Per Motorrad durch Australiens Wüsten: Freie Bahn am Ghan

Raus aus der Quarantänestation, rein ins Fahrvergnügen: Entlang einer alten Eisenbahnroute erlebt der Fotograf Michael Martin auf seinem Motorrad ideale Bedingungen. Nur einmal lässt er die Maschine gerne stehen - für einen spektakulären Gratisflug über die Wüste.

Australisches Outback: Freiflug über der Wüste Fotos
Jörg Reuther

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"Quarantine Area - No Entry or Removal of Goods", steht auf dem gelben Schild am Eingang der Lagerhalle - ergänzt durch die Warnung "Heavy Penalties apply". In der gut gesicherten Räumlichkeit steht seit zwei Monaten mein Motorrad. Ich hatte es nach einer Tour durch amerikanische Wüsten von Los Angeles nach Melbourne verschiffen lassen. Amerikanischer Dreck an den Stollenreifen hatte einen strengen australischen Grenzbeamten veranlasst, das Motorrad erst einmal unter Quarantäne zu stellen. Endlich haben die Zoll- und Quarantänepapiere alle entscheidenden Stempel und ich kann es abholen.

Mein Freund Jörg Reuther und ich wollen in den trockensten und im Sommer heißesten Teil der australischen Wüsten - zum Lake Eyre im Süden der Simpson-Wüste. Ausgangspunkt ist Marree am östlichen Ende des Oodnadatta Tracks. Ich habe dieses Gebiet bereits im August im Geländewagen bereist, will aber nun andere Schwerpunkte setzen. Außerdem bin ich diesmal auf meinem Motorrad unterwegs, Jörg begleitet mich im gemieteten Landcruiser.

Von Melbourne nach Marree am Rande der Wüste sind es 2000 Kilometer, wenn man der Küste folgt. Bei strömenden Regen verlassen wir Melbourne, doch westlich der weltberühmten "Zwölf Apostel"-Felsen durchbricht die Sonne die Regenwolken und bleibt uns fortan treu. Nach zwei Nächten im Zelt erreichen wir Marree. Das dortige Roadhouse ist der Mittelpunkt des Ortes. Laden, Imbiss und Tankstelle zugleich, alles etwas chaotisch, aber viel sympathischer und persönlicher als eine deutsche Autobahnraststätte.

Marree ist Ausgangspunkt des Oodnadatta Tracks, einer 620 Kilometer langen Piste, die nach Marla am Stuart Highway führt. Erst aber einmal wollen wir aber zum Lake Eyre, der von Marree über eine kleine Piste erreicht werden kann. Die 90 Kilometer lange Strecke führt über die 400.000 Hektar große Muloorina Station. 4000 Rinder teilen sich die wüstenhaften Weiden, statistisch gesehen also eines pro 100 Hektar. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die durchschnittliche Betriebsgröße bei 45 Hektar.

Fotostrecke

15  Bilder
Australien: Naturwunder Lake Eyre
Pinkfarbenes Wasser, blauer Himmel

Nach zwei Fahrtstunden haben wir das Ufer des Lake Eyre erreicht, der grellweiß vor uns liegt. In der Ferne glitzert Wasser, zum ersten Mal seit 1975 sind seit ein paar Jahren große Teile des Salzsees wieder mit Wasser gefüllt. Es hat eine durch Algen verursachten Pink-Farbton, der fotogen gegenüber dem blauen Himmel kontrastiert. Vier Wochen zuvor war ich über den Lake Eyre geflogen, um das seltene Naturwunder zu fotografieren. Da sich das Wasser durch die enorme Verdunstung bereits zurückgezogen hat, verzichten wir auf einen weiteren Flug über den See.

Der Oodnadatta Track bietet fahrtechnisch keine Schwierigkeiten, nicht einmal Sand- oder Kiesfelder stören den Fahrgenuss. Wieder einmal erlebe ich das Motorrad als perfektes Reisefahrzeug für die Wüste. Es bietet absolute Geländegängigkeit, mit 400 Kilometern eine ausreichende Reichweite und viel stärker als ein Geländewagen das Gefühl, nah an Landschaft und Menschen zu sein.

