatzwächter kennt alle Paparazzi und jagt sie gnadenlos vom Platz. Und Hans Paul ist es nur recht, wenn die Konkurrenten verscheucht werden, so hat er bessere Chancen, "einen Prominenten abzuschießen". Vor ein paar Tagen hat er Pamela Anderson erwischt, als sie ungeschminkt mit einem Teddy-Bären im Arm und einem Coffee Mug in der Hand den Coffee Shop verließ. Das Foto ging um die Welt. "Was Pamela mir schon an Geld eingebracht hat, das ist ein Vergnügen."

"Die Promis mögen mich"

Hans Paul ist ein Paparazzo. Er arbeitet für ein Dutzend Agenturen und noch mehr Magazine, die ihre Seiten mit den Abenteuern, Affären und Aufgeregtheiten von Prominenten füllen. Er ist ein Paparazzo aus Überzeugung, kein "Shooter" wie viele seiner Kollegen. "Die gehen bis auf drei Meter ran und drücken ab. Ich bleibe auf Distanz und bedanke mich mit einem Lächeln." Deswegen, sagt Hans Paul, "mögen mich die Promis und wollen von mir fotografiert werden, ich belästige sie nicht." Aber es soll bitte schon so aussehen, als seien sie überrascht worden. Hans Paul hat Grundsätze, Manieren und Erfahrung. Seit über 20 Jahren lebt er überwiegend im Ausland, die letzten sechs Jahre in den USA.

Paul und sein mobiler Zweitwohnsitz: Die letzten Nächte parkte er vor dem Haus von Julia Roberts
Alex Gorski

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"Der Ami gibt sich mit dem ab, was ist, und macht das Beste draus. Der Deutsche denkt immer darüber nach, wie es sein sollte und könnte. Deswegen ist er auch immer unzufrieden." Paul selbst ist das beste Beispiel, wie aus einem Deutschen im Laufe der Zeit ein Ami werden kann. 1954 in Bardowick bei Hamburg geboren, hat er "die Volksschule abgeschlossen" und Fotolaborant gelernt. 1968 kam "Blow-up" in die Kinos, seitdem "war bei mir das Virus im Kopf, ich wollte Reporter werden". Doch erst mal ist er ein Jahr zur See gefahren, dann einmal quer durch die USA als Anhalter, "das Leben auf der Straße hat mir gefallen". Er arbeitete in Südamerika, anschließend in einer Stahlfabrik in Venezuela, in einem Kibbuz in Israel und in den Kupferminen in der Negev-Wüste.

Ein schwarzer Rolls-Royce Silver Shadow II, Baujahr 1974, rollt an uns vorbei. Hans Paul hebt kurz den Kopf, schaut den Fahrer an und sagt: "Da ist ein Nobody, Stars fahren solche Autos nicht." Dann geht's weiter mit der Vita. "Ich wurde christlich erzogen. Heute bin ich ein Humanist." Wieder in Deutschland produzierte er Skandal- und Enthüllungsgeschichten für Boulevardzeitungen und Illustrierte ("Kölner Express", "Neue Revue"). Dann musste er wieder weg. Er ging nach Florida, wo er alte Autos erwarb und nach Deutschland schickte, um sie mit Gewinn zu verkaufen. "Ob man mit Autos handelt oder mit Geschichten, ist völlig gleich, man muss nur den Markt kennen."

Viel Geld für harmlose Bilder

Mitte der neunziger Jahre kehrte Hans Paul wieder nach Deutschland zurück, aber: "Ich wollte mich nicht mit Dreck befassen." So wurde er ein Paparazzo. Der erste Promi, den er "abschoss", war Michael Schumacher beim Einkaufen in Halver bei Iserlohn, dem Wohnort der Schwiegermutter. "Es waren liebe, nette Fotos, und der hat die Polizei gerufen." Was ihn noch mehr wunderte, war, "wie viel Geld für so harmlose Bilder bezahlt wurde".

Als Peter Graf wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis musste, sprach Hans Paul auf der Straße vor dem Gefängnis einen Freigänger an, drückte ihm eine kleine Kamera und etwas Geld in die Hand und konnte den Zeitungen bald darauf Bilder aus Grafs Zelle anbieten. Graf selbst war nicht kooperativ. "Der kam um 8.30 Uhr aus dem Knast, fuhr dann in eine Villa in den Bergen und radelte den ganzen Tag durch die Landschaft. Da hab ich ihn dann ein paar Mal abgeschossen." Vor sechs Jahren, 1998, ging Hans Paul nach L.A. Ein Kollege von der "Bild"-Zeitung hatte ihm die Telefonnummer von Ralph Möller mitgegeben. "Das war mein Startkapital, der hat mich hier eingeführt und mit Geschichten versorgt."

Paparazzo Hans Paul (r.), Autor Broder: Paparazzo aus Überzeugung, kein  "Shooter"
Henryk M.Broder

Paparazzo Hans Paul (r.), Autor Broder: Paparazzo aus Überzeugung, kein "Shooter"

Inzwischen kommen die Geschichten von alleine auf Paul zu. "Promis rufen an und sagen, da kommt einer und besucht mich. Ich möchte mit aufs Bild, aber verrat nicht, dass ich dich angerufen habe." Das würde Hans Paul nicht machen, denn Diskretion ist in seinem Beruf eine Grundvoraussetzung. Und Kooperation ist wichtig, so haben alle etwas davon. Paul, die Promis und die Tippgeber: Fitnesstrainer, Friseure, Boutiquenbesitzer, Hotelportiers und Nannies, die sich um die Promi-Kinder kümmern. Da Paul nicht überall zur selben Zeit sein kann, ist er auf ein Netzwerk von Informanten angewiesen. Neulich bekam er einen Tipp, "der Gold wert war": Madonna auf dem Fahrrad, mit Sonnenbrille und Kopftuch, unterwegs zu ihrem Gym in Beverly Hills. Bevor sie eintraf, war Paul schon da.



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