Chinareise von Ost nach West Die Route der Freude

Von


Die Route der Freude

Gemächlich gen Westen im Edelweiß-Express: Dieses Reiseerlebnis in China wird bald nicht mehr möglich sein. Ein neuer Hochgeschwindigkeitszug verkürzt die Fahrzeit von 22 auf 12 Stunden. Die teure Trasse gibt einige Rätsel auf.

Jiayuguan - Turpan
Provinzen: Gansu und Xinjiang
Zugnummer: K595
Kilometer: 2955 bis 3934

Bitte nicht mit Steinschleudern auf Züge schießen.

Bitte nicht auf Waggons klettern.

Bitte keine Drachen steigen lassen am Gleis.

Bitte keine Kühe über die Trasse führen.

Bitte keine Spaziergänge durch Bahntunnel machen.

Ein kleines Büchlein im Abteil erklärt, was Reisende so alles beachten sollten. Als ob man den Chinesen noch das Bahnfahren erklären müsste! In keinem Land der Erde sind täglich mehr Menschen in Zügen unterwegs.

Draußen ziehen die öden Steppen der Xinjiang-Provinz vorbei, drinnen sind die Sicherheitshinweise nun auch auf Uigurisch zu lesen. Das Alphabet besteht aus persischen und arabischen Schriftzeichen. Wie weit der moderne Osten Chinas von hier entfernt ist, merkt man schon an Alter und Sauberkeit der Waggons. Müll liegt auf unbenutzten Betten, und die Scheiben des Zuges sehen aus, als seien sie zuletzt in der Qing-Dynastie gereinigt worden.

Xinjiang ist hier hauptsächlich hellbraun, sandig, sehr karg, aber überall mit Stromleitungen durchzogen. Und immer wieder ist direkt nebenan die neue Schnellzugtrasse zu sehen, manchmal auf einem Podest aus Beton, manchmal auf hohen Pfeilern.

Fotos

Chinesische Schaffnerin: An jeder Tür steht ein Bahn-Angestellter stramm, wenn der Zug hält.

Bald sollen auf dieser Strecke hauptsächlich Güterzüge verkehren - ein neuer Hochgeschwindigkeitszug soll die Fahrzeit von Langzhou nach Ürümqi von 22 auf weniger als 12 Stunden verkürzen.

Zugfenster: Thermoskannen stehen für Gäste immer leihweise zur Verfügung.

Mit Schnellzügen in die Zukunft: In der Nähe von Jiayuguan befindet sich auch eine Raumfahrtbasis, die auf diesem Werbeposter zu sehen ist.

Die neue Trasse des Hochgeschwindigkeitszuges bedeutete eine Milliardeninvestition – in knapp fünf Jahren wurde die ganze Strecke fertiggestellt.

Xinjiang-Provinz: Am Fenster des Zuges zieht eine Marslandschaft vorbei.

Die Bahnsteige dienen auch als Müll-Abladefläche: Zugbegleiter werfen einfach die Säcke nach draußen, die dann dort abgeholt werden.

Bald wird es den Passagierzug K595 wohl nicht mehr geben. Er braucht 22 Stunden von Lanzhou bis Ürümqi, der seit Ende Dezember verkehrende Hochgeschwindigkeitszug schafft die 1776 Kilometer dagegen in knapp zwölf Stunden. Obwohl er unterwegs an 31 Bahnhöfen hält. Etwa 18 Milliarden Euro hat das Großbauprojekt gekostet. Die Route weicht teilweise von der bisherigen ab und führt durch die tibetisch geprägte Qinghai-Provinz - durch teils erheblich unwegsameres Gelände und bis auf 3600 Meter Höhe.

Warum diese wirtschaftlich bislang eher unbedeutende Region einen 350-km/h-Schnellzug bekam, sorgt für Spekulationen. Es handle sich um eine "politische Route, eine ökonomische Route und eine Route der Freude", schreiben die Staatsmedien. "Der Gedanke dahinter ist in China immer ganz einfach", sagt der Mitreisende Karim (Name geändert), ein uigurischer Ingenieur aus Ürümqi. "Erst wird die Infrastruktur verbessert, dann erwartet man, dass der wirtschaftliche Boom quasi automatisch folgt. Und die Han-Chinesen hoffen, dass kritische Stimmen in Unruheregionen verstummen, wenn sich die ökonomische Situation verbessert."

Vor acht Jahren, als die Bahnstrecke ins tibetische Lhasa fertiggestellt wurde, spielten solche Erwägungen eine Rolle. Nun ist es viel einfacher, auf dem Landweg nach Xinjiang zu gelangen. Auf der Strecke, wo jahrelang der K595 gemächlich gen Westen ratterte, sollen fast nur noch Güterzüge verkehren. "Für mich sieht das so aus: Per Schnellzug werden mehr Han-Chinesen hereingebracht, und auf der alten Trasse werden mehr Güter herausgebracht", sagt Karim. 30 Prozent von Chinas Ölreserven befinden sich unter dem Wüstenboden von Xinjiang, außerdem gibt es enorme Kohlevorkommen. "Das bringt sicher die chinesische Wirtschaft nach vorne, aber hilft es auch den Uiguren?" Viele der muslimischen Einwohner der Provinz wären gerne unabhängig von der Zentralregierung in Peking, immer wieder kam es in den vergangenen Jahren zu Terroranschlägen.

Fotos

Steinschleudern unerwünscht: Im Zug liegen Booklets mit Sicherheitsregeln.

Auch größere Nutztiere sind demnach auf den Gleisen nicht erlaubt.

Kinder werden gebeten, nicht zu spielen,...

...ebenfalls verboten sind Spaziergänge in Tunnel.

Oder Abkürzungen, die unter einem stehenden Zug hindurchführen.

