Pekings Tibet-Museum "Der Dalai Lama ist kein Thema"

Geschichte als Propaganda-Instrument: In Peking entsteht in der Nähe des Olympiageländes ein neues Tibet-Museum. Über 2000 Ausstellungsstücke sollen ein lebendiges Bild der Region vermitteln - doch ein paar wesentliche Details fehlen.

Von Peking


Grüne Bauplanen umgeben das neunstöckige Gebäude, an einigen Stellen lugt das graue Betonskelett hervor. Arbeiter mit gelben und roten Helmen schieben gemächlich Schubkarren, ein Schweißer macht sich an der Fassade zu schaffen.

An der Vierten Ringstraße, nur wenige Kilometer östlich vom Pekinger "Vogelnest"-Nationalstadion entfernt, entsteht in diesen Tagen ein großes Tibet-Museum. Auf fast 20.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche sollen Besucher ab Herbst 5000 Jahre Kultur und Geschichte der Gebirgsregion kennenlernen.

Nach den März-Unruhen in Tibet und seinen Nachbarregionen ist das Hochland Brennpunkt der Welt. Ein neues Tibet-Museum dürfte deshalb für weitere Kontroversen sorgen. Denn von der offiziellen Regierungslinie wird die Schau, so viel steht schon jetzt fest, keinen Deut abweichen.

Nach Informationen über das Leben des jetzigen Dalai Lama nach seiner Flucht nach Indien 1959 wird der Besucher hier beispielsweise vergeblich suchen. Professor Lian Xiangmin, Forschungsleiter des Chinesischen Forschungszentrums für Tibetologie direkt neben der Großbaustelle, sitzt auf einem beigefarbenen Stoffsessel mit gestickten Armauflagen. Er trägt eine randlose Brille und einen braunen Stoffpulli mit Perlmuttknöpfen.

"Es gibt insgesamt 14 Dalai Lamas, wir können nicht alle in dem Museum präsentieren", sagt er. Der Fokus der Ausstellung liege auf Tibet und seiner Kultur und nicht darauf, was außerhalb geschehe. "Nach 1959 war der Dalai Lama nicht mehr in Tibet, deshalb ist er für uns kein Thema."

Pekings Version über das Geschehen auf dem Dach der Welt, so wird das Museum deutlich machen, ist auch für die Wissenschaftler die letzte Wahrheit. Nach dem Aufruhr veröffentlicht täglich die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua Berichte von Forschern, die gegen den Dalai Lama wettern und betonen, die chinesische Armee habe 1951 die Tibeter von einer grausamen Mönchs-Autokratie befreit.

Tibet "war, ist und bleibt", argumentieren die Funktionäre, Teil Chinas – schon deshalb, weil die Tibeter stets Tribute an den Kaiserhof in Peking zahlten. Die halten dagegen: Das Land der Schneeberge sei immer unabhängig gewesen.

Wer in China der amtlichen Geschichtsauslegung widerspricht, muss mit Strafen rechnen. Bücher unabhängiger Experten wurden verboten, seit 2005 sitzt der Lehrer Dolma Kyab im Gefängnis, weil er ein Geschichtsbuch über Tibet veröffentlichte, das nicht der offiziellen Linie entsprach.

Forschung unter staatlicher Aufsicht

Um die Pekinger Version zu stützen, gründete die Regierung im Mai 1986 in Peking das weltgrößte Tibet-Forschungszentrum. 80 Wissenschaftler arbeiten hier, die Hälfte davon sind Tibeter. Das Gebäude erinnert mit seinen roten Dächern und den Säulen im Eingangsbereich an tibetische Architektur, im Treppenhaus hängt ein etwa acht Meter breites Gemälde der Hauptstadt Lhasa.

Fünf Institute erforschen unter anderem Gesellschaft und Wirtschaft, Geschichte, Religion und traditionelle Medizin Tibets. Die Bibliothek umfasst 100.000 Titel. Eines der größten Projekte des Instituts ist das "Da Zang Jing", eine Zusammenfassung der tibetischen buddhistischen Lehre in Dutzenden von Bänden, die nach über 20 Jahren Arbeit im kommenden Jahr fertiggestellt werden soll. 40 Millionen Yuan (3,7 Millionen Euro) ließ es sich der Staat kosten, aus den sieben überlieferten Versionen der heiligen Schriften ein einzelnes Werk in tibetischer Sprache zusammenzustellen.

Als das Zentrum gegründet wurde, entstand auch der Plan für das Museum. Doch erst im Jahr 2003 gab es grünes Licht von der Regierung, die das 160 Millionen Yuan (14,7 Millionen Euro) teure Projekt finanziert. "Der Staat hat sich immer sehr stark darum gekümmert, die traditionelle tibetische Kultur zu erforschen und zu schützen", sagt Lian.

Historische Bücher und Schriftrollen, Tangka-Seidenbilder, Buddha-Statuen, traditionelle Medikamente und altes Werkzeug – mehr als 2000 Ausstellungsstücke werden ab Herbst 2008 zu sehen sein. Dazu sollen Kurzfilme und nachgestellte Szenen aus dem Nomadenleben einen lebensnahen Einblick in den Alltag der Tibeter in verschiedenen Epochen vermitteln. "Wir wollen Menschen, die noch nie in Tibet waren, die besten Seiten tibetischer Kultur zeigen", sagt Zhang Chunyan, die das Museum einrichtet.

Fakten statt Debatten

Doch wäre ein chinesisches Tibet-Museum nicht geeignetes Forum, um verschiedene Interpretationen der tibetischen Geschichte zu präsentieren? "Es geht hauptsächlich darum, Kunstgegenstände und Materialien zu zeigen, nicht so sehr die verschiedenen Debatten und Argumente", sagt Direktor Lian.

Doch wenn sich dabei Belege finden lassen, die zumindest andeuten, dass Tibet schon seit Jahrtausenden zu China gehört, ist dies ein willkommener Nebeneffekt. "Wir zeigen einige Fundstücke von einer Ausgrabungsstätte in Chengdu, die den Kontakt zwischen Chinesen und Tibetern schon vor 5000 Jahren beweisen", sagt Zhang.

Den Vorwurf, die Geschichte einseitig zu betrachten, lassen die Forscher trotzdem nicht gelten. Zhang: "Unsere wichtigste Aufgabe ist es, historische Fakten zu präsentieren."



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