Pilgern in Syrien Meditation mit Skorpion

In der syrischen Wüste hat ein italienischer Mönch einen magischen Ort wiederbelebt: das Kloster Mar Musa an der ehemaligen Seidenstraße. Jugendliche aus aller Welt pilgern zu Pater Paolo. Hier ist jeder willkommen.

Christian Fuchs

Von Christian Fuchs


Dreihundertachtundneunzig Stufen noch bis zum Paradies. Hubert Lulkiewicz schiebt sich sein Kopftuch zurecht und schaut hoch zum Felsvorsprung des Antilibanon-Gebirges vor ihm. Die Sonne brennt mit 40 Celsius Grad auf Kopf, Arme und Schultern, ein Schweißtropfen hängt an seinem Kinn. "Jetzt nicht schon vor dem Aufstieg schwächeln", ruft der Politikstudent, zurrt seinen Rucksack noch fester auf seinem Rücken und nimmt die ersten Stufen der langen steilen Treppe, die durch ein Wadi auf den Berg führt.

Am Ende der Qualen wird ihn Deir Mar Musa el Habashi erwarten, ein christliches Kloster im Morgenland, nur umgeben von Geröll, monumentalen Felsen und Sand. Sehr viel Sand. Die nächstgelegene Stadt ist 30 Autominuten entfernt, sehen kann man sie von hier aus nicht.

Ein Reisebus hat Hubert und eine Gruppe polnischer Jugendlicher gerade in der syrischen Wüste ausgespuckt. Die Studenten aus Krakau und Warschau sind auf ihrer Pilgertour in Mar Musa gestrandet. Normalerweise ist es nicht ganz so einfach, das katholische Kloster inmitten des muslimischen Landes zu entdecken. Es gibt keine Werbung und keine öffentlichen Verkehrsmittel, die Besucher hierher bringen. Wenn man Glück hat, findet man ein Taxi in der Wüstenstadt Nebek, oder man trampt sich einen Wüsten-Highway entlang.

Doch die Strapazen lohnen sich. Aus grauen Sandsteinen erbaut, schmiegt sich das Kloster in den zerklüfteten Berg. Die jahrhundertealten Gemäuer strahlen eine Ruhe aus, die ungewöhnlich ist für das arabische Land mit seinen geschäftigen Souks, schreienden Straßenhändlern und hupenden Autos. Zehn Mönche und zwei Nonnen aus Italien, Frankreich und Syrien leben in Mar Musa. Sie kochen für die immer zahlreicher werdenden Gäste, stellen Ziegenkäse her oder pflanzen Olivenbäume in die karge Gegend.

Normal ist hier nichts

Hubert schleppt sich die letzten Meter den Berg hinauf, sein graues T-Shirt ist so nass, dass man meinen könnte, er hätte mit seinen Klamotten gebadet. Seine Wasserflasche ist leer, genauso wie seine Energiereserven nach 45 Minuten Aufstieg. Er muss seinen Rucksack abnehmen, um durch die Klosterpforte - nicht viel größer als eine Hundeklappe - hindurch kriechen zu können. Ein syrischer Mönchsnovize nimmt ihn in Empfang und reicht ein Glas mit kühlem Wasser.

So geht es den gesamten Tag über: Mal kommt ein Schweizer Pärchen, mal ein Jesuit aus Kanada oder Backpacker von Australien bis Malaysia. Sie bleiben für ein, zwei Tage, dürfen umsonst in den Gästezimmern übernachten und helfen als Dank beim Gemüseschneiden oder Abwaschen nach den gemeinsamen Mahlzeiten. Alles scheint perfekt eingespielt, aber normal ist hier nichts im Kloster.

Dass Nonnen und Mönche zusammenleben, gilt als seltenes Experiment innerhalb der katholischen Kirche. Während der Gebete werfen sich die in weißen Kutten gekleideten Mönche auf die Knie und reißen ihre Arme in die Höhe - eine Geste, die man eher aus Moscheen kennt.

Den besten Blick hat man von einer Holzterrasse, auf der orientalische Kissen und Teppiche zum Rumfläzen einladen. Im Klosterhof gackern Hühner, Katzen und Tauben versuchen etwas aus der Klosterküche abzustauben. Und: Gott heißt hier Allah. Die Verbindung von europäischer Religion und arabischem Leben hat viel mit dem Wiederentdecker von Mar Musa zu tun.

Als Padre Paolo Dall'Oglio vor über 25 Jahren aus Rom zum Meditieren nach Syrien kam, wurde er auf die Ruinen des ehemaligen Mönchsklosters aufmerksam. Über 150 Jahre lang war das Kloster ungenutzt und verfiel. "Damals meinten es die Skorpione und Schlangen gut mit mir, darum blieb ich", erinnert sich der Jesuitenpater. Er fand den Ort so anziehend, dass er mit Helfern aus Europa nach und nach Toiletten baute, Schlafstätten für Männer und Frauen und eine Seilbahn ins Tal.

Mit der Herberge an der ehemaligen Seidenstraße möchte Jesuit Paolo die Verständigung zwischen Christen und Muslimen fördern. Jeder ist im Kloster willkommen, auch bei den dreimal am Tag stattfindenden Messen und Andachten in der kleinen byzantinischen Basilika.

Meditation in den Nachtstunden

900 Jahre alte Fresken im Inneren der Kirche haben alle Sandstürme und die muslimische Herrschaftszeit überlebt. Ein Lichtschein dringt durch das Dach genau auf die Stelle, wo der schlichte Altar aufgebaut ist, goldene Ikonen hängen an den Wänden und Weihrauch in der Luft. Besucher aus aller Welt sitzen auf Orientteppichen auf dem Boden.

Nur im Schein von Kerzen nehmen am Abend alle gemeinsam am religiösen Abendmahl teil, gebetet wird auf Arabisch und Englisch - und heute auch auf Polnisch: Der Pfarrer aus Huberts polnischer Pilgergruppe darf ein paar Psalme sprechen. Nach der Andacht läutet ein Mönch die goldene Glocke, die zum Abendessen ruft. Es gibt frischen Ziegenkäse, Aprikosenmarmelade, Fladenbrot, Hummus und Tee. Und pünktlich um 22 Uhr löscht Pater Paolo das Licht in allen Gebäuden, dann ist Nachtruhe - Frauen und Männer schlafen strikt getrennt.

Bis zum ersten Gebet morgens um halb acht haben die internationalen Gäste nun Zeit für sich selbst. Viele nutzen die dunklen Stunden zur Meditation. Die Polen sind in ihre Schlafsäcke geschlüpft, einige murmeln noch Gebete, Hubert schlummert langsam ein. Rund um Mar Musa ist es jetzt so unnatürlich still, dass man jedes Geräusch hört.

Von weit her treibt der Wind das Gebell der Beduinen-Schäferhunde über die Klostermauern. Sie jaulen den Mond so leidenschaftlich an, dass man meinen könnte, sie bettelten Gott an, auch in Mar Musa eingelassen zu werden.

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