Per Zug durch China Am letzten Wachturm der Großen Mauer 

Als die Große Mauer gebaut wurde, endete China im Westen am Außenposten Jiayuguan. Noch heute steht hier ein imposantes Fort unter Schneebergen. Es gilt als eines der schönsten des Landes - die Umgebung allerdings ist weniger idyllisch.

Von Stephan Orth


Fotos

Fort von Jiayuguan: Wenige Meter von hier endete einst die Chinesische Mauer.

Im Süden hinter dem Fort, das die Tourismuswerbung zu einem der zehn schönsten Landschaftsdenkmäler des Landes erklärt hat, ist die Qilian-Bergkette zu sehen.

Doch nicht in alle Richtungen ist die Aussicht reizvoll - das Fort ist von Kraftwerken und Fabriken umgeben.

Das westlichste Stück der Chinesischen Mauer endet hier in den Qilian-Bergen.

Hu, Yun und Songyang an einem restaurierten Turm der Chinesischen Mauer: Alle drei arbeiten am Bahnhof des Ortes.

Vorbereitung des Schlachtplans: Mit lebensgroßen Figuren werden am Fort historische Szenen nachgestellt.

Atemberaubender Blick: Zur Touristenbespaßung sind am Fort unter anderem Kamelreiten und Bogenschießen im Angebot.

Fast wie neu: Dem Fort sieht man sein Alter nicht an, für viele Millionen Yuan wurde es restauriert. Ein paar hundert Meter von hier entfernt endete einst die Chinesische Mauer.

Karges Land: Vor Jahrhunderten war die Steppe im Westen nicht besonders interessant für Siedler – das hat sich dank großer Erdölvorkommen inzwischen geändert.

Ein klassisches China-Motiv: Wäre das Fort nicht so abgelegen von den üblichen Touristen-Routen, kämen vermutlich noch erheblich mehr Besucher.

Fotografen können hier speziell im Morgenlicht auf gute Ausbeute hoffen. Denn ab dem Mittag verschwinden die umliegenden Berge oft in trübem Dunst.

Jiayuguan
Provinz: Gansu
Zugnummer: K591
Kilometer: 2955

Vor großen Bauprojekten sind die Chinesen noch nie zurückgeschreckt. Früher errichteten sie eine gigantische Mauer um ihr Reich, heute bauen sie Hochhäuser und Bahngleise. Die über 8000 Kilometer lange Mauer endete im Westen in Jiayuguan, dahinter kamen nur karge Steppen und Wüsten, dahinter war China zu Ende. Das unfruchtbare Land interessierte niemanden, weil man damals noch nicht ahnte, was man so alles mit Erdöl anstellen kann.

"Du musst hier einen chinesischen Satz lernen", sagt der Bahnhofsangestellte Hu, der mit seinen Kolleginnen Yun und Songyang einen Ausflug macht zum Mauer-Museum mit Freiluft-Siedlungsnachbau. "Bu dao chang cheng fei hao han - wer nicht auf der Großen Mauer war, ist kein richtiger Mann", gibt der 24-Jährige einen berühmten Mao-Ausspruch wider.

Heute befindet sich die Grenze 2000 Kilometer weiter westlich als zur Zeit des Mauerbaus, und Besucher können von den Zinnen des spektakulären Grenzforts in Jiayuguan (Aussprache: Dschia-ü-guan) die Güterzüge beobachten. Die modernen Nachfolger der Seidenstraßen-Karawanen rattern weiter nach Westen, in Richtung der krisengeplagten Xinjiang-Provinz.

Der letzte Wachturm der Chinesischen Mauer überragt den Lai-Fluss, auf der anderen Seite beginnt die Qilian-Bergkette mit ihren bis zu 5800 Meter hohen Gipfeln. Ein natürlicher Schutzschild, der die damaligen Baumeister hoffen ließ, vor Eindringlingen sicher zu sein.

