Peruanische Anden Eisgipfel über dem Urwald

Bizarre Eisformationen, spektakuläre Grate: Die Gipfel der peruanischen Cordillera Blanca zählen zu den Schönsten der Welt. Der Extremkletterer und Bergfotograf Heinz Zak suchte zwischen Alpomayo und Huascaran wochenlang nach perfekten Motiven - mit Erfolg.

Von Robert Demmel


Heinz Zak ist in alpinen Angelegenheiten ein Experte – in vielerlei Hinsicht. Als extremer Felskletterer hat er sich einen Namen gemacht, vor allem daheim rund um Scharnitz, an der Überschallwand im Karwendel oder am Lafatscher, an der Schüsselkarspitze und im Oberreintal. Seine brillanten Bilder kennt jeder, der mit den Bergen auch nur im entferntesten etwas am Hut hat – atemberaubende Actionfotos aus steilsten Gemäuern und großartig inszenierte Landschaftsaufnahmen. Neuerdings gelten seine Vorlieben dem wackligen Balanceakt auf der Slackline – und mehr denn je den Bergen der Welt.

Zumindest hat Zak seinen letzten Bergsommer nicht zu Hause in den Alpen verbracht, sondern in den Anden Perus – unverschämte neun Wochen lang zum Trekking und Bergsteigen. Das Warming up holte er sich auf der Trekkingtour rund um die Cordillera Huayhuash. Dann waren die Fünf- und Sechstausender der Cordillera Blanca an der Reihe.

Zak hat eine Leidenschaft für diese Berge entwickelt, was freilich zu allererst mit seinem Fotografenherz zusammenhängt. Das tropische Hochgebirge bietet durch die Eleganz seiner Berge allein schon großartige Fotomotive. Hinzu kommt die Bequemlichkeit des Bergsteigers – vom zentralen Ausgangspunkt in Huaraz ist jedes Basislager in ein bis zwei Tagen erreichbar, nicht wie im Himalaja oder Karakorum, wo der Anmarsch zum Berg eine Reise für sich beansprucht und unter sechs Wochen Urlaub kaum ein hoher Gipfel zu haben ist.

Huaraz ist das Herz – das Mekka des andinen Bergsteigens, das Chamonix von Peru. In der 120.000 Einwohner zählenden Stadt im Tal des Rio Santa gibt es nichts, was es für Trekker und Bergsteiger nicht gibt. Die perfekte Infrastruktur mit Kneipen, Märkten, Hotels in (fast allen) Preisklassen, Pensionen, Bergführern, Agenturen und Veranstaltern. Von Huaraz aus lässt sich mit den entsprechenden Partnern nahezu jede Tour und jeder Trek organisieren, vom Tagesausflug zur Laguna Paron bis zur einwöchigen Expedition auf den Huascaran.

Von null auf 3000 Meter in wenigen Stunden

Die Anden-Stadt liegt auf 3100 Meter Höhe, sie wird in einer sieben- bis achtstündigen Busfahrt von Lima, also von null aus, erreicht. Ein guter Grund also sich hinreichend zu akklimatisieren.

Drei Tage sollten mindestens einkalkuliert werden, um einer späteren Höhenkrankheit erfolgreich vorzubeugen. Ausflüge gibt es genug rund um Huaraz, die Quellen von Monterey und Chancos, die über 1000 Jahre alte Tempel- und Wehranlage von Wilkawain, die sanften Hügel und Berge der Cordillera Negra, die in Halbtages- und Tagestouren auch mit dem Mountainbike bestens zu erkunden sind und überragende Aussichten auf die weißen Gipfel der Cordillera Blanca bieten.

Bikes gibt es übrigens mit bester Ausstattung sowie dem notwendigen Radl-Equipment bei Julio Orlaza zu leihen – Julio führt auch ausgesucht schöne Bike-Touren in die Cordillera Blanca (für all jene, die nicht genug Ziele zum Trekken und Bergsteigen finden).

Ist die Akklimatisation einmal erfolgreich abgeschlossen und die Traumtour entsprechend vorbereitet und organisiert, kann's losgehen.

Die Cordillera Blanca ist das höchste tropische Gebirge der Erde. Durch die senkrechte Sonneneinstrahlung bilden sich bizarre Eisgebilde aus, an den Graten dräuen mächtige Wechten. Die Gletscher sind je nach Verhältnissen meist recht spaltenreich – und leiden wie alle Eisfelder weltweit unter der fortschreitenden Klimaerwärmung. Dennoch sind die Verhältnisse auf den Gletschern grundsätzlich nicht erheblich problematischer geworden.

