Patagonien Das Abenteuer Stille

Mitten in der Abgeschiedenheit Patagoniens, im exklusiven Naturschutzgebiet Torres del Paine, liegt die südlichste Luxusherberge der Welt: Das Explora-Hotel verkauft hier einen sehr raren Luxusartikel: Stille.

Von Matthias Matussek, Punta Arenas


Keine Ahnung, warum mir ausgerechnet dieser Satz aus Bruce Chatwins Patagonien-Buch in Erinnerung geblieben ist. Vielleicht, weil es der schwermütigste Satz ist, den ich je in meinem Leben gelesen habe: "Der Strand war grau und übersät mit toten Pinguinen."

Hotel Explora: Naturpanorama selbst aus dem Badezimmer
Matussek / DER SPIEGEL

Hotel Explora: Naturpanorama selbst aus dem Badezimmer

Das war Patagonien bisher für mich. Einer der tristesten Winkel der Erde. Und daran ändert der erste Eindruck überhaupt nichts, als die Maschine aus Santiago in Punta Arenas landet.

Das Hotel hat einen VW-Bus geschickt, mit einem Indio-Fahrer, der keine Lust auf Unterhaltung hat. Man verliert hier unten nicht viele Worte. Die Menschen schweigen, die Natur schweigt. Es ist die Welt am zweiten Schöpfungstag.

Die Magellan-Straße ist ein schwarzer öliger Meeresarm, der am Horizont mit einem grauen Himmel verschmilzt. Nur ab und zu schafft es ein Sonnenstrahl durch die niedrigen Wolkenschlieren. Dann leuchten die roten und gelben und blauen Holzdächer von Punta Arenas auf, als wollten sie den Satz von den toten Pinguinen vergessen machen. Sie schaffen es nicht.

Jenseits des Meeresarms liegt Feuerland, das in der Mythologie das Reich der Antipoden war, der ekstatischen Kopffüßler. Punta Arenas, mit einem Wort, ist der letzte Vorposten der bewohnten Welt. Noch immer.

Einst erlebte es eine Art Blüte, als es die Passage vom Atlantik in den Pazifik kontrollierte. Mit der Eröffnung des Panama-Kanals war auch dieser Standortvorteil dahin. Sein allerletzter Vorteil nun ist dieser Flughafen: Hier landet, wer in den Torres del Paine Nationalpark will.

Doch auch dieser Vorteil ist nun in Gefahr, denn das Städtchen Puerto Natales, das weiter nördlich praktisch am Eingang zum Park liegt, hat bereits eine Landepiste. Über kurz oder lang wird LanChile direkt dort hinfliegen. Dann wird Punta Arenas endgültig im grauen Nichts verschwinden. Und der Nationalpark, der dann direkt angeflogen werden kann, wird womöglich zu einer jener massentouristischen Drive-In-Frittenbuden denaturieren, zu denen die Nordamerikaner ihre Parks mittlerweile gemacht haben.

Die roten und gelben und blauen Holzdächer von Punta Arenas
Matussek / DER SPIEGEL

Die roten und gelben und blauen Holzdächer von Punta Arenas

Doch noch ist es nicht so weit. Noch ist Torres del Paine eines der exklusivsten Naturschutzgebiete der Welt. Weil er so schwer zu erreichen ist. Und hier, mittendrin in dieser Abgeschiedenheit, liegt das bereits legendäre Explora-Hotel, die südlichste Luxusherberge der Welt. Vor knapp zehn Jahren wurde es von dem bekannten chilenischen Architekten Germán de Sol in die Landschaft eingepasst

Man muss zwei Tage für die Anreise zu diesem entlegensten aller Hotels einplanen. Allein die Autofahrt von Punta Arenas aus dauert einen halben Tag. Sie führt durch eine endlose schneebedeckte Weite, aus der alle paar Kilometer blaubedachte Warte-Häuschen für die Schafhirten auftauchen. Kondore begleiten den Bus. Ein Nandu sucht unter der Schneedecke im Kissenkraut nach Nahrung. Ein aufgescheuchter Fuchs rast über die Piste. Die Sonne hängt tief und braucht zwei Stunden, bis sie untergeht.

Im Dunkeln erreicht man das Explora. Seine Flure leuchten in die Nacht wie die Kabinenreihen eines Kreuzers, der am Ufer des Pehoe-Sees vor Anker gegangen ist. In den Wintermonaten, zwischen Mai und August, ist es wie ausgestorben. Ein paar israelische Journalisten sind ebenfalls angereist. Sie werden am übernächsten Tag weiterfahren. Dann gibt es außer uns nur noch den pensionierten Piloten Bill aus dem kalifornischen Santa Cruz im Hotel.

Das Massiv des Torre del Paine wächst hinter dem Pehoe-See in den Himmel
matussek / DER SPIEGEL

Das Massiv des Torre del Paine wächst hinter dem Pehoe-See in den Himmel

Bill kommt jedes Jahr hierher, zur gleichen Zeit, weil er die Stille sucht, und das Explora-Hotel liegt so einsam wie jenes Hotel in dem Film "Shining", in dem Jack Nicholson durchdreht. Einsamer geht es gar nicht. Allerdings, sagt Bill, sei er letzte Woche auf einem Ausritt drei Stunden nördlich zwei anderen Touristen begegnet. "Das Gedränge hier nimmt überhand", sagt er. "Wird Zeit, dass ich mir was Stilleres suche."

Wo will er hin? Auf den Mond? Auf Erden gibt es nichts Stilleres als das Explora. Es gibt keine Fernseher auf den Zimmern, noch nicht einmal Radio. Dafür gibt es diesen Blick, der einem die Sprache verschlägt: Der See, in dem sich das rote Herbstfeuer der Krüppelkiefern spiegelt, und das Massiv des Torre del Paine am gegenüberliegenden Ufer, schneebedeckt, mit Gletschern in den Flanken wie silbernen Adern.



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