Pilgerfahrt in Mekka: Beten, shoppen, zaubern

Am letzten Tag des Hadsch holen die Pilger versäumte Riten nach - und wenden sich dann weltlicheren Dingen zu. Sie kaufen Uhren, Teppiche und Kameras. 900 Religionspolizisten wachen darüber, dass es dabei mit rechten Dingen zugeht. Bernhard Zand traf den für die Sicherheit zuständigen Scheich.

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Mekka: Gewusel in der Pilgerstadt

Die Nacht von Arafat, der spirituelle Höhepunkt des Hadsch, ist vorüber, zwei Millionen Menschen standen, fasteten und beteten draußen in der Ebene vor Mekka. Hier soll der Prophet seine letzte Predigt gehalten haben. Er sprach über die Einheit Gottes, über die Rechte der Männer über die Frauen und die der Frauen über den Mann. Er sprach über das Zinsverbot und erinnerte seine Gemeinde daran, dass es "keine Überlegenheit des Arabers über den Nicht-Araber, des Weißen über den Schwarzen noch des Schwarzen über den Weißen" gebe - ein lesenswertes Vermächtnis, schon weil es kurz und bündig ist.

Vor 114.000 Muslimen soll der Prophet gesprochen haben, und warum er sich so ausführlich mit Männern und Frauen, Arabern und Nicht-Arabern, Weißen und Schwarzen befasste, ist in Mekka leicht zu verstehen, heute noch leichter als damals. Die Stadt, zu der offiziell nur Muslime Zutritt haben, ist eine der unzugänglichsten und gleichzeitig offensten der Welt.

Vor allem im saudi-arabischen Vergleich. Während in Riad, Dammam und Dschidda Frauen grundsätzlich nicht ohne männlichen Geleitschutz unterwegs sein dürfen (eine Ärztin brachte einmal ihren 15-jährigen Sohn mit, als sie sich mit mir für ein Interview traf), bewegen sie sich in Mekka frei. Saudi-Arabiens Religionspolizisten sind für ihre bornierte Durchsetzung der Geschlechtertrennung berüchtigt. In Mekka haben sie kapituliert: Gestandene Türkinnen, Bosnierinnen oder Malaysierinnen nach Saudi-Manier zu kujonieren, wäre nicht nur mühsam - sondern wegen der großen Zahl der Pilger schlicht unpraktikabel.

Eine Iranerin spricht mich an - undenkbar vor einem Kaffeehaus in Riad

In einer Shopping Mall gegenüber der Großen Moschee steht eine sichtlich wohlhabende Iranerin im Starbuck's um einen Latte an - nicht in der formlosen schwarzen Abaja, wie sie die Frauen im Königreich tragen, sondern in einer mondänen und figurbetonten Variante. Sie spricht mich von sich aus an - undenkbar, wenn wir uns etwa vor einem Kaffeehaus in Riad begegneten -, erkundigt sich nach meiner Herkunft, politisiert über Obama und die Rede, die er im Juni an die Muslime hielt, und verdreht die Augen, als das Gespräch unvermeidlich auf Irans Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad kommt. "Wallahi", seufzt sie auf Arabisch, "jeder Europäer spricht mich auf diesen Mann an. Wie ich das leid bin."

Auch Oussama Rawas, 39, und Arif Rifai, 43, schlendern mit ihren Kaffeebechern durch die Mall. Rawas stammt aus dem Libanon und arbeitet als Ingenieur in Dallas; Rifai, ein gebürtiger Syrer, ist HNO-Arzt in Pensacola, Florida. Die beiden sind mit Dar El Salam Travel gekommen, und zwar mit dem V.I.P.-Programm des größten US-Veranstalters für Hadsch-Reisen: Houston-Dubai, Dubai-Medina, Medina-Mekka und zurück, zwölf Tage all inclusive, 15.000 Dollar pro Person. Sie teilen sich ein Zimmer im exklusiven Marwa Rayhaan Hotel und sind mit dem Standard sehr zufrieden. "Ok", räumt Rawas ein, "die Zimmerfenster gehen nach hinten raus, aber dafür haben wir beim Frühstück einen Blick auf die Große Moschee. Pretty impressive".

Mekka ist ein spiritueller Ort und für viele ein Shopping-Paradies

Sollten sie vorher nicht dazu gekommen sein, holen die Pilger an den beiden letzten Tagen des Hadsch ihre sieben Umrundungen ("Tawaf") der Kaaba nach. Ein Strom von Hunderttausenden fließt durch die Große Moschee; je näher an der Kaaba sich der Kreisel dreht, desto dichter ist er. "Ich habe meinen Dschihad fürs erste hinter mir", sagt Abd al-Asis Madschali, 29, auch er ein Hadschi aus den USA. "Hätte ich mich beim Tawaf nicht immer wieder schützend vor sie gestellt, zwei alte Frauen wären glatt tot getrampelt worden. Ich glaube, man könnte das besser und sicherer organisieren."

