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04. Februar 2013, 12:56 Uhr

Frachterreise zu den Marquesas-Inseln

Backpacker auf Kreuzfahrt

Hiva Oa, Ua Pou und Fatu Hiva - so exotisch wie diese Namen klingen, ist die Reise mit der "Aranui 3". Der Frachter bringt Schiffsreisende zu einem Inselparadies im Pazifik, wo sie zwar auf türkisfarbenes Wasser verzichten müssen. Dafür erwartet Abenteuerlustige eine Planschpause am Hai-Strand.

Taiohae - Im Gitterkasten liegen tiefgekühlte belgische Fritten. Ein von Glatze bis Fuß tätowierter Kranführer hat den Behälter aus dem Schiffsbauch geangelt und am Anleger abgesetzt. Dort laufen Einheimische mit Zetteln umher - Belege für ihre Bestellungen, die in Containern, Fässern und Säcken warten.

Im Hafen von Atuona auf Hiva Oa spielen sich solche Szenen alle drei Wochen ab. Ganze Dörfer werden in Aufruhr versetzt, wenn die "Aranui 3" auftaucht und mit neuer Fracht für Nachschub an Chicken Wings, Fertigkaffee, Hühnerbouillon, Autoreifen, fässerweise Benzin, Zucker, Mehl, Zement und Kartoffeln sorgt.

Mit der Ware - oft aus Frankreich importiert - schwappt jedes Mal eine kleine Welle an Touristen in die Welt der knapp 10.000 Menschen, die sich auf 6 der 14 Marquesas verteilen. Denn die "Aranui 3" ist auch ein Kreuzfahrtschiff.

Die Marquesas, die zu Französisch-Polynesien gehören, sind die am weitesten vom Festland entfernte Inselgruppe der Welt. Bis nach Australien sind es 6000 Kilometer, und wer mit dem Flugzeug von Europa kommt, muss dafür rund 30 Stunden einplanen.

Betten sind Monate im Voraus ausgebucht

17 Mal im Jahr bricht die "Aranui 3" im 1400 Kilometer entfernten Papeete, der Hauptstadt Tahitis, zu 14-tägigen Fahrten auf. Die maximal 180 Betten sind oft Monate im Voraus ausgebucht. Die Kabinen sind einfach und sauber. An Bord bringen Animateure den Gästen den Hüftschwung bei, und wer möchte, bekommt Ukulele-Stunden. Internetzugang gibt es nur sporadisch. Die Marquesas selbst sind erst seit wenigen Jahren ans World Wide Web angeschlossen.

Davor waren es in der jüngeren Geschichte vor allem zwei Personen, die den Namen der Inseln in die Welt hinaustrugen: Paul Gauguin und Jacques Brel. Der französische Maler wählte Hiva Oa 1901 als sein letztes Exil. Das Gauguin-Museum in Atuona zeigt allerdings nur Neuinterpretationen seiner Werke und kein einziges Original. Wo genau er 1903 begraben wurde, ist heute unklar. Als Pilgerstätte dient ein Grab auf dem Calvaire-Friedhof.

In der Nähe von Gauguins Grab liegt der belgische Chansonnier Brel begraben, der 1978 in Paris an Lungenkrebs starb und auf eigenen Wunsch nach Hiva Oa überführt wurde. 1976 hatte der Sänger Zuflucht auf den Marquesas gesucht, um schwer krank dem Medienrummel zu entgehen. In einem Hangar hängt noch seine alte Jojo an der Decke. Mit der Propellermaschine hatte Brel kranke Einheimische zur Behandlung nach Tahiti geflogen.

"Keine Überfischung, keine Verschmutzung"

Auch über Land und Leute können die Kreuzfahrtgäste hier viel lernen. Für die deutschsprachigen gehört seit fünf Jahren der Erfurter Jörg Nitzsche zur Crew. Er zeigt bei Landgängen Kultstätten und Plätze der Ureinwohner, an denen die Geschicke eines Stammes gelenkt wurden: Orte, an denen Menschen geopfert wurden oder die einst "tapu" waren, also etwa nur von Häuptlingen betreten werden durften. Auf den Marquesas hat das Wort "tabu" seinen Ursprung.

Bei Vorträgen in der Schiffslounge erfahren die im Durchschnitt recht betagten Gäste, dass die Marquesas vor rund 2000 Jahren von Westen her besiedelt wurden und nicht aus Richtung Südamerika, wie es noch der norwegische Ethnologe Thor Heyerdahl glaubte. Und dass die Gewässer rund um das Archipel intakt sind. "Keine Überfischung, keine Verschmutzung", sagt die Meeresbiologin Sophie-Dorothée Duron.

Örtliche Fischer fahren mit einfachen Angeln raus und zerren Thunfisch an Bord, den sie den Restaurants, die die Schiffsreisenden mittags besuchen, für umgerechnet knapp vier Euro das Kilo verkaufen.

