Pool-Hopping in Island Baden mit Björk

Einige sollen magische Kräfte haben, ihr Wasser gilt als Schönheitselixier: Islands heiße Quellen sind ein Traum für jeden Freund naturnaher Wellness. Bislang sind viele der "Hot Pots" allerdings Geheimtipps und nur Insidern bekannt - das will eine Initiative jetzt ändern.

Von Alva Gehrmann

Alva Gehrmann

Wer einmal drinnen sitzt, möchte eigentlich nie wieder raus. Gerade jetzt im Spätherbst, wenn die Schneeflocken in der Luft tanzen oder die Nordlichter den Abendhimmel in eine große Lightshow verwandeln, lässt es sich in den heißen Quellen Islands wunderbar entspannen. Bis zu 45 Grad sind die blubbernden Hot Pots warm, die einem Whirlpool ähneln. Es gibt sie neben den Schwimmbecken, in den Vorgärten der Wohnhäuser oder auch verstreut als natürliche Quellen in der einsamen Landschaft.

Die Vulkaninsel im Nordatlantik ist gesegnet mit Erdwärme, überall blubbert und brodelt es aus dem Boden. Fast jedes Dorf hat ein geothermal beheiztes Freibad oder nutzt in der Umgebung eine der vielen natürlichen heißen Quellen. Der "heitur pottur" ist ein wichtiges Kulturgut, quasi das Café der Isländer: Seit jeher tauscht man hier den neuesten Tratsch aus und diskutiert über die aktuelle Lage der Nation. Schon Snorri Sturluson, Politiker und Autor der berühmten Mythensammlung Snorra-Edda, traf Kollegen im 13. Jahrhundert zu hitzigen Debatten im Hot Pot.

Nun will die Non-Profit-Organisation Vatnavinir - zu Deutsch: Wasserfreunde - nachhaltigen Tourismus in ländlichen Regionen fördern. Zwar kennen die meisten Touristen die Blaue Lagune, einen geothermalen See mit wohltuendem milchigem Wasser im Niemandsland, doch nur wenige wissen um die Schönheit der vielen Dorf-Schwimmbäder.

Björk als prominente Unterstützerin

Und so kamen befreundete Architekten, Designer, Philosophen und Marketing-Experten eines Tages auf die Idee, gemeinsam das Projekt Vatnavinir zu gründen. Derzeit wird erstmals eine Landkarte erstellt, auf der nicht nur die klassischen Bäder vermerkt sind, sondern auch kleine Pools und einige natürliche Quellen.

Die im September 2008 gegründete Gruppe besteht aus Experten im Bereich Badekultur und Natur - auch Popsängerin Björk unterstützt das Projekt. Seit Jahren schon engagiert sich die berühmte Isländerin für den Umweltschutz. Sie demonstrierte gegen Europas größtes Staudamm-Projekt im Hochland und gab das Protestkonzert "Náttúra". Im Herbst 2008 organisierte Björk mit der Universität Reykjavík den Workshop "Spark!", auf dem sich neue nachhaltige Projekte vorstellen konnten - die Sängerin hatte von der Vatnavinir-Idee gehört und lud die Gruppe ein.

Der Vorteil an einer kleinen Gesellschaft wie Island mit seinen knapp 320.000 Einwohnern ist, dass die meisten sich kennen oder jemanden kennen, der behilflich sein kann. So kam auch Anna G. Sverrisdóttir zu Vatnavinir. Die 58-Jährige war früher Geschäftsführerin der Blauen Lagune, bei der Vatnavinir-Mitgründerin Olga Guðrún Sigfúsdóttir als Architektin arbeitete. Die Non-Profit-Organisation will nun gemeinsam das "Wellness Country Iceland" aufbauen: Zu ihrem Pilotprojekt gehören elf Bäder und Quellen in den abgelegenen Westfjorden, die saniert oder umgebaut werden sollen. "So bringen wir die Aufmerksamkeit auf neue Plätze, die viele Besucher sonst wohl nie entdecken würden", sagt Anna.

Die Isländerin macht von Reykjavík aus eine Tour zu den Westfjorden, sie will sehen, wie sich die Projekte entwickeln. Standesgemäß fährt sie in einem gut beheizten Jeep entlang der Fjorde und Buchten durch die herbstliche Landschaft mit spektakulären Panoramaausblicken. Irgendwo im Nirgendwo hält sie plötzlich an. Sie läuft von der Straße ein paar Meter die Wiese hoch und steht vor einer der vielen natürlichen Quellen. Ein kurzes Bad in der Naturbadewanne, und weiter geht's.

Natur-Wellness als Schnitzeljagd

Die meisten Quellen sollen ein Geheimnis bleiben und kommen daher nicht auf die Vatnavinir-Landkarte. Trotzdem darf sie natürlich jeder nutzen, der sie findet. Es ist ein bisschen wie eine Schnitzeljagd: Wer genau hinsieht, entdeckt immer wieder in der Einsamkeit kleine Bretterbuden zum Umziehen und die dazugehörigen Hot Pots.

