Papua-Bildband: Nach mir die Touristenflut

Von Stephan Orth

Hier findet man noch Männer, die den Geschmack von Menschenfleisch kennen: In Papua-Neuguinea leben Ureinwohner fast genauso wie vor 20.000 Jahren. Ein Fotograf machte sich auf die Suche nach den "letzten wahren Menschen". Ihm ist ein faszinierender Bildband gelungen - gerade noch rechtzeitig.

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Iago Corazza hatte es eilig. Schon bald konnte es zu spät sein - zu spät, um noch Menschen zu begegnen, die fast genauso wie ihre Vorfahren vor 20.000 Jahren leben. Menschen, die noch nicht vom Verwestlichungszwang der Globalisierung erfasst wurden, deren Rituale noch nicht zur Touristenfolklore verkommen sind. Und die gleichzeitig möglichst spektakulär fotogen aussehen.

All das hoffte der italienische Fotograf Iago Corazza bei den Stämmen von Papua-Neuguinea zu finden: "Es war die letzte Gelegenheit, höchste Zeit für mich", beschreibt er im Vorwort die Angst, dass das 21. Jahrhundert vor ihm und seiner Kamera ankommen könnte.

Er war auf der Suche nach Menschen, die nicht per Handy ein Fotoshooting bestätigen, die einem geschätzten Gast eher ein Schwein schlachten, als ihm einen Freundschaftslink bei Facebook anzubieten. Die Mission des Zivilisationszweiflers Corazza bestand darin, die "Geschichte der letzten wahren Menschen unseres Planeten" zu erzählen, wie er pathosschwanger im Vorwort verkündet.

Kannibalische Vergangenheit

Dass "wahre Menschen" nicht unbedingt besonders friedliebend sein müssen, bleibt dabei nicht unerwähnt. "Während andernorts, etwa auf den Gipfeln des Himalaja, die Forscher Handy-Gespräche führen und von ihren GPS-Navigationsgeräten wieder auf ihre Route zurückgelotst werden, sollten sie einmal vom Weg abkommen, findet man hier noch Leute, die den Geschmack von Menschenfleisch beschreiben können", schreibt Corazza, dessen Foto- und Filmreportagen aus mehr als 50 Ländern unter anderem im "National Geographic", bei CNN und Rai veröffentlicht wurden.

Tatsächlich lebten hier noch vor wenigen Jahren Kannibalen. So erfuhr die Anthropologin Olga Ammann in Interviews mit Einheimischen Folgendes: "Das Fleisch der Weißen roch zu stark und war salzig. Japaner schmeckten besser. Das beste Fleisch hatten aber die Frauen unseres Stammes."

In manchen entlegenen Gegenden war es noch im 20. Jahrhundert üblich, aus dem Gehirn erlegter Feinde eine Suppe zu kochen. Und Feinde gab es viele, nach dem Prinzip "Auge um Auge, Zahn um Zahn" herrschten ständige Fehden zwischen den einzelnen Stämmen des Landes.

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Iago Corazza: "Die letzten Papua. Kunst und Kultur der Ureinwohner Neuguineas". 285 Seiten, 400 Farbfotos; White Star Verlag, Wiesbaden 2008; 38 Euro.
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Um die häufigen blutigen Auseinandersetzungen zu unterbinden, führten die Australier in Papua-Neuguinea im Jahr 1961 ein großes Fest namens "Sing-Sing" in Mount Hagen ein. Hierbei treffen sich seither die Stämme einmal im Jahr, um mit Tänzen und Gesängen in Kriegsfarben darum zu wetteifern, wer der Schönste und Stärkste ist. Das Konzept brachte nicht nur ein friedlicheres Miteinander der verschiedenen Volksgruppen, sondern auch Touristen ins Land, die für viel Geld das Geschehen von Tribünen verfolgen und an den Essensständen Taro und Schweinefleisch schmausen.

Hier tappt auch der Autor zwangsweise in die Folklore-Falle, denn viele der Fotos des Bildbandes "Die letzten Papua" stammen vom Sing-Sing-Festival. Doch vielleicht kam er gerade noch "rechtzeitig" - nur etwa 60 weitere Touristen erlebten zusammen mit Corazza das farbenfrohe Spektakel, dem man ohne große prophetische Fähigkeiten eine Zukunft als lukrative Ethno-Show für Besucher voraussagen kann.

Ironischerweise werden dazu Corazzas opulente Bilder der Stammesangehörigen ihren Teil beitragen. Die Fotos zeigen die stolzen Gesichter von Menschen, die ihr Leben dem eigenen Stamm verschreiben, unter Bergen von Schminke strahlen sie Energie und Kraft aus.

Der Fotograf erwähnt, dass einige der Ureinwohner Quarzuhren und Sonnenbrillen tragen - doch auf den Bildern kommen diese Artefakte der Neuzeit nicht vor. Anders als der kürzlich bei Ullstein erschienene Band "The Survivors" von Hendrik Neubauer, der Stammesangehörige mit Telefonen und Colaflaschen zeigt, versucht Corazza, eine Welt zu zeigen, die es so nicht mehr lange geben wird. Die mühsam aufgetragenen Gesichtsfarben, die Aufschluss über die Stammeszugehörigkeit geben, die "Holim" genannten Penisköcher, die Lendenschurze aus Muscheln - all das könnte bald aus dem Alltag der Menschen verschwinden.

Abseits von Sing-Sing gelang es dem Fotografen, tief in die exotische Welt der Ureinwohner einzudringen und die Farbenpracht der Kostüme auf Bildern festzuhalten, wie man sie bislang noch nicht gesehen hat. Dabei ist sich Corazza bewusst, dass der Dschungel von Papua eine Welt ist, in der sich ein Besucher trotz der neugierigen Reaktionen vieler Einheimischer noch voll und ganz als Eindringling fühlen muss. "Nur sporadisch ist das respektlose Klicken unserer Kameras zu hören", schreibt er über eine Begegnung mit den Schlamm-Männern der Asaro, die für den Kampf und für die Jagd furchterregende Lehmmasken tragen.

Nach deren angsteinflößendem Begrüßungsritual fragt er sich, ob wohl ein kleiner Applaus die richtige Erwiderung wäre. Dann drückt er lieber auf den Auslöser.

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  • Montag, 08.12.2008 – 12:14 Uhr
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