Bei den Landgängen werden die Reisenden aber nicht nur mit leckerem Essen verwöhnt. Sie können auf Ua Huka mit Pferden ausreiten, auf Fatu Hiva steht eine 17 Kilometer lange Wanderung durch den üppigen Regenwald an, wenn auch entlang einer Straße. Kein Pappenstiel bei weit über 30 Grad Lufttemperatur. Und beim Stopp am Rangiroa-Atoll auf dem Rückweg nach Tahiti dürfen Taucher den Lufttank anlegen.

Badevergnügen am Hai-Strand

"Das sind alles ehemalige Backpacker", beschreibt Tourguide Jörg Nitzsche den typischen "Aranui"-Gast. "Wir würden nie auf ein richtiges Kreuzfahrtschiff gehen", sagt Christa Stelling aus Düsseldorf, die mit ihrem Lebenspartner unterwegs ist. Sie mag auch die Mitreisenden: "Alles Individualisten hier." Es sind Menschen wie Michel Bernert aus dem Elsass, der vor über zehn Jahren schon einmal auf den Marquesas ankam - als Alleinsegler nach vier Monaten auf See. Oder der weißhaarige Hansjürgen van de Loo, ein ehemaliger Manager, der schon in Alaska Hochseefischen und am Baikalsee war. Er ist mit seiner Frau Karin auf der "Aranui 3" und sagt mit verschmitztem Blick: "Mallorca heben wir uns fürs Alter auf."

Wer eine Schiffsreise gemäß dem Südseeklischee von feinen, palmenbewachsenen Sandstränden erwartet, liegt falsch. Die Marquesas sind schroffe Buckel vulkanischen Ursprungs mit vielen Klippen. Kein Korallenring schützt sie vor dem anbrandenden Ozean, an den Stränden gibt es gefährliche Strömungen. Und selten türkisfarbenes Flachwasser.

Ein ziemlich einsames Badevergnügen wartet allerdings auf Ua Pou. Der Inselname bedeutet wörtlich übersetzt "zwei Säulen" und bezieht sich auf die teils über tausend Meter steil aufragenden Felsenspitzen, die dem Eiland sein einzigartiges Profil geben. Eine 16 Kilometer lange Wanderung vom Dorf Hakahau entlang der vergleichsweise kargen Küste führt nach Hakahetau.

Die meisten Touristen fahren mit der "Aranui 3" ins Nachbardorf. Doch wer läuft, wird mit der Aussicht auf die türkis schimmernde Hakanai-Bucht belohnt. Bis auf schnell im Seitwärtsgang flüchtende Krebse ist der Strand verwaist. Sein Name flößt beim Baden Respekt ein: Hai-Strand. Allenthalben werden Riffhaie gesichtet. Doch Schwimmen sei kein Problem, sagen die Einheimischen.

Parea, Popoi, Papaya

Nach vier Stunden kommen die Wanderer früher als das Schiff in Hakahetau an. Am steinernen Anleger bauen Frauen unter einem Verschlag Tische auf. Ihnen bietet sich eine der seltenen Gelegenheiten für den Verkauf von Kunsthandwerk wie Holzschnitzereien oder der Parea genannten Gewandtücher. Auf einem Basketballfeld nahe des Anlegers tollen die Kinder, bis eines schließlich laut "Aranui" ruft. Das Schiff taucht in der Ferne auf.

Leben könnten die Marquesaner auch ohne den Tourismus, der bis auf wenige hundert Individualgäste von der "Aranui" ausgeht, sagt Nitzsche: "Geld ist nicht wichtig. Sie bauen an, was sie brauchen." So spielt die hohe Arbeitslosigkeit eine eher kleine Rolle. Aus der Brotfrucht kochen die Einheimischen einen Brei, den sie mit Kokosmilch essen: das Nationalgericht Popoi. Fast jeder auf dem Archipel lernt Fischen oder übt sich in der Hundetreibjagd nach Schweinen. Wassermelone, Avocado, Banane, Ananas, Guave und Papaya gedeihen vorzüglich.

"Und wer Geld für Benzin benötigt, baut Copra an, das einzige Exportgut", sagt Nitzsche. Copra ist das getrocknete Fleisch der Kokosnuss. Aus ihm wird Palmöl gewonnen, das bei der Herstellung kosmetischer Produkte oder in der Küche Verwendung findet. Nicht selten, wenn die "Aranui 3" vor Anker oder am Kai liegt, sitzen Männer auf Copra-Säcken und warten, dass Mahelo, der Kranführer, die Exportware aufs Schiff hebt. Mit den zahlenden Abenteurern macht sich der Frachter dann wieder auf den Rückweg nach Tahiti. In drei Wochen wird er wiederkommen - mit neuer Fracht und neuen Gästen.

Stefan Weißenborn/dpa/jus

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