Pilgerfahrt in Mekka: Hadschis, Hightech und H1N1

Menschenmassen meiden! Keine Hände schütteln! Millionen Pilger in Mekka können solche Warnungen nicht befolgen. Die Angst vor der Schweinegrippe ist deshalb fast so groß wie die vor einem Anschlag. Ein futuristisches Sicherheitszentrum überwacht die Besucher - Bernhard Zand durfte es besuchen.

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Mekka: Videoüberwachung in der Pilgerstadt
Einen Augenblick lang zögern mein Kollege Badia und ich, bevor wir uns umarmen. Männer, die sich gut kennen und länger nicht gesehen haben, begrüßen sich in Saudi-Arabien sehr herzlich, jede Region nach ihrer eigenen Zeremonie. In Mekka gilt: einmal die rechte Wange, dann zweimal die linke.

Seit Monaten aber hängen zwei Zahlen und zwei Buchstaben wie eine dunkle Drohung über Mekka und dem Königreich: H1N1. Nirgendwo habe ich größere Angst, ja Panik vor der Schweinegrippe erlebt als in Saudi-Arabien. Allein der Name der Krankheit löst in diesem strikt schweinefreien Land Ekel und Hysterie aus. Auf den Flughäfen, in Hotellobbys, auf Plakatwänden entlang der Autobahnen, auf den Kopfstützen der Taxis - überall dieselbe Warnung: meidet Massen, meidet körperliche Nähe, schüttelt keine Hände!

Doch diese Ratschläge sind schwer umzusetzen in einem Land, in dem ein zögerlicher Gruß als grobe Beleidigung gilt. Und es ist schlicht unmöglich, sie während der muslimischen Pilgerfahrt Hadsch zu befolgen, der größten regelmäßigen Menschenversammlung auf dem Planeten.

Badia, in Mekka geboren, aufgewachsen und seit Jahren Korrespondent für eine Tageszeitung in Dschidda, zuckt die Achseln. Er hat in Mekka Schlimmeres gesehen. Mehr als 1400 Tote bei einer Brandkatastrophe 1990, Hunderte von Toten bei Massenpaniken seither. "Du kannst die Leute im Lagezentrum ja nach der Grippe fragen", sagt er. "Ich glaube, die haben ganz andere Sorgen."

Control Room wie bei der Nasa

Das Hadsch-Lagezentrum in Mina, wenige Kilometer vom Stadtzentrum Mekkas entfernt: ein Control Room wie bei der Nasa in Houston, der ganze Stolz des saudi-arabischen Innenministeriums und in der Tat eine erstaunliche logistische Zentrale. 120 Offiziere, die besten und belastbarsten des Königreichs, werden hier jedes Jahr zusammengezogen und bereiten sich acht Wochen lang auf den Hadsch vor. Zackige Gesten, gebügelte Uniformen, akkurat rasierte Bärte - Effizienz hat in Saudi-Arabien oft ein militärisches Gesicht.

"Was haben wir letztes Jahr falsch gemacht, was richtig?", fasst Generalmajor Chalid al-Schunaber, 52, die Phase der Vorbereitung zusammen. Ende, Mitte kommender Woche, wird die Auswertung stehen: "Welche Lektionen haben wir dieses Jahr gelernt?"

Dazwischen liegt der Hadsch 2009, und er verläuft, wie jedes Mal, ein wenig anders als beim letzten Mal.

Am Mittwoch , dem ersten Hadsch-Tag, regnet es. Das kommt in Mekka vor, nicht oft, doch wenn, dann meistens heftig. Mekka, Mina, Musdalifa und Arafat, die Hauptorte der Pilgerfahrt, bilden Täler und Talkessel, das Wasser läuft von überall zusammen, es gibt keine Vegetation, die es aufnehmen könnte. In der Hafenstadt Dschidda, 80 Kilometer entfernt am Roten Meer, kommen am Mittwochnachmittag mehrere Dutzend Menschen in der Flut ums Leben; in Mekka ist die Lage etwas entspannter, doch auch hier stehen die Pilger vielfach bis zu den nackten Knöcheln im Wasser.

1850 Kameras, 200 Monitore

Im Lagezentrum führt das zu hektischer Aktivität, und zwar zuerst in der Abteilung Gesundheit: Tausende von Rettungsfahrern werden noch einmal gebrieft, die Verfügbarkeit der Lazarettbetten gecheckt, die Zufahrtswege gesäubert. "Das kriegen wir in den Griff", sagt Generalmajor Schunaber.

Sein Auge ruht, während er spricht, immer auf seinem Hauptmonitor, einem von über 200 im Kontrollraum. 1850 Kameras sind auf die Pilgerscharen gerichtet, keine Rolltreppe, kein Tunnel, keine Ecke entgeht den Video-Offizieren.