Die Piste folgt im Wesentlichen dem Verlauf der Old Ghan, jener Eisenbahnlinie, die ganz wesentlich zur Erschließung Australiens beigetragen hat. Die offiziell "Great Northern Railway" genannte Schmalspurlinie wurde ab 1878 von Port Augusta aus nach Norden vorangetrieben, erreichte 1884 Marree, 1891 Oodnadatta und im Jahre 1929 dann Alice Springs. Bald hatte sich der Name "The Ghan" eingebürgert, stellten doch afghanische Karawanenführer mit ihren Kamelen vor der aufkommenden Motorisierung den Lastentransport im Inneren Australiens sicher. Ohne sie hätte auch die Ghan-Strecke nie gebaut werden können.

Über Jahrzehnte hinweg stellte der Ghan für viele Regionen in Südaustralien die einzige Verbindung zur entwickelten Küste dar. Als 1980 die zentralaustralische Eisenbahn bis Alice Springs fertiggestellt war, wurde die Great Northern Railway nördlich von Marree aufgegeben. "The Ghan" verkehrt heute als Normalspurzug auf der weiter westlich verlaufenden modernen Strecke.

Gratisflug gegen Fotos

Wir machen halt in Curdimaka, der am Besten erhaltene Bahnstation der Ghan. Bahnschalter, Gleisanlagen und Wasserkessel inmitten der Wüste sind bis heute erhalten und trotzen dem extremen Klima.

Heute ist William Creek eine wichtige Zwischenstation für Reisende in dieser so unwirtlichen Region. Der Ort besteht im Wesentlichen aus zwei Gebäuden, einem Roadhouse mit angeschlossener Tankstelle und einem Charterflugunternehmen. Der Inhaber Trevor Wright braucht für eigene Zwecke Bilder einer 100 Kilometer südöstlich gelegenen Kupfermine und bietet uns einen kostenlosen zweistündigen Flug dorthin an, der praktischerweise auch über die Painted Hills führen wird.

Wieder einmal zeigt sich, dass die Weite und Schönheit des australischen Outbacks am Besten aus der Luft zu erleben ist. Die meist flache Landschaft zeigt aus der Vogelperspektive Farben und Strukturen, die vom Erdboden aus nicht zu erkennen sind.

Bei einem weiteren Flug am Abend folgt Jörg in der offenen Cessna meinem Motorrad. Es stellt sich als ziemlich schwierig heraus, Richtung und Geschwindigkeit von Flugzeug und Motorrad ohne Funkkontakt zu koordinieren.

Beste Bedingungen zum Zelten

Abends lagern wir wieder abseits der Piste irgendwo draußen in der Wüste. Wie kein anderes Land der Erde bietet Australien hierfür perfekte Bedingungen: Hohe Sicherheit, jede Menge Platz und Unmengen von herumliegendem Feuerholz. Es wird spät nachts am Feuer, trotzdem sind Jörg und ich immer schon zu Beginn der Morgendämmerung wieder auf den Beinen, um in der sogenannten "blauen Stunde" zu fotografieren. In manchen Nächten bauen wir unsere roten Kuppelzelte auf, manchmal gehen wir aber auch das minimale Schlangenrisiko ein und schlafen unter dem prachtvollen Sternenhimmel.

Am nächsten Vormittag erreichen wir das 270 Einwohner zählende Oodnadatta, mit einer Rekordtemperatur von 50,7 Grad Celsius der heißeste Ort Australiens. Treffpunkt der Einwohner ist das Pink Roadhouse, für mich das Schönste seiner Art in ganz Australien. Ich hatte deren Besitzer Adam und Lynie bei der letzten Reise kennen und schätzen gelernt. Als ich nach ihnen frage, erfahre ich, dass sie nach 30 Jahren Gästebetrieb endlich ihren Traum wahr gemacht haben und selber reisen. Sie lassen uns schöne Grüße aus New York ausrichten.

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Elfriede Fischer

Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene "Die Wüsten der Erde".

Martins neues Projekt: ein Vergleich zwischen Eis- und Trockenwüsten. Dafür besucht er die wichtigsten Eiswüsten der Nord- und Südhalbkugel und ihre Bewohner. Er wird mit Hunde- und Motorschlitten, per Schiff und Flugzeug und - wo immer möglich - mit dem Motorrad unterwegs sein.
www.michael-martin.de


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