Papua-Neuguinea Zwischen Pfeil, Bogen und Smartphone

Die Einwohner des Inselstaats Papua-Neuguinea sind mittlerweile in der Moderne angekommen - und pflegen dennoch alte Traditionen. Das ergibt ein kurioses Bild.

Mona Contzen/ SRT

Der Kurmunwu kratzt sich am Po. Unter dem "Arschgras" des Geisterdoktors, wie die großen Blätter, die sein Hinterteil bedecken, nonchalant auf Pidgin genannt werden, juckt es offenbar gewaltig. Rings um seine Rundhütte hängen wie ein Geländer die bleichen Unterkiefer von Schweinen, irgendwo hinter den Büschen fährt ein Auto vorbei, aus dessen Lautsprechern Wahlwerbespots dudeln.

Schweine sind wichtig, das lernt man schnell in Papua-Neuguinea. Sie werden geschlachtet, wenn der Kurmunwu die Götter besänftigt. Sie sind Reparationszahlung, wenn die Clans ihre Streitigkeiten beilegen. Sie werden massenweise als Brautpreis bezahlt. Kein Schwein, kein Glück, kein Frieden, keine Frau. So einfach ist das.

1933 suchten die australischen Gebrüder Leahy in den Western Highlands nach Gold und fanden Menschen, von deren Existenz niemand etwas geahnt hatte. Erst wurden die bleichen Fremden für Geister gehalten, doch eine heimliche Geruchsprobe brachte schnell Ernüchterung: "Ihre Haut ist anders", erzählt ein Zeitzeuge, "aber ihre Scheiße riecht wie unsere".

Handyvideos darüber, wie Touristen in den Dörfern Handyvideos machen

Michael Leahy, genannt "Masta Mick", wurde trotzdem der Boss. Bald donnerten Flugzeuge über die Köpfe der erschrockenen Einheimischen. Der Älteste der Brüder lieh sich für ein paar Muscheln gern junge Mädchen aus. Kichern im Saal. Einer der Brüder hatte die Begegnungen mit einer Kamera festgehalten; später wurde daraus ein Dokumentarfilm, der jetzt über den Laptop an die Wand eines modernen Konferenzraums im Nordosten Papua-Neuguineas geworfen wird.

Die Einheimischen, die zusehen, allesamt gestandene Männer in westlicher Kleidung mit Mobiltelefonen in den Hosentaschen, scheinen an dem Kolonialherrengebaren nichts Verwerfliches zu finden. Es wirkt fast, als lachten sie sich selbst aus. Ein wenig peinlich berührt, so wie wir lachen, wenn wir Bilder von uns aus den Achtzigerjahren sehen.

"Bis zuletzt wurden die Leahy-Brüder hier respektiert", sagt Michael Wandau, der als eine Art Kulturübersetzer in die umliegenden Dörfer führt. "Ohne sie hätten wir all die modernen Dinge nicht." Wandau gehört zur Generation Y, zu den Mittzwanzigern und -dreißigern, die hierzulande mit Farbfernsehen und Facebook aufgewachsen sind.

Als er geboren wurde, gab es im Hochland rings um Mount Hagen gerade den ersten Strom. Jetzt drehen die Frauen in den Dörfern ihre eigenen Handyvideos darüber, wie Touristen in den Dörfern Handyvideos drehen.

Dichter Urwald, der aussieht wie Brokkoli

Wenn Wandau zwischen gruselig maskierten Matsch- und Skelettmännern oder farbenfrohen Begrüßungs- und Balzritualen gefragt wird, ob die traditionellen Kostümierungen und Bräuche denn jenseits der Touristenfolklore noch gelebt werden, sagt er abstrakt: "Back in the old days - früher, in den alten Zeiten."