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Mekka: Gewusel in der Pilgerstadt
Am Donnerstag, dem zweiten Tag des Hadsch, halten sich die Pilger überwiegend in Arafat auf, einer weitläufigen Ebene südöstlich von Mekka. Hier ist reichlich Platz für die Pilger, der Himmel hat aufgeklart, die Dinge scheinen ruhig zu verlaufen. "Wenn der Hadsch in den Sommer fällt", sagt Schunaber, "haben wir an diesem Tag oft Dutzende Hitzetote. Diese Zahl wird diesmal deutlich niedriger liegen."

Der kritischste Tag jedes Hadsch ist immer der dritte, denn an diesem Tag beginnt die symbolische Steinigung des Teufels. Sie findet an einer Stelle namens Dschamarat statt, einem Flaschenhals zwischen der Ebene von Mina und der Stadt Mekka. Diesmal ist dieser Tag noch kritischer als sonst, denn er fällt auf den Freitag. "Alle Pilger werden versuchen, das Freitagsgebet in der Großen Moschee in Mekka abzuhalten. Zwischen acht Uhr früh und Mittag wird es dort eng werden."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
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1. Widerspruch
mm01 26.11.2009
Hier treffen Steinzeit und das 21. Jahrhundert aufeinander. Allerding kann ich mir ein Schmunzeln im Zusammenhang Moslems und Schweinegrippe nur schwer verkneifen.
2. w
Gebetsmühle 26.11.2009
Zitat von mm01Hier treffen Steinzeit und das 21. Jahrhundert aufeinander. Allerding kann ich mir ein Schmunzeln im Zusammenhang Moslems und Schweinegrippe nur schwer verkneifen.
wir sollten uns über die religion anderer nicht abfällig äußern. die steinzeit findet auch in oberbayern statt.
3. Wusste ich noch nicht
mm01 26.11.2009
Zitat von Gebetsmühlewir sollten uns über die religion anderer nicht abfällig äußern. die steinzeit findet auch in oberbayern statt.
Ich habe mich über die Religion anderer nicht abfällig geäussert, aber Sie scheinen ja in dieser Beziehung sehr empfindlich und sofort beleidigt zu sein. Was die Steinzeit in Oberbayern betrifft, wäre ich um Aufklärung anhand von Tatsachen, aus Ihrer Sicht betrachtet, dankbar.
4.
Sheherazade, 26.11.2009
Der tunesische Präsident Ben Ali hat die tunesische Bevölkerung dazu aufgerufen, dieses Jahr wegen der Schweinegrippe nicht nach Mekka zu reisen. Jetzt hat er angeblich selbst die Schweinegrippe, obwohl er weder in Mekka war noch sonstwie seinen Präsidentenpalast verlassen hat. Was ich sagen will, ist: jeder kann diese Krankheit bekommen, sicher sind Schutzmassnahmen sinnvoll, aber garantieren können sie gar nichts.
5. Verbot
Ragnarrök 26.11.2009
Zitat von Gebetsmühlewir sollten uns über die religion anderer nicht abfällig äußern. die steinzeit findet auch in oberbayern statt.
Stimmt, das finde ich auch! Die Wahrheit und ein wenig Wissen reicht vollkommen aus: Nichtmuslimen ist das Betreten der *heiligen Stadt* strengstens verboten. ............Straßensperren schirmen die *Stadt* vor dem Besuch von Nichtmuslimen ab. Zitat Ende Hervorhebungen von mir. http://de.wikipedia.org/wiki/Mekka Wie nennt man das? Ich meine Glaubensrassismus. Auch fest zu vermuten an dem Autor des heutigen Berichts. Er ist Moslem geworden, weil seine Frau Muslimin ist. Es gibt eine Stelle im Koran, sucht sie selbst raus, in der gesagt wird, das zwar Männer auch Andersgläubige heiraten dürfen, aber Frauen nur MOSLEMS! 1. Weil Kinder, nach dem Koran, AUTOMATISCH die Religion des Vaters bekommen. 2. Wenn eine Muslima einen Andersgläubigen heiraten würde, hätte der Islam Schwund. Bekanntestes Beispiel ist Franck(?) Ribery (konvertiert). Gruß R.
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Mekka ist die heiligste Stadt der Muslime: Jedes Jahr zieht die Geburtsstadt Mohammeds 2,5 Millionen Pilger an. SPIEGEL-Korrespondent Bernhard Zand hatte die seltene Gelegenheit, als westlicher Journalist Gläubige auf ihrer wichtigsten Reise zu begleiten.

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