"Du bist der erste Ausländer, den ich kennenlerne", sagt Hu. Eine verblüffende Aussage, schließlich arbeitet er jeden Wochentag am Bahnhof. Und ein guter Grund, um etwa alle 15 Meter ein gemeinsames Foto zu machen. Vor runden Lehmhütten, die an eine Star-Wars-Kulisse erinnern. Vor einer Skulptur saufender Soldaten aus der Tang-Dynastie, die sich nach der Schlacht mit Wein berauschen. Vor einer Sommerrodelbahn - Bespaßung muss ja immer sein an den besenreinen chinesischen Touristenattraktionen. Für mehr Spaß sorgen einige der Hinweis- und Ortsschilder dank ihrer charmant-dilettantischen Englisch-Übersetzungen. Während das "Chinglish" in vielen Großstädten mehr und mehr verloren geht, sind hier noch einige echte Stilblüten zu finden:

Fotos

Der Übersetzer dieses Hinweisschildes hatte an dem Tag vermutlich schon einen sehr langen Tag am Computer hinter sich.

Was wohl mit einem "Fist Frusta" gemeint ist? Dieses Straßenschild verweist auf das Endstück der Großen Mauer bei Jiayuguan.

Der Hinweis "Prohibit Characterization" erklärt sich dagegen mit dem Bild darüber – es ist verboten, Wörter auf die Mauern zu ritzen oder zu schreiben.

"Restiooms" für Herren: In den vergangenen Jahren hat die Verbreitung "chinglischer" Botschaften in China stark abgenommen – in abgelegenen Regionen findet man jedoch immer noch nette Stilblüten.

Kommen Sie näher: Ein paar Meter weiter findet sich diese Botschaft – zwar sprachlich korrekt, aber vor einem Pissoir durchaus ungewöhnlich: "A small step forward, a step of civilization."

Auch in Zügen findet sich manchmal noch die eine oder andere Stilblüte – mit "Stabilizing" ist der Aufenthalt in Bahnhöfen gemeint.

Nur an wenigen Stellen sieht man dem Mauerabschnitt in Jiayuguan die mehr als 600 Jahre an, die er auf dem Buckel hat. Das Bauwerk wurde aufwendig restauriert, sodass es wie neu wirkt und jegliche Aura des Historischen verloren hat. "Chinesen sind pragmatisch und mögen keine alten Dinge", sagt Hu. "Weil die leicht kaputtgehen, an arme Zeiten erinnern und unbequem sind. Wir verstehen nicht, warum manche Europäer lieber in alten Häusern wohnen als in modernen."

Ein Neubau nach altem Bauplan ist dieser Einstellung gemäß auch das berühmte Fort: frisch verputzte Wände, kein Blatt oder Staubkorn auf dem Boden, makellos gestrichene Holzplanken mit heroischen Malereien unter den prächtigen Dächern. Ein paar Handwerker verputzen gerade die letzte Ecke am östlichen Guanghua-Turm, wo die Hülle noch nicht perfekt ist. Befänden sich Angkor Wat oder die Cheops-Pyramide in China, vermutlich sähen sie aus, als seien sie soeben gebaut worden.

Die Tourismuswerbung hat das Jiayuguan-Fort zu einem der zehn schönsten Landschaftsdenkmäler Chinas erklärt. Vor dem Hintergrund der Berge im Süden mit ihren Schneegipfeln ist das Panorama tatsächlich sensationell. Im Osten und Norden dagegen sieht man Stahlfabriken und Elektrizitätswerke. Die Aussicht könnte schon bald noch einen weiteren Störer erhalten, der wohl kaum als Landschaftsdenkmal durchgehen wird: In der Nähe soll eine riesige Uran-Aufbereitungsanlage entstehen, groß genug, um Atommüll nicht nur aus China, sondern auch aus Nachbarländern zu verwerten. Vor großen Bauprojekten sind die Chinesen noch nie zurückgeschreckt.

Stephan Orth

Per Zug durch China

5500 Kilometer, eine Zeitzone: Stephan Orth reist per Zug quer durch China, von Ost nach West. Die achtteilige Serie führt von Shanghai bis in die entlegene Seidenstraßenstadt Kashgar – und durch ein Land voller Widersprüche und Extreme.

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Dieser Text entstand im Rahmen des China-Medienbotschafter-Programms der Robert Bosch Stiftung. medienbotschafter.com

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