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Papua-Neuguinea: Krieger vor dem Schminkspiegel

Dreimal in der Woche kommt ein Propellerflugzeug hierher in die East-Sepik-Provinz, mit Fracht, manchmal mit Passagieren. Neben der holprigen Landebahn, einem schmalen Streifen Gras, stehen kleine, nackte Jungs mit riesigen Macheten in der Hand. Es gibt keinen Supermarkt, keine Tankstellen, nicht mal Straßen - nur dichten Urwald, der von oben wie Brokkoli aussieht, und Flüsse, die träge durchs Land schneiden.

Zwei Tage dauert es, um mit dem Boot die nächste Stadt zu erreichen. Manch ein Dorf in der Gegend hat seit den Achtzigern keine Touristen mehr gesehen. Wer hier als Weißer kleinen Mädchen Grimassen schneidet, um sie zum Lachen zu bringen, läuft Gefahr, dass sie in Tränen ausbrechen. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass die ersten Missionare diesen abgelegenen Flecken Erde erst 1959 für sich entdeckten. Bis in die Sechzigerjahre hinein soll es hier Kannibalen gegeben haben.

Krieger mit Sakko und Baseballcap

In der Kirche, einem Stelzenhaus ohne Wände, hängt das Foto des Missionars gleichberechtigt neben Jesus am Kreuz. Den bunten Fischtanz zu Ehren des Fischgeistes Awani führt der Karam-Stamm nur noch zu besonderen Gelegenheiten auf - zum Beispiel an Weihnachten.

Es gehört zum Initiationsritual heranwachsender Jungen, Rücken und Brust mit Rasierklingen zu zerschneiden, damit die Narben später an die Haut eines Krokodils erinnern. Die Männer in Papua-Neuguinea sehen aus wie Krieger, auch wenn sie gar keine kriegerischen Absichten haben, sondern zur Begrüßung nur auf der Flöte spielen oder mit Sakko und Baseballcap im Touristenbus fahren.

Nun könnte man meinen, Krieger ohne Krieg seien eine traurige, bemitleidenswerte Angelegenheit. Doch der Hela-Provinz eilt ihr Ruf voraus: Unter den Tausenden Stämmen und Abertausenden Clans des Landes sollen hier in den Bergen um Tari die ruchlosesten zusammenkommen.

Die furchtlosen Krieger stehen erst mal vor dem Schminkspiegel. Wer wirklich grauenerregend aussehen will, braucht schließlich ein passendes Make-up. Noch wichtiger ist nur die Frisur. Der widmen die Huli Wigmen, die Perückenmänner, gleich 18 Monate. In dieser Zeit beschäftigen sie sich mit nichts anderem als ihren Haaren: Zweimal am Tag prusten sie gesegnetes Wasser in die Luft hoch über ihren Köpfen, um die Haarpracht zu bleichen. Blätter werden als Dünger zwischen die Locken gesteckt, und in der übrigen Freizeit kratzt man sich gegenseitig liebevoll den juckenden Schopf.

Reiseinfos Papua-Neuguinea kompakt
Allgemeine Informationen
Anreise
Zum Beispiel ab Frankfurt mit Singapore Airlines über Singapur nach Port Moresby; Pauschal: Trans Nuigini Tours bietet zum Beispiel die neuntägige Rundreise "The New Guinea Village Experience" mit Stopps in Mount Hagen, Karawari und Tari ab ca. 4180 Euro pro Person zzgl. internationale und Inlandsflüge.
Sicherheit
Das Auswärtige Amt rät bei Individualreisen in die Region besondere Vorsicht walten zu lassen. Organisierte Gruppenreisen mit ortskundiger Begleitung seien in jedem Fall vorzuziehen.
Gesundheit
Es werden Reiseimpfungen gegen Hepatitis A, Typhus und Tollwut empfohlen. Ein Malariarisiko besteht ganzjährig, besonders jedoch in der Regenzeit (Februar/März und Oktober/November).

Am Ende werden die Köpfe geschoren, die Perücken mal in die Form eines Zweispitzes gebracht, mal eher als Obstschale geformt. Nur heute hat sich niemand herausgeputzt. Im strömenden Regen, der den matschigen Acker neben dem Friedhof noch trostloser erscheinen lässt, drischt ein halbes Dorf mit Macheten auf das Fleisch aus dem Erdofen ein.

