Pilgerberg in Kolumbien: Kraxeln am Karfreitag

Von Tobias Käufer

Schreiende Kinder, erschöpfte Eltern und rastlose Teenager: Der steile Pilgerweg auf den Berg Monserrate ist am Karfreitag für Zehntausende Einwohner Bogotás viel mehr als eine körperliche Herausforderung. Zum Glück wacht nicht nur Gott über die Gläubigen, sondern auch die Polizei. 

Bogotá: Pilgerpfad mit Polizeischutz Fotos
Tobias Käufer

Die ersten Besucher treffen sich schon gegen fünf Uhr früh am Fuß des Berges. Es sind die Monserrate-Profis, die dem Berg schon seit Jahren verfallen sind. Dann ist es zwar noch dunkel, aber immerhin leer. Die Jogger meistern den Aufstieg in einem atemberaubenden Tempo. Wie ein Uhrwerk spulen sie laufend die 1080 Stufen ab. Nach 35 Minuten, wenn die ersten Sonnenstrahlen die weiße Kapelle hoch oben auf dem Gipfel treffen, haben sie ihr Etappenziel erreicht. Ein kurzes Gebet, und es geht wieder zurück auf die Strecke, dann allerdings mit der Schwerkraft auf ihrer Seite.

Seit ein paar Monaten ist der Pilgerweg wieder geöffnet, heftige Regenfälle hatten den alten Gang unterspült und unpassierbar gemacht. Drei Jahre dauerten die Bauarbeiten, nun ist der Weg Richtung Gipfel wieder frei und die Neun-Millionen-Metropole Bogotá erinnert sich an diese alte Tradition. Vor allem in der "semana santa", wie in Lateinamerika die so wichtige Osterwoche heißt, erlebt der Cerro de Monserrate einen Run der Gipfelstürmer. Am Karfreitag klettern bis zu 25.000 Menschen den Berg hinauf.

Hoch oben auf knapp 3200 Meter Höhe über dem Meeresspiegel wartet nicht nur eine Kapelle, sondern auch ein historischer Kreuzweg, der das Leiden Jesu Christi darstellt. Es sind auffällig viele junge Menschen hier, der katholische Glaube ist in der kolumbianischen Kultur fest verwurzelt.

Der Weg zum Gipfel ist eine Tortur. Die dünne Höhenluft fordert ihren Tribut, immerhin liegt schon der Start auf 2600 Meter Höhe. Erfahrene Kletterer, für die der Aufstieg Routine ist, ziehen mühelos vorbei. Der große Rest aber kämpft mit jeder Stufe auf dem etwa zwei Meter breiten, mit hellen Sandsteinen gepflasterten Weg.

Freundliche Polizisten am Wegesrand

Schnell zeigt sich, wer körperlich fit und den Strapazen gewachsen ist und wer den Aufstieg bereut. Alle paar Minuten sitzen am Wegesrand erschöpfte Bergwanderer, die versuchen, in einer kurzen Pause Kraft zu tanken. Auffällig viele Polizisten säumen den Weg. In fast jeder Kurve ist eine der in olivgrüne Uniformen gesteckten Sicherheitskräfte präsent. "Guten Morgen, genießen Sie den Tag", rufen sie den Pilgern zu. Freundlichkeit gehört zum Geschäft, das neue boomende Bogotá erwartet die wachsenden Touristenströme gut vorbereitet.

Die Polizeipräsenz hat allerdings auch handfeste Gründe: In der Vergangenheit gab es zahlreiche Überfälle auf Pilger. Ein Sicherheitsmann berichtet, vor Wochen seien Räuber über einen der Berghänge nach oben geklettert und hätten die Gäste eines der beiden Restaurants überfallen. In der Osterwoche soll massive Polizeipräsenz böse Überraschungen für die vielen tausend Besucher vermeiden.

Ganz oben auf dem Gipfel des Cerro de Monserrate wartet Padre Sergio Duarte. Er tut Dienst in einer der höchstgelegenen Kirchen der Welt. Hier zelebriert er für die vielen tausend Besucher täglich mehrere Gottesdienste. Die Menschen kommen auch, um vor einer überlebensgroßen Holzskulptur des gefallenen Jesus aus dem Jahr 1640 zu beten.

Die Figur thront am Ende des Kirchenschiffes in mehreren Metern Höhe und gilt als eine der ältesten religiösen Kunstwerke Lateinamerikas. "Die Menschen verändern sich hier. Sie finden sehr schnell eine ganz besondere Stille, trotz all des Trubels hier. Plötzlich zählen keine Handys, keine Termine mehr. Sie sind in einer anderen Welt angekommen", sagt Duarte.

Bleiben Sie nicht stehen!

Kinder unter fünf Jahren, schwangere Frauen oder altersschwache Greise werden gleich zu Beginn des Aufstiegs von der Polizei herausgefischt. Ihnen wird der kräftezehrende Marsch nicht zugemutet. Duarte rät ungeübten Wanderern zur Vorsicht: "Gehen Sie den Weg nach Möglichkeit immer im gleichen langsamen Tempo. Bleiben Sie nicht stehen und beginnen Sie nicht zu schnell. Und ganz wichtig: Wasser. Viel Wasser. Nehmen Sie unbedingt Wasser mit."

Rund zwei Stunden braucht ein durchschnittlich trainierter Mensch, um die Bergwanderung zu meistern. Belohnt wird die Mühe mit einem atemberaubenden Blick über die kolumbianische Hauptstadt. Die junge Schülerin Lina ist mit ihren Freunden hier. Die 15-Jährige ist begeistert von der Atmosphäre: "Ich finde, dass man hier toll abschalten kann." Dass ihr Handy auf dem Weg nach oben kein Netz hat, stört die Teenagerin nicht. Sie lässt sich stattdessen beim Aufstieg von HipHop-Klängen aus dem Handy motivieren.

Wer oben angekommen ist, atmet erst einmal durch. Zwei Restaurants, eine Handvoll Imbissbuden und jede Menge Souvenirläden kämpfen um die erschöpfte Kundschaft. Fast alle Besucher hören den Predigten der zahlreichen Gottesdienste zu, auch die, die sonst eher keine Kirchgänger sind. Vielleicht liegt es daran, dass sie erst einmal eine Pause brauchen.

Nach ein paar Stunden weit über den Dächern der Stadt wählen die meisten Besucher den deutlich komfortableren Weg nach unten. Per Gondel oder Schweizer Seilbahn geht es in ein paar Minuten bergab bis zur Stadtgrenze von Bogotá. Das ist die bequemere, aber zugleich auch erlebnisärmere Variante.

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Gordis 07.04.2012
Zitat von sysopSchreiende Kinder, erschöpfte Eltern und rastlose Teenager: Der steile Pilgerweg auf den Berg Monserrate ist am Karfreitag für Zehntausende Einwohner Bogotás viel mehr als eine körperliche Herausforderung. Zum Glück wacht nicht nur Gott über die Gläubigen, sondern auch die Polizei. Pilgerberg in Kolumbien: Kraxeln am Karfreitag - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Reise (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,826059,00.html)
Der Spiegel bessert sich, das erste mal, das ein Bericht über Kolumbien nicht mit Krieg, Drogen, Mord und Totschlag zu tun hat. Und da gibt es so viel gutes und schönes über das Land zu berichten. Leider konnte ich Semana Santa nicht dort sein, aber zb in Buga, Valle, ist viel zu sehen.
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