Und zu guter Letzt: Bitte im Gleisbereich keine Drachen steigen lassen.

Aus den Lautsprechern ertönt vor jeder Stationsansage die Melodie von "Edelweiß" aus dem Sechzigerjahre-Alpenromantik-Heimatfilm "Sound of Music", gespielt von einer Panflöte. Ein grotesker Gegensatz zur Marslandschaft vor dem Fenster. Dort sind nun Hunderte Windräder zu sehen, sie drehen sich schnell, es ist stürmisch. Der neue Schnellzug ist auf 67 Kilometern seiner Strecke durch einen Windschutzwall gesichert, damit er nicht zu oft abbremsen muss. Die Gefahr ist erheblich realer als die von Steinschleuder-Attacken: 2007 starben vier Passagiere, als ein Sturm einen Zug nach Ürümqi zum Entgleisen brachte.

Weder Wind noch Kühe noch Steinschleudern werden den Fortschritt in der Xinjiang-Provinz aufhalten. Unter dem Schlagwort "Chinesischer Traum" entwickelt sich das Land mit großem Tempo. Und ähnlich wie dereinst beim "Amerikanischen Traum", eine seltsame Parallele ist das, gehört auch hier das Streben gen Westen mit Eisenbahnschienen dazu: "China dreams - full steam ahead" steht auf einem Plakat an der Abteilwand, das einen Hochgeschwindigkeitszug zeigt.

Stephan Orth

Per Zug durch China

5500 Kilometer, eine Zeitzone: Stephan Orth reist per Zug quer durch China, von Ost nach West. Die achtteilige Serie führt von Shanghai bis in die entlegene Seidenstraßenstadt Kashgar – und durch ein Land voller Widersprüche und Extreme.

Karte

Klicken Sie auf die markierten Stationen der Route

Dieser Text entstand im Rahmen des China-Medienbotschafter-Programms der Robert Bosch Stiftung. medienbotschafter.com

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dalejd 09.06.2015
1.
Shanghai - Berlin, bald in unter 24 Stunden mit dem Zug?
tchantchès 09.06.2015
2. Passagierzüge...
heißen auf Deutsch immer noch Reisezüge. Im Gegensatz zu Güterzügen, die in letzter Zeit ständig als "Frachtzüge" sinnlose Anglizismen durch die deutsche Sprache transportieren. Es ist doch ganz einfach: Reisezüge - Güterzüge und Passagierflugzeuge - Frachtflugzeuge.
Kismett 09.06.2015
3. Wenn Sie geanu hingucken, ist es von Urumqui nur noch 400 km zur russischen Grenze.
Von dort sind es 2.500 km bis Moskau. Wenn dieser Anschluss an die innerchinesische Höchstgeschwindigkeitsstrecke klappt, fährt man in 1 1/2 Tagen von Moskau bis Shanghai. Die Stecke von Shanghai bis Peking (2298 km, 8 Std. Reisezeit) haben die Chinesen in 3 Jahren fertiggestellt. in dieser Zeit schaffen es deutsche Bürokraten noch nicht einmal, sich auf eine Neubau-Strecke zu einigen. Und bauen können die doch gar nicht mehe, s. den Flughafen BER. Das alte Europa hat bis heute noch keinen ICE-Verkehr bis nach Moskau.
richard 09.06.2015
4. Chinareise in den Westen
Bei meinen Chinareisen mit dem Zug, Bus und PKW war ich stets von der Freundlichkeit, Zuvorkommenheit, Verpflegung (auch bei Privatreisen) überrascht. Die Züge waren pünktlich und sauber und Xinjiang (bis Kashgar) hat mir ebenso ausgezeichnet gefallen. Weltwunder, wie die unterirdischen Bäche (Karez) in der Wüste von Turpan, Beginn der Seidenstraße, 1000 Buddhahöhlen, etc. Beim Lesen Ihres Artikels merkt man eher eine kritischen, ja tendenziösen Unterton: "Zugreise nach Ürümqi: Gut gegen Böse", wozu? Kohlevorkommen gibts woanders sowieso und Stromleitungen auch... Natürlich ist diese Region anders: trockener (aber nicht nur), langsamer, besinnlicher, heißer, doch auch religiöser. Gastfreundschaft auch hier.
ausserhalbinlaender 09.06.2015
5. Xinjiang bedeutet
Eine weitere informative Episode, danke sehr. Das sogenannte "Xinjiang" ist allerdings keine "Provinz", sondern erobertes Fremdland, so wie Tibet auch. Es ist mehr als drei Mal so gross wie Frankreich, aber nur von 20 Millionen Menschen bewohnt. Die werden immer mehr, weil die chinesische Besatzungsverwaltung Chinesen ermuntert, hierin einzuwandern. Die Uiguren sind eines von fast 20 Voelkern, die sich durch die Ansiedlung von Chinesen belaestigt, eingekreist, bedraengt, ueberfremdet fuehlen. Das haben mir Uigurinnen in Urumqi, Turpan und Kashgar erzaehlt. Die Chinesen sind auch alles andere als feinfuehlend, kulturell anpassungsfaehig oder sprachlich gewandt. Sie ueberrennen die Staedte Ostturkestans. Man vergesse nicht, dass das heutige Xinjiang schon Jahrtausende vor der Schaffung Chinas indoeuropaeische Einwohner hatte, die in Staedten lebten. DIe Tocharier und andere Ureinwohner haben ganz entscheidend die technoogische Entwicklung des damaligen Chinas ermoeglicht - man denke an Bronze und Eisen, die ueber die Seidenstrasse zu den Chinesen kamen. Heute aber gebiert sich China als das Zenrum jeglicher technologischen Weiterentwicklung. Die eingeborenen Handwerker haben keine Zukunft mehr.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.