Von Julia Stanek
Endloser Himmel über leuchtenden Hügeln. Steinböcke, die von Felsspitzen spähen. Bilder wie diese haben Israel-Reisende vor Augen, wenn sie sich eine Tour durch die Negev-Wüste ausmalen. Doch rund hundert Kilometer südlich von Jerusalem löst sich das Postkartenidyll aus den Hochglanzbroschüren in Luft auf, wie eine Fata Morgana, der man näher kommt. Die Reisegruppe, die sich an diesem bewölkten Frühlingstag in Richtung Negev aufgemacht hat, will mehr unternehmen als einen Ausflug in die Wüste. Sie reist in die Realität.
Das zumindest verspricht der Name des Trips, den die sieben Besucher aus den USA, Kanada und Deutschland gebucht haben: "Bedouin Reality Tour" heißt der Zehn-Stunden-Trip, zu dem Fred Schlomka immer samstags mit einer Handvoll Touristen aufbricht.
"Bereite dich auf Armut vor, von der du dachtest, sie existiere nur in Afrika oder Asien." Mit diesen Worten bewirbt Schlomka die Stippvisite bei Israels Beduinen auf seiner Website. Nein, malerisch ist die Welt nicht, die die Reisenden heute kennenlernen werden. Es ist eine Welt, in der Menschen so leben, wie sie leben sollen. Nicht wie sie leben wollen.
"Pässe dabei?" Mit dieser Frage begrüßt Fred Schlomka seine Gruppe um sieben Uhr morgens am Damaskus-Tor in Jerusalem. "Klar, sagt ein Tourist aus Kanada und zückt seinen Reisepass, sein Name ist Abu Nazir. "Gut so", sagt Schlomka, "die werdet ihr am Checkpoint brauchen."
"Ich mache keine Mainstream-Touren"
Der Weg in die Wüste führt zunächst vorbei an den sandsteinfarbenen Wohnhäusern, die Jerusalem zu einem einheitlichen Farbton verhelfen. Die Fahrt geht ein Stück weit entlang der Mauer, die die Altstadt mit ihren Minaretten und Kirchtürmen umzingelt. Wie Ausrufezeichen ragen sie aus der Silhouette der Stadt hervor. Doch Sakralarchitektur spielt bei diesem Ausflug keine Rolle. Schlomka deutet auf ein anderes Bauwerk hin, das am Straßenrand vorbeirauscht: den Sperrwall, der Israel vom Westjordanland trennt.
"Ich mache keine Mainstream-Touren", sagt der 58-jährige Israeli, der sein Unternehmen Green Olive Tours vor fünf Jahren gegründet hat. "Ich bringe Menschen an Orte, an denen sie den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis begreifen und die Kultur der hier lebenden Menschen kennenlernen." Nicht durch Medienberichte oder Bücher. Sondern durch eigenes Erleben. Es sind politisch explosive Orte wie Hebron im südlichen Westjordanland, das die Reisegruppe nun auf der Route 60 durchquert. Und ein solcher Ort ist der Checkpoint Metsadot Yehuda, über den sie das Palästinensergebiet nun wieder verlässt, um die Negev zu erreichen.
"Mit jemandem wie Abu an Bord werden wir garantiert gefilzt", sagt Schlomka, der am Steuer sitzt und den Kanadier auf dem Beifahrersitz nun anlacht. "Ich geb denen lieber gleich unsere Pässe."
Abu Nazir, dunkler Teint, Moslem, geboren in Guyana, ist kanadischer Staatsbürger, der in Ottawa lebt. "Du weißt nie, wer für die Grenzbeamten wie ein Verbrecher aussieht", sagt einer von Schlomkas Kollegen, der auch mit im Auto sitzt. Als eine Schranke den Minibus am Durchfahren hindert, öffnet Schlomka die Fenster und reicht einer Sicherheitsbeamtin die Pässe, einen nach dem anderen.
