Per Fahrrad durch Afrika Cup der guten Hoffnung

Das längste Radrennen der Welt führt von den Pyramiden zum Kap der guten Hoffnung, durch Wüsten, Schotterpisten und Bürgerkriegsgebiete. Ein Wechselbad der Gefühle für die Teilnehmer, die nicht überall mit Gastfreundlichkeit empfangen werden – manchmal fliegen sogar Steine.

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"Mir ist kalt, ich friere und will nicht aufstehen", schreibt Markus Widmann am 4. Februar in sein Tagebuch. Nach drei Wochen Afrika per Fahrrad hat er den ersten Durchhänger. Wie um ihn zu verhöhnen, lassen die sudanesischen Tour-Guides den Song "Bicycle Race" von Queen in voller Lautstärke laufen: "I want to ride my bicycle, I want to ride my bike" zu einer fröhlichen Kinderliedmelodie. Die kann ihn heute kaum anspornen, doch es hilft nichts – wie jeden Tag müssen die Fahrer um 6.30 Uhr aufstehen und frühstücken. Heute gibt es Haferflocken mit Erdnussbutter. Genau wie gestern und vorgestern. Widmann mag keine Erdnussbutter.

Dafür, dass jeder der 34 Teilnehmer insgesamt knapp 20.000 Euro für die Teilnahme an der "Tour d'Afrique" ausgegeben hat, erwartet die Fahrer wenig Komfort. An den meisten Tagen müssen sie ohne Strom, Duschen oder Toiletten auskommen, übernachtet wird in Zelten. Jeder darf teilnehmen, der die Zeit und das Geld hat – man muss kein Leistungssportler sein, ein medizinischer Nachweis zur körperlichen Tauglichkeit genügt.

Dreifache Distanz der Tour der France

Für Widmann ist es das erste Mountainbike-Rennen seines Lebens - und mit einer Strecke von 11.900 Kilometern gleich das Längste der Welt. Die Fahrer müssen die dreifache Distanz der Tour de France bewältigen: Von Kairo bis Kapstadt, von den Pyramiden zum Kap der guten Hoffnung. In vier Monaten führt die Route durch Ägypten, Sudan, Äthiopien, Kenia, Tansania, Malawi, Sambia, Botswana, Namibia und Südafrika – im Schnitt 124 Kilometer pro Tag auf teils schwierigem Terrain.

Widmanns Vorbereitungen gleichen dagegen eher einem gemütlichen Sonntagsspaziergang: Seit Oktober hat er auf geteerten Radwegen im Neckartal trainiert, sein erstes Mountainbike kaufte er vor ein paar Monaten. Der 37-jährige Reutlinger, der elf Jahre als IT-Experte arbeitete, war außerdem schon lange "nicht mehr wirklich zelten", wie er auf seiner Homepage schreibt. Doch nach der Insolvenz seiner Firma im vergangenen Sommer sah er die Möglichkeit, eine Auszeit zu nehmen, und begann, sich auf die sportliche Herausforderung vorzubereiten. Seit 2005 hatte er bereits an drei Marathons teilgenommen.

Sein Ziel ist nicht, nachher auf dem Siegertreppchen zu stehen – er will die EFI-Medaille, die nur jene Teilnehmer bekommen, die jeden Zentimeter der Route aus eigener Kraft auf dem Fahrrad bewältigen. EFI steht für "Every fabulous inch", leidgeprüfte Fahrer bevorzugen die Bezeichnung "Every fucking inch". Wer schlapp macht, muss die Schmach einer Etappe im Besenwagen über sich ergehen lassen.

Zwischen Gastfreundschaft und Stein-Attacken

Fast wäre es für Widmann in der vergangenen Woche im Sudan soweit gewesen, nach einem Viertel der Gesamt-Tour. "Ich fuhr allein bei Gegenwind, wurde ständig von rußenden Diesellastwagen eingenebelt, bekam einen Sonnenstich - da wäre ich am liebsten einfach vom Fahrrad gestiegen und am Straßenrand sitzen geblieben", sagte Widmann zu SPIEGEL ONLINE. Doch er biss auf die Zähne und fuhr weiter – den härtesten Tagesstrecken im hügeligen Äthiopien entgegen.

Dort gibt es andere Gründe, nicht zu weit hinten im Feld zu landen – denn manchmal werfen Kinder vom Straßenrand aus mit Steinen auf die Nachzügler. Die äthiopischen Tour-Begleiter erklären das mit der Frustration, wenn die Rennfahrer nicht auf Winken und Zurufe reagieren. Nachdem die ersten Fahrer noch unbehelligt durchkommen, bekommen die Fahrer im Feld diese Wut zu spüren. "Ich winke 50 Mal am Tag, aber man kann bei dieser Bevölkerungsdichte natürlich nicht jedes Mal anhalten, wenn jemand ruft." Bisher hatte Widmann Glück, er bekam noch keinen Stein ab.

Ein unschöner Moment war auch, als einem niederländischen Fahrer der Fahrradcomputer gestohlen wurde. Er winkte daraufhin mit ein paar Banknoten, um zu zeigen, dass er eine Belohnung für die Rückgabe zahlen würde. Wenige Meter entfernt von ihm brach darauf "eine Riesen-Schlägerei aus, die Leute haben sich die Nasen blutig geschlagen", berichtet Widmann.

Überwiegend begegnen die 34 Fahrer jedoch einer beispiellosen Gastfreundschaft. Besonders im von Bürgerkrieg und Krisen gezeichneten Sudan konnten sie nur einen Bruchteil der Einladungen annehmen, ständig standen die mit High-Tech-Helmen und Funktionskleidung außerirdisch anmutenden Radler im Mittelpunkt des Interesses. So auch in Äthiopien: "Wenn wir unser Camp aufschlagen, spannen wir eine Schnur drum herum, und da stehen dann hunderte von Einheimischen, die einfach nicht glauben können, was sie da sehen", sagt Widmann. "Wir sind da wochenlang auf dem Präsentierteller".

An den insgesamt 20 Ruhetagen bleibt neben der verdienten Entspannung auch ein bisschen Zeit für Besichtigungen – die Kirchen und Schlossruinen in Gonder, der früheren Hauptstadt Äthiopiens, standen am Montag ebenso auf dem Programm wie ein Test lokaler Süßigkeiten. Sehr weit weg erscheint da der Bürojob in Deutschland. "Ich will nicht, dass die Tour vorbeigeht, ich möchte diesen Moment leben", sagt Widmann. Er sei unglaublich froh, dass er diese Entscheidung getroffen habe. "Danach wird schon ein Loch kommen".

Wie die Tour weitergeht und ob Widmann durchhält, lesen Sie in den kommenden Wochen bei SPIEGEL ONLINE.



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