Allerdings hat sich eine Verschiebung der Saison ergeben: Während in früheren Jahren schon oft ab Mai/Juni gute Verhältnisse für Eis- und Hochtouren anzutreffen waren, liegt die Hochsaison nun im Juli (und meist noch im August). Im Juli gibt es häufig eine ein- bis zweiwöchige stabile Hochdrucklage, während im August schon wieder wechselhafteres und windigeres Wetter vorherrscht.

In der Regel ist damit zu rechnen, dass während der winterlichen Trockenzeit von Juni bis August der Himmel morgens weitgehend klar ist, während sich im Tagesverlauf wärmebedingt Wolken bilden und die Gipfel einhüllen. Schenkt man den Locals Glauben, ändert sich das Wetter oftmals zu Neumond für ein paar Tage, dann gibt es Wind und Niederschläge. Während zu Beginn der Saison allgemein die Nordseiten der Berge günstige Verhältnisse aufweisen, ziehen im Laufe der Wochen erst die Ost- und West-, zum Schluss hin die Südflanken der Berge nach.

Alpiner Höhepunkt Huascaran

Verglichen mit den großen asiatischen Gebirgen ist die Cordillera Blanca mit 180 Kilometern Länge und 20 Kilometern Breite eine Puppenstube. Dennoch lockt sie mit 25 Sechstausendern und weiteren 35 Gipfeln über 5700 Meter Höhe. Ein reichhaltiges Betätigungsfeld mit Routen für jeden Geschmack – von technisch relativ unproblematischen Wegen wie am Nevado Pisco bis hin zu absoluten Extrem-Krachern wie Chacraraju oder Ocshapalca.

Höhepunkt und einer der begehrtesten Gipfel der Cordillera Blanca ist der Doppelgipfel des Huascaran mit 6768 Metern. Nach dem Aconcagua und einigen Gipfeln im chilenisch-argentinischen Grenzgebiet ist er einer der höchsten Gipfel der westlichen Hemisphäre.

Für die ersten Gipfelschritte in der Cordillera Blanca eignet sich besonders das Ishincatal. Das Tal ist nicht weit von Huaraz entfernt, so dass das Basislager im Talschluss bequem in einem Tag erreicht werden kann. Mit den Nevados Ishinca und Urus stehen dort zwei technisch problemlose Fünftausender, die das ideale Vorprogramm für einen Sechstausender bilden. Auch mit dem kann das Tal aufwarten: Der Tocllaraju ist ein formschöner Gipfel, der sich von einem Gletschercamp gut angehen lässt.

Der Berg aus dem Paramount-Logo

Eine weitere ideale Kombinationsmöglichkeit bietet das Llanganucotal: Der Nevado Pisco, 5752 Meter, ist ein hoher Trekking- und Akklimatisationsgipfel mit einem überschaubaren und technisch einfachen Aufstieg von einem vorgeschobenen Moränencamp – und einer absolut irren Aussicht vom Gipfel. Danach lockt der Chopicalqui, ein sehr schöner und mit 6354 Metern sehr hoher Gipfel im Huascaran-Massiv.

Die Highlights in der Cordillera Blanca sind Alpamayo und Huascaran, zwei Berge, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Während ersterer an Eleganz und filigraner Schönheit kaum zu überbieten ist, wirkt der Huascaran eher wie ein grober Klotz. Beide sind auf ihren Normalrouten aufwendig, aber technisch nicht allzu anspruchsvoll zu erreichen, die gängigen Südwestwand-Routen am Alpamayo verlangen schon den versierten Steileisgeher. Ein absolutes Zuckerl ist der steile Kegel des Artesonraju, ein Bild von einem Berg, der unter anderem als Paramount-Logo in Hollywoods Filmindustrie Einzug gehalten hat.

Na, haben Sie Lust bekommen auf hohe und schöne Berge? Die Cordillera Blanca bietet ihnen davon mehr als genug. Ein Bergsteigerleben wird kaum reichen, um mehr als einen guten Überblick zu bekommen. Ach ja – wo Heinz Zak seinen nächsten Bergsommer verbringt, werden wir nicht verraten, aber die Cordillera Blanca könnte durchaus in der engeren Wahl sein.



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