Die junge Frau lässt den Blick über die Gesichter der Wageninsassen wandern. Sie greift zum Hörer und schickt Schlomka und seine Gruppe zum Sicherheitscheck. Dort müssen alle Mitreisenden aussteigen und eine Sicherheitsschleuse wie am Flughafen passieren - samt Taschenscanner und Tastprozedur. In der Zwischenzeit öffnet ein Grenzer alle Türen, die Motor- und Heckklappe des Vans, so dass dieser aussieht wie ein Insekt, das seine Flügel von sich streckt. Er nimmt Staubproben von den Polstern, untersucht mit einem Spezialgerät Koffer- und Motorraum. Schließlich begutachtet er den Unterboden des Pkw, mit einem Stab, an dessen Ende ein Spiegel fixiert ist.
"Wir haben ja nichts verbrochen"
"Ich sehe ein, dass Sicherheit wichtig ist", sagt Abu Nazir, nachdem die Kontrolleure der Reisegruppe freie Fahrt signalisiert haben und sich der Van wieder auf der Straße befindet. "Aber so eine Überwachung dient wohl entweder zur Einschüchterung - oder sie basiert auf der Annahme, dass jemand etwas Böses im Schilde führt." Sorgen habe er sich keine gemacht, "wir haben ja nichts verbrochen." Er ist sogar froh, die Kontrolle am Checkpoint erlebt zu haben. "Ich kann jetzt verstehen, warum viele Leute in diesem Land frustriert sind." Frustriert darüber, wie Araber und Juden systematisch voneinander isoliert werden.
Hinter den Leitplanken der Schnellstraße liegt eine karge Landschaft, in die die israelische Regierung jüdische Siedlungen platziert hat. Wie Plastikhäuschen auf einem Monopoly-Spiel sitzen die Neubauten auf den Hügeln. "In den meisten jüdischen Siedlungen finden die Menschen alles, was man im Alltag braucht", sagt Schlomka mit starrem Blick auf die Straße. Es gebe Kindergärten, Ärzte, Geschäfte. "Doch die Mieten und Preise für Immobilien sind billiger als in Tel Aviv oder Jerusalem." So locke die israelische Regierung jüdische Familien hierher.
Inzwischen hat die Reisegruppe die Negev-Wüste erreicht. "Hier leben diejenigen, die zur am stärksten benachteiligten Schicht Israels gehören", sagt Schlomka, die Rede ist von den Beduinen. In den siebziger Jahren hat die Regierung angefangen, eigene Städte für sie zu bauen - ohne Grünflächen, Bibliotheken oder Gemeindezentren. Eine dieser Häuseransammlungen ist Kseifa, ein Ort, der nun am Straßenrand erscheint.
"Man kann Kseifa nicht mal eine Stadt nennen", sagt Schlomka mit Bitterkeit in seiner Stimme. "Township trifft es eher." So nennt auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch Orte wie Kseifa. Schlomka kämpft seit mehr als 20 Jahren für die Gleichberechtigung von Arabern und Juden im Staate Israel - und gegen die Diskriminierung der Beduinen. Er hat gegen Hauszerstörungen protestiert und eine NGO gegründet. "Israelis haben Städte für die Beduinen erreichtet", sagt Schlomka, "dabei wollen diese Menschen nicht in Apartments leben."
Wie die Menschen hier leben wollen, lernen die Reisenden auf einem Tiermarkt bei Kseifa. Hier verkaufen die Beduinen, die noch Land besitzen, Schafe und Ziegen, Auberginen und Falafel. Auch in einer Frauenkooperative in Likiyah erfahren die Touristen, wie ein traditionelles und selbstbestimmt Leben aussehen kann: In einer Spinnerei zeigen zwei Beduininnen, wie sie Wolle in mühsamer Handarbeit herstellen und Produkte fertigen, von deren Verkaufserlösen Frauenprojekte finanziert werden.
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