Nicht alle können sich ein Luxuszimmer wie Rawas und Rifai leisten, viele junge Pilger sind deshalb als Rucksack-Touristen unterwegs. Die Jordanier Maher Asis, 23, und Samir Misk, 30, haben auf dem Marmordach der Großen Moschee übernachtet und rollen am Morgen danach ihre Iso-Matten und Schlafsäcke zusammen. Es sei "dschamil wa chilly" hier oben, "schön und kühl", sagt Maher im typisch arabisch-englischen Slang seiner Generation. Er arbeitet in einem großen Supermarkt in der saudi-arabischen Ostprovinz. "Normalerweise hätten wir die Pilgerfahrt irgendwann später gemacht", sagt er, "doch da wir nun schon mal in Saudi-Arabien leben, machen wir es jetzt. Wer weiß, ob wir uns das später noch einmal leisten können."

Gegen Ende der fünf Hadsch-Tage gehen die Pilger aus der Phase der Kontemplation allmählich in einen weltlicheren Modus über. Mekka ist ein spiritueller Ort, doch seit Anbeginn der Zeiten auch ein Marktplatz. Vor allem Uhren, Schmuck, Kameras und Teppiche sind als Mitbringsel sehr beliebt - selbst Parfums, die während des Hadsch selbst "haram", also verboten sind.

Abertausende füllen nach dem Hadsch die Einkaufszentren; der Übergang vom Beten zum Shoppen, von der heiligen zu eiligen Stadt Mekka ist fließend. Gesten, Kulturen und Lebensstile vermischen sich, Menschen rempeln sich an, treten einander auf die Füße. Sie sind müde und erschöpft nach dem Hadsch, und es bleibt nicht aus, dass es zu Konflikten, Familienstreitigkeiten und mitunter handfesten Auseinandersetzungen wegen überhöhter Hotel- und Taxi-Rechnungen kommt.

Boss von 900 Polizisten in Mekka: Scheich Ahmed al-Ghamdi

Wenn etwas passiert, das über die Zuständigkeit von Polizei, Rettung und Feuerwehr hinausgeht, dann klingelt bei Scheich Ahmed al-Ghamdi, 45, das Telefon, dem Chef der 900 Religionspolizisten von Mekka oder, wie sein offizieller Titel lautet: dem Präsidenten der Behörde zur Beförderung der Tugend und zur Vermeidung des Lasters.

Scheich Ahmed trägt einen langen, über den Lippen kurz rasierten Vollbart, seine Dischdascha reicht nach frommer Sitte nur knapp bis zum Knöchel, und die Kuffija, das rotweiß gescheckte Kopftuch, trägt er stets ohne den Okal, den als Zeichen der Urbanität und Weltlichkeit geltenden schwarzen Haltering.

Im Gegensatz zu seinen grimmigen Kollegen, die sonst im Königreich aufpassen, dass junge Saudis und Saudinen einander nicht zu nahe kommen, haben es die Behörden in Mekka mit einer Bandbreite menschlicher Verhaltensweisen zu tun, wie sie nur die Sittendezernate großer Weltstädte kennen.

Das macht einerseits gelassen: Diebstahl, Prostitution, Vergewaltigung, Alkohol- und Drogenhandel zählt der Scheich an den Fingern seiner Linken ab. Solche Fälle gehen an die staatlichen Sicherheitsdienste und von dort an die islamische Gerichtsbarkeit. Die ist für drakonische und grausame Strafen berüchtigt; auch in der heiligen Stadt werden Menschen ausgepeitscht und hingerichtet.

"Unser Hauptproblem ist die Zauberei"

Doch es beunruhigt die Religionspolizei besonders, dass Mekka mit seinen Millionen Pilgern ein Einfallstor für Kräfte ist, die Männer wie Scheich Ahmed als subversiv empfinden: "Unser Hauptproblem ist die Zauberei", sagt er. "Es gibt über hundert Teufelsanbeter in dieser Stadt. Sie verfluchen und verwünschen Menschen - und sie verdienen Geld damit. Dieser Gefahr gilt unser größtes Augenmerk."

Am 9. November verurteilte ein Gericht in der Prophetenstadt Medina einen Libanesen wegen angeblicher Hexerei zum Tode, am 15. November eröffnete ein Gericht in Dschidda den Prozess gegen einen Saudi-Araber, der ein Buch über "Zauberei" ins Land geschmuggelt haben soll.

Kurz vor Beginn des Hadsch veröffentlichte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch einen Bericht über die steigende Zahl von Hexerei-Anklagen, "welche nur wage definiert sind und willkürlich angewendet werden".

Der Zeitpunkt war sicher mit Bedacht gewählt: Zum Hadsch spricht Saudi-Arabiens König Abdallah Ibn Abd al-Asis, der "Hüter der beiden heiligen Stätten", häufig Begnadigungen aus.

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DER SPIEGEL
Mekka ist die heiligste Stadt der Muslime: Jedes Jahr zieht die Geburtsstadt Mohammeds 2,5 Millionen Pilger an. SPIEGEL-Korrespondent Bernhard Zand hatte die seltene Gelegenheit, als westlicher Journalist Gläubige auf ihrer wichtigsten Reise zu begleiten.

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