Seit Monaten aber hängen zwei Zahlen und zwei Buchstaben wie eine dunkle Drohung über Mekka und dem Königreich: H1N1. Nirgendwo habe ich größere Angst, ja Panik vor der Schweinegrippe erlebt als in Saudi-Arabien. Allein der Name der Krankheit löst in diesem strikt schweinefreien Land Ekel und Hysterie aus. Auf den Flughäfen, in Hotellobbys, auf Plakatwänden entlang der Autobahnen, auf den Kopfstützen der Taxis - überall dieselbe Warnung: meidet Massen, meidet körperliche Nähe, schüttelt keine Hände!
Doch diese Ratschläge sind schwer umzusetzen in einem Land, in dem ein zögerlicher Gruß als grobe Beleidigung gilt. Und es ist schlicht unmöglich, sie während der muslimischen Pilgerfahrt Hadsch zu befolgen, der größten regelmäßigen Menschenversammlung auf dem Planeten.
Badia, in Mekka geboren, aufgewachsen und seit Jahren Korrespondent für eine Tageszeitung in Dschidda, zuckt die Achseln. Er hat in Mekka Schlimmeres gesehen. Mehr als 1400 Tote bei einer Brandkatastrophe 1990, Hunderte von Toten bei Massenpaniken seither. "Du kannst die Leute im Lagezentrum ja nach der Grippe fragen", sagt er. "Ich glaube, die haben ganz andere Sorgen."
Control Room wie bei der Nasa
Das Hadsch-Lagezentrum in Mina, wenige Kilometer vom Stadtzentrum Mekkas entfernt: ein Control Room wie bei der Nasa in Houston, der ganze Stolz des saudi-arabischen Innenministeriums und in der Tat eine erstaunliche logistische Zentrale. 120 Offiziere, die besten und belastbarsten des Königreichs, werden hier jedes Jahr zusammengezogen und bereiten sich acht Wochen lang auf den Hadsch vor. Zackige Gesten, gebügelte Uniformen, akkurat rasierte Bärte - Effizienz hat in Saudi-Arabien oft ein militärisches Gesicht.
"Was haben wir letztes Jahr falsch gemacht, was richtig?", fasst Generalmajor Chalid al-Schunaber, 52, die Phase der Vorbereitung zusammen. Ende, Mitte kommender Woche, wird die Auswertung stehen: "Welche Lektionen haben wir dieses Jahr gelernt?"
Dazwischen liegt der Hadsch 2009, und er verläuft, wie jedes Mal, ein wenig anders als beim letzten Mal.
Am Mittwoch , dem ersten Hadsch-Tag, regnet es. Das kommt in Mekka vor, nicht oft, doch wenn, dann meistens heftig. Mekka, Mina, Musdalifa und Arafat, die Hauptorte der Pilgerfahrt, bilden Täler und Talkessel, das Wasser läuft von überall zusammen, es gibt keine Vegetation, die es aufnehmen könnte. In der Hafenstadt Dschidda, 80 Kilometer entfernt am Roten Meer, kommen am Mittwochnachmittag mehrere Dutzend Menschen in der Flut ums Leben; in Mekka ist die Lage etwas entspannter, doch auch hier stehen die Pilger vielfach bis zu den nackten Knöcheln im Wasser.
1850 Kameras, 200 Monitore
Im Lagezentrum führt das zu hektischer Aktivität, und zwar zuerst in der Abteilung Gesundheit: Tausende von Rettungsfahrern werden noch einmal gebrieft, die Verfügbarkeit der Lazarettbetten gecheckt, die Zufahrtswege gesäubert. "Das kriegen wir in den Griff", sagt Generalmajor Schunaber.
Sein Auge ruht, während er spricht, immer auf seinem Hauptmonitor, einem von über 200 im Kontrollraum. 1850 Kameras sind auf die Pilgerscharen gerichtet, keine Rolltreppe, kein Tunnel, keine Ecke entgeht den Video-Offizieren.
Der kritischste Tag jedes Hadsch ist immer der dritte, denn an diesem Tag beginnt die symbolische Steinigung des Teufels. Sie findet an einer Stelle namens Dschamarat statt, einem Flaschenhals zwischen der Ebene von Mina und der Stadt Mekka. Diesmal ist dieser Tag noch kritischer als sonst, denn er fällt auf den Freitag. "Alle Pilger werden versuchen, das Freitagsgebet in der Großen Moschee in Mekka abzuhalten. Zwischen acht Uhr früh und Mittag wird es dort eng werden."
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