Eine der ältesten Quellen aus dem 12. Jahrhundert ist hingegen leicht zu finden. Sie liegt in Heydalur, wo Stella Guðmundsdóttir und ihr Sohn Gísli Pálmason ein gemütliches Hotel betreiben. Die Familie macht auch beim Vatnavinir-Projekt mit. Schon jetzt nutzt sie die Wasserressourcen für das eigene Schwimmbad, das sich im alten Gewächshaus befindet. Der Besucher kann direkt neben Himbeersträuchern und Apfelbäumchen baden.

Vor dem Gewächshaus, das demnächst nach Entwürfen von Vatnavinir saniert werden soll, hat Gísli mithilfe von dicken Lavasteinen einen dreigeteilten Hot Pot errichtet. Der Mittvierziger ist ein zupackender Mann. Als die Architektin Olga und Vatnavinir-Mitbegründer Jörn Frenzel den Ort Heydalur besuchten, überlegten sie, wie man das Hotel mit der alten Quelle Galtarhryggslaug am anderen Ufer des Flusses verbinden soll. Der Besitzer schlug eine Brücke vor, doch dann kam den Architekten die Idee, aus großen Steinen einen Weg zu schaffen. "Unsere Philosophie lautet, dass einfache Lösungen manchmal besser sind", sagt Jörn. Den Architekten ist es wichtig, bei jedem Projekt abzuwägen, was zum jeweiligen Ort passt und den Teilnehmern selbst das Tempo für die Umsetzung zu überlassen.

Bei Gísli wird alles sofort erledigt. Der patente Isländer setzte sich an jenem Sommerabend direkt in seinen Bagger und karrte riesige Brocken an - innerhalb von zwei Stunden war der Pfad fertig. Der Fluss wird die Steine im nächsten Frühjahr wieder wegspülen, aber dann baut Gísli eben einen neuen. "Das ist die typisch isländische Tatkräftigkeit", sagt Anna während eines Bades in der wohlig warmen, historischen Quelle, die laut Hotelchefin Stella magische Kräfte haben soll. Bei der rund 70-Jährigen scheinen sie zu wirken, denn sie huscht noch recht flink durchs Restaurant und zaubert aus dem Lachs, den ihr Sohn heute frisch gefangenen hat, ein leckeres Abendessen. Das Hotel hat das ganze Jahr über geöffnet, die Familie bietet jetzt extra Nordlichter-Touren an.

Hot Pot im Fischcontainer

Jeder Wellness-Ort des Vatnavinir-Projektes hat seinen eigenen Charakter. Im Fischerdorf Drangsnes zum Beispiel baute die Bevölkerung aus ehemaligen, kleinen Fischcontainern Hot Pots, die direkt neben der Straße liegen. Hier treffen die Dorfbewohner nach Feierabend zum Plausch zusammen, manche mit einer Flasche Bier in der Hand. Da ständig warmes Wasser durch Schläuche in die Becken fließt, ist das Wasser stets frisch. Egal, wie das Wetter ist, in den Open-Air-Pötten lässt es sich immer entspannen. In manchen Quellen fühlt man sich wie in einer Miso-Suppe, das Wasser ist dort von Algen getrübt.

In Reykhóla hat man die Algen als Schönheitselixier entdeckt. Svanhildur Sigurðardóttir sitzt in ihrem privaten Hot Pot zu Hause und schöpft vom Grund der Wanne etwas grüne Paste. "Die Algen machen die Haut ganz geschmeidig", sagt sie, schnuppert daran und cremt sich ein. Tatsächlich fühlt die Haut sich nach dem Bad sehr weich an. Nächstes Jahr wollen Svanhildur und ihre Freundin Sólrún mit Hilfe der Vatnavinir-Crew die neue Badeanlage fertig haben, in der dann auch Touristen die wohltuende Wirkung genießen können.

Ganz im Norden der Westfjorde, wo die Straßen enden, liegt eines der schönsten Freibäder Islands: das 1953 erbaute Krossneslaug. Vom Beckenrand aus blickt man auf die grünen Wiesen, die Berge mit kleiner Schneehaube und das wenige Meter entfernte Meer. Auch Viktoría Rán Ólafsdóttir und ihr Mann Hlynur sind an diesem Tag zum Baden in die Einsamkeit gefahren. "Wir sind süchtig nach Pools", sagt Viktoría, die genau wie ihr Mann in der Region aufgewachsen ist. Dafür riskieren die beiden schon mal, in einen Schneesturm zu geraten, denn jetzt im Herbst und Winter kann es im hohen Norden ganz schön rau werden.

Doch die beiden 36-Jährigen haben den nötigen Respekt vor der gewaltigen Natur. "Im Winter, wenn man durch den Schnee stapfen muss, um in die Pools zu kommen, ist es für mich am schönsten", erzählt Hlynur. Meist hat der Besucher die Freibäder dann für sich alleine, kann die Ruhe und Wärme genießen. Bei 32 Grad Celsius Wassertemperatur schwimmen sie eine Bahn nach der anderen. Die Sonne glitzert auf der Wasseroberfläche, Dampf steigt auf. Rausgehen kann man ja immer noch - irgendwann mal.

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