U-Bahn-Pendler in Tokio Plattgemacht

Gepresst, gequetscht, dem Schicksal ergeben - Pendler in Tokio machen bei jeder U-Bahn-Fahrt eine Extremerfahrung: die Enge. Der Fotograf Michael Wolf ist den Menschen hinter den Fensterscheiben ganz nah gekommen.


Die Augen geschlossen, die Stirn gerunzelt, still leidend. Obwohl die Pendler in der Tokioter U-Bahn dicht an dicht stehen, scheinen sie auf den Fotos von Michael Wolf in Gedanken ganz weit weg zu sein. Trotz der Enge sind sie ganz in ihrer Isolation versunken. Vielleicht sind sie in der Kunst der Meditation geübt? Oder sie haben sich ihrem Schicksal ganz einfach für die Dauer der Metrofahrt ergeben.

Das U-Bahn-System der japanischen Hauptstadt gilt als äußerst sicher - ist aber auch das meistgenutzte der Welt: Über drei Milliarden Fahrgäste im Jahr sind mit den 13 Linien unterwegs. Berühmt ist die Tokyo Metro für die sogenannten Drücker, die Oshiyas, die die Pendler in überfüllte Züge hineinpressen, damit sich die Türen schließen können. Eingequetscht zwischen ihren Mitfahrern, ist der Arbeitsweg für Millionen Angestellte eine tägliche Extremerfahrung.

Der Deutsch-Amerikaner Michael Wolf hat die Aufnahmen zu der Serie "Tokyo Compression" zusammengestellt. Für ein Foto daraus erhielt er 2009 einen World Press Photo Award - auch die porträtierte Frau scheint sich ihrem Schicksal als U-Bahn-Frachtgut ergeben zu haben. Der 60-jährige Wolf, ein Otto-Steinert-Schüler, lebte, bevor er nach Paris zog, lange in Asien. Sein Hauptthema ist das Leben in Megastädten.

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insgesamt 11 Beiträge
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Sebastian Mellmann 20.10.2014
1.
Ich war Ende 2012 für ein paar Tage in Tokio und kann das nur bestätigen. Es war im September und noch sehr warm für die Jahreszeit und vor allem auch sehr feucht. Sich dann noch in eine überfüllte Bahn zu quetschen ist wirklich nicht das Gelbe vom Ei! Das einzig Gute daran war, dass ich 1.85m bin und somit über fast alle Leute hinwegschauen konnte.
Korken 20.10.2014
2. Unglaublich - der Fotograf
Erst einmal bedenklich, dass man für ein simples, alltägliches Bahnfoto über eine Situation, die man seit Jahrzehnten kennt, einen Preis erhalten kann. Ebenso bedenklich, dass ein Fotograf höchstwahrscheinlich ungefragt femde Menschen nicht als Beiwerk sondern als Hauptwerk verwendet. Genauso typsich bemitleidenswert sind die Bildunterschriften über die anscheinend so traurigen Fotos. Der Fotograf suchte sich dabei extra Regenwetter heraus, um alles noch dramatischer darzustellen. Regenwetter bedeutet gerne auch mal kältere Luft außen, wobei sich Innen unwiderbringlich Kondenswasser an den Scheiben bildet. Die Klimaanalagen in den Zügen sind oft sehr stark eingestellt aber bringen dementsprechend trotzdem Erleichterung. Es handelt sich bei den Zügen wahrscheinlich auch meist um Vorort-S-Bahn Expresszüge, welche so überfüllt sind. An den U-Bahnen in der Innenstadt ist diese Drückerei nicht mehr oft anzutreffen, auch weil es dort zur Sicherheit seit mehreren Jahren immer mehr doppelte Türen Zug-Bahnsteig gibt. Wenn einer in der Lichtschranke steht, geht sie nicht zu. Außerdem könnten die Pendler größtenteils solchem Drücken entkommen, wenn sie sich mehr auf die Züge aufteilen würden. Die Lokalzüge sind meistens nur halb voll während an den Expresszughaltestellen alle in die Expresszüge umsteigen, um ein paar Minuten früher auf Arbeit zu sein. Gerne, je nach Linie, konzentriert sich der Pulk dann auf einen bestimmten Zugteil, der näher am Ausgang hält, während der andere Teil des Zuges halb leer bleibt. Ja, es gibt noch die berühmten Einsteighelfer, muss man gar nicht leugnen, aber die Art und Weise wie hier krokodilstränenmäßig falsches Mitleid vorgetäuscht wird ist bedauerlich. Das Phänomen konzentriert sich auf wenige Linien und dort auf wenige Stationen, allerdings bis heute täglich. Der Zug ist für den Rest der Fahrt natürlich voll aber die unglaubliche Disziplin in Tokyo macht selbst dann das Aus- und Einsteigen in geordneter und schneller Weise möglich. Wer stattdessen auf den nächsten Zug wartet tut dies im Innenstadtbereich zur Hauptverkehrszeit dann auch nur 90 Sekunden. Selbst bei diesen Menschenmassen funktioniert der pünktliche Verkehr - man stelle sich dies mit der DB vor. Abwesend in sich gekehrt sind in den Bahnen in Tokyo, gerade zur Pendlerzeit fast alle, auch wenn der Zug leer sein sollte. Immer wieder erstaunlich, oder besser "typisch erwartend", wie sich Westler als überlegen bemitleidend in asiatischen Megametropolen aufspielen. Aber dieser Fotograf ist nicht der einzige. Es gibt eine handvoll "Berichterstatter", die ihre boulevardmäßigen Artikel von dort an deutsche Zeitungen verhökern und ihren bemitleidenswerten Lebensunterhalt damit bestreiten versuchen.
stauss4 20.10.2014
3. Freiheit
Arbeitssklaven, die nicht begreifen, dass sie Sklaven sind und die ihre Lebensplanung einrichten, um Obersklaven zu werden. Japan ist ein grosses Land und hat viele Regionen, in denn Menschen menschenwürdig leben können und nicht wie Ratten in einer Kanalisation. Dort verhungert auch keiner. Das wirklich erschreckende bei diesen Menschen ist, dass die noch nicht einmal für sich selbst ihre eigenen Prioritäten setzen können. Dass die stumm und dumpf das mit sich machen lassen. In Nineteen Eighty-Four hat George Orwell 1948 genau das beschrieben. Dahin hat sich die Welt entwickelt. Die Welt ist die Innenansicht einer Irrenanstalt.
tororosoba 20.10.2014
4. Pendeln in Tokyo
Tokio ist eben nicht ganz so klein, die Arbeitsplätze sind im Zentrum, die Häuser gerne 50 oder 80 Kilometer weg, weil im Zentrum unbezahlbar. Bis zu zwei Stunden Fahrtzeit werden im allgemeinen akzeptiert. So lange zu stehen, ist schon übel; schlimmer noch, wenn ein Teil der Fahrt oder die gesamte Strecke in solch drangvoller Enge erlitten werden muss. Man ist schon müde, wenn man am Arbeitsplatz ankommt. Besonders schön wird's dann im Sommer bei 35 schwülen Grad. Erst völlig verschwitzt, dann wegen der brutalen Klimaanlage erkältet. Man lernt Stoizismus, und genau das ist es, was die Gesichter in den Photos ausdrücken.
muellerthomas 20.10.2014
5.
Als ich in Tokio war, hab ich sowas (leider) nicht erlebt. Ich hatte eigentlich gehofft, solche Szenen fotografieren zu können, aber die Bahnen waren nicht voller als europäischen Großstädten auch.
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