Phillip Island Parade der Pinguine

Erst tauchen ihre Köpfe im Wasser auf, dann - wenn sich eine Gruppe Mutiger gefunden hat - schwärmen sie aus, über den Strand von Phillip Island, um zu ihren Nestern zurückzuwatscheln. Die allabendliche Prozession der Zwergpinguine gehört zu den meistbesuchten Attraktionen Australiens.


Cowes - Wo bleiben nur die Pinguine? Ein paar hundert Besucher am Summerland Beach stellen sich diese Frage. Sie alle sind nach Phillip Island im Süden des australischen Bundesstaates Victoria gekommen, um die kleinen Frackträger bei ihrer allabendlichen Prozession zu beobachten. Doch die Tiere spannen ihre Gäste auf die Folter. Irgendwann, als sich die Augen schon daran gewöhnt haben, dass da außer den Wellen nichts zu sehen ist, taucht der erste Kopf aus den Fluten auf, dann der zweite und der dritte. Ein Raunen geht durch die Menge - Bühne frei für die Stars des Abends.

Etwa 26.000 Pinguine leben auf Phillip Island, 2500 davon am Summerland Beach, erzählt der Ranger Richard Dakin. Schon seit gut 80 Jahren ist die jeden Abend zu beobachtende Rückkehr der Tiere von der offenen See zu ihren Nestern ein großes Touristenspektakel. Mehr als 520.000 Besucher im Jahr zählt der Phillip Island Nature Park an dem Strand ganz im Südwesten der Insel. Damit gehört die Parade zu den meistbesuchten Attraktionen des gesamten Fünften Kontinents.

Die Dämmerung weicht langsam der Dunkelheit, Scheinwerfer leuchten den Strand mit fahlem Licht aus - daran haben sich die Tiere schon lange gewöhnt. Der kleine Pinguin-Spähtrupp traut sich trotzdem noch nicht so recht aus der Brandung heraus. Die Vögel warten lieber ab, bis noch mehr von ihrer Art zur Stelle sind, um dann gemeinsam über den kühlen Sand in Richtung Hügel zu watscheln. "In der Gruppe fühlen sich die Pinguine sicherer", erläutert Dakin. "Angreifer wie zum Beispiel Füchse haben dann weniger Aussicht auf Erfolg."

So viel wie 74 Zwergpinguine

Die maximal 33 Zentimeter großen Zwergpinguine der Art Eudyptula Minor sind eine leichte Beute für Füchse und andere vom Menschen nach Australien eingeführte Tiere. Im Jahr 2000 wurden mehr als 300 tote Pinguine auf der Insel gefunden, die ihnen zum Opfer gefallen waren. Ziel der Parkverwaltung ist es daher, die Füchse auszurotten, lernen die Urlauber in dem Besucherzentrum. Hier werden Besucher über die Besonderheiten der kleinsten aller Pinguinarten informiert. Kinder können dort das Warten bis zur Dämmerung überbrücken, indem sie sich mit einer großen Pinguinfigur fotografieren lassen, während ihr Papa auf einer Spezialwaage erfährt, dass er so viel wiegt wie 74 Zwergpinguine.

Inzwischen watscheln die ersten Pinguingruppen im Eiltempo über den Summerland Beach, an dem auch im Sommer abends ein kalter Wind für Gänsehaut sorgen kann. Pullover werden angezogen, Reißverschlüsse von Jacken geschlossen. Fotografieren ist verboten, um die Tiere nicht zu stören. Einzelne Blitzlichter flammen trotzdem auf und zeigen den Rangern, wo sie mit mahnenden Worten einzuschreiten haben.

Bis zu 50 Kilometer haben die Tiere seit dem Morgen im Wasser zurückgelegt. Wie viele von ihnen draußen unterwegs sind und abends zur Parade antreten, hängt von der Jahreszeit ab. Am kleinsten ist der Tross im Juni, wenn im Schnitt nur gut 200 Pinguine aus den Wellen watscheln. Im Oktober sind es knapp 700 und im Dezember deutlich mehr als 1000, bevor die Zahl wieder sinkt. Ein Zwischenhoch gibt es noch einmal im April und Mai mit im Schnitt 500 Tieren am Abend.

Eine Stunde dauert die Rückkehr der Pinguine jetzt bereits. Die meisten Zuschauer haben die Tribünen am Strand inzwischen verlassen, auf einem Holzsteg geht es zurück in Richtung Parkplatz. Noch immer steigen einzelne Pinguingruppen aus dem kalten Wasser, huschen über den Sand und suchen nach ihren Nestern. Direkt neben und unter dem Steg ist das aufgeregte Geschnatter der Tiere zu hören. Die Pinguine sind keinen Meter entfernt - so nah wie hier kommen Menschen den flugunfähigen Vögeln selten. Das Publikum genießt es und ist trotz des kühlen Abends gut aufgelegt: Ein junges Paar imitiert die Watschelbewegungen und bekommt von den Umstehenden spontan Applaus.

90 Minuten von Melbourne-Zentrum entfernt

Viele Touristen fahren gleich nach der Parade von Phillip Island über eine Brücke zurück nach Melbourne, dabei gibt es hier noch mehr zu sehen: An der Südküste wird die Felsformation Pyramid Rock von der Brandung umspült, die kleine Inselhauptstadt Cowes ist eine Ferienidylle mit netten Frühstückspensionen, nur 90 Autominuten vom Zentrum Melbournes entfernt. Und dann ist da noch das Koala Conservation Centre im Inselinneren, wo Touristen den knuffigen Beuteltieren dabei zuschauen können, wie sie 20 Stunden am Tag schlafen und dösen und in der übrigen Zeit etwa 500 Gramm saftige Eukalyptusblätter vertilgen.

"Es gibt auf Phillip Island 35 Koalas hier im Centre und nur noch weniger als 100 in der freien Wildbahn", erzählt der Ranger Ashley Reed, während er Besucher über einen Holzsteg zu den Tieren führt. Der Steg steht auf vier bis fünf Meter hohen Pfählen, damit die Touristen auf Augenhöhe mit den in den Bäumen sitzenden Koalas sind.

Das Zuchtprogramm des Centres mit etwa vier Geburten pro Jahr wird jedoch nicht dazu genutzt, Koalas wieder auszuwildern. "Das ist nicht unsere Aufgabe, solange außerhalb des Schutzzauns die Probleme nicht gelöst sind", sagt Reed. "Seit 1997 gab es 42 tote Koalas auf der Insel, 28 davon auf der Straße. Die Leute fahren einfach zu schnell."

Dass das Auto inzwischen auch für die Pinguine zu einer Bedrohung geworden ist, zeigen Schilder auf dem Parkplatz am Summerland Beach: "Bitte schauen Sie unter den Wagen, bevor Sie losfahren". Manchmal kommen die watschelnden kleinen Tiere auf der Suche nach ihrem Nest in den Hügeln eben vom rechten Weg ab. Und so endet der Abend auf Phillip Island zumindest für die Autofahrer mit genau der gleichen Frage, mit der er schon begonnen hat: Ihr Pinguine, wo seid ihr?

Von Christian Röwekamp, gms



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