Im Männerhaus, in dem Ehemänner und Singles - Frau hin oder her - gemeinsam wohnen, wird debattiert, nebenan sehen sich die Kinder Actionfilme auf dem Laptop an. Sie lieben Rambo, Bruce Lee und Schwarzenegger. "Die erste Pflicht eines Mannes ist es, ein Krieger zu sein", hat Paulus noch einmal betont, bevor er in Embryonalstellung eingeschlafen ist. "Die zweite: Besorge dir viele Schweine, um eine Braut zu kaufen."

Die Recherchereise wurde unterstützt vom Tourismusverband des Staates Papua-Neuguinea.

Mona Contzen, srt

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insgesamt 10 Beiträge
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mauser 27.11.2017
1. bei den Hopi-Indianern
läuft das ähnlich. Sie sind auf dem modernsten Stand, was Technik angeht, aber sie wohnen in ihren vorzeitlichen Lehmhäusern an ihrem seit Urzeiten bewohnten Ort und sind ihren Traditionen absolut verpflichtet. Es mutet seltsam an, wenn man diese Menschen tanzen sieht, in ihren überlieferten Bekleidungen, manchmal inmitten von "modern" gekleideten Zuschauern. Viele Tänze sind gar nicht öffentlich, auch so manche Rituale werden auch heute noch nur im Geheimen vorgenommen. Insofern gehen sie mit der Zeit, behalten aber die Traditionen bei. Großartig!
Schneiderhahn 27.11.2017
2. Missionierung
Interessantes Thema, danke für den Bericht! Was mich immer traurig stimmt, ist das Thema "Missionare" in Zusammenhang mit verborgen lebenden Naturvölkern. Was muss nur in solchen Menschen vorgehen, die meinen, bis ans Ende der Welt marschieren zu müssen, um bis dahin friedlich zusammenlebende Stammesgemeinschaften mit ihrer Religion beglücken zu müssen.
mbroghammer 27.11.2017
3. Kannibalen
Im Bericht heißt es, daß bis in die Sechzigerjahre dort Kannibalen gelebt haben sollen. Im Jahre 1967 war ich persönlich dort. Anwesende Entwicklungshelfer haben mir damals genau erklärt, wo ich nicht hingehen solle, wenn ich nicht von Kannibalen aufgefressen werden möchte. Habe mich nicht davon überzeugt, doch die waren mit Sicherheit noch dort.
Fräulein P. 27.11.2017
4. "...[80000304_py_sc"
Zitat von SchneiderhahnInteressantes Thema, danke für den Bericht! Was mich immer traurig stimmt, ist das Thema "Missionare" in Zusammenhang mit verborgen lebenden Naturvölkern. Was muss nur in solchen Menschen vorgehen, die meinen, bis ans Ende der Welt marschieren zu müssen, um bis dahin friedlich zusammenlebende Stammesgemeinschaften mit ihrer Religion beglücken zu müssen.
Ich glaube, bei Ihrer Vorstellung von "friedlich zusammen lebenden Naturvölkern" haben Sie sich in Papua-Neuguinea sehr geirrt, lieber Schneiderhahn. Kämpfen, Töten, Kannibalismus haben diese Volksgruppen sehr bestimmt und tun es bis heute, wohl mit Ausnahme des Kannibalismus.
Schneiderhahn 27.11.2017
5. friedlich
Zitat von Fräulein P.Ich glaube, bei Ihrer Vorstellung von "friedlich zusammen lebenden Naturvölkern" haben Sie sich in Papua-Neuguinea sehr geirrt, lieber Schneiderhahn. Kämpfen, Töten, Kannibalismus haben diese Volksgruppen sehr bestimmt und tun es bis heute, wohl mit Ausnahme des Kannibalismus.
Natürlich, das meinte ich auch nicht. Ich präzisiere: Sie lebten in Frieden vor den Missionaren.
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