Possum Pie aus Neuseeland: Staatsfeind in Blätterteig
Mit "Roadkill of the Day" warb ein Pub in Neuseelands wildem Westen - und bot in großem Stil Possum an. Das meistgehasste Tier des Landes gab es in den Varianten "Scheinwerfers Liebling" und "Errate den Matsch". Doch die Beschaffung des Fleisches spaltet die Nation: Heute ist der Laden geschlossen.
Vor wenigen Jahren noch war die Welt von Justine und Peter Salter etwas mehr in Ordnung. Damals konnten sie ohne größere Probleme Possums schnetzeln, in Blätterteig hüllen und in den Ofen schieben. Possum nennen die Neuseeländer die aus Australien eingeschleppte Beuteltierart Fuchskusu.
Die bis zu 60 Zentimeter großen Immigranten hatten in ihrer neuen Heimat keine Feinde - mit ihrem hemmungslosen Fress- und Vermehrungstrieb machten sie sich aber auch keine Freunde. Wer früher eins der katzenohrigen Tiere auf der Straße erwischte, legte gerne noch mal den Rückwärtsgang ein, um dem Schädling vollends den Garaus zu machen - so verhasst sind sie.
Vor wenigen Jahren noch war es für die Salters ein Leichtes, sich Possumfleisch zu besorgen und in ihrem Restaurant in Pukekura anzubieten. Ein Verkaufsschlager unter durchreisenden, neugierigen Touristen.
Pukekura (Einwohnerzahl: fünf) liegt am Highway 6, in der Mitte der Westküste der neuseeländischen Südinsel, mitten im Busch. Ein knallfarbenesbuntes Schild am Straßenrand kündet von "Food, Crafts, Museum", eine riesige Kriebelmücken-Skulptur baumelt vor der Fassade des Bushman's Centre.
Justine, eine kräftige 52-Jährige mit armeegrünem Top, braunen Locken und bestimmtem Blick, steht hinter dem Tresen des rustikalen Cafés mit Blockhüttencharme. "Also, das mit den Possums ist eine lange Geschichte", sagt sie und setzt sich erst mal auf ein Fuchskusufell. "Das mit den Possums" ist vor allem eine Geschichte eines Konflikts zwischen Jägern und Naturschutzbehörde, der Neuseeland seit Jahrzehnten spaltet.
"Scheinwerfers Liebling"
Da sind auf der einen Seite die Tierschutzbehörde, die Possums als Überträger der Rindertuberkulose identifiziert hat, sowie das DOC, das Departement of Conservation, verantwortlich für Natur- und Umweltschutz. Das DOC will möglichst alle nichteinheimischen Säugetiere eliminieren, die sich explosiv und auf Kosten einheimischer Vögel und Flora in kaum zugänglichen Wäldern vermehren. Dazu zählt es Kiwi-Killer wie Wiesel, Ratten und vor allem Possums.
Die Schädlingsbekämpfer beider Behörden verbreiten tonnenweise das Pestizid 1080 (Natriumfluoracetat). Die einzige Möglichkeit, der rund 30 Millionen Possums im Land Herr zu werden, und ohne Gefahr für die Menschen, erklären sie seit über 50 Jahren.
Und da ist auf der anderen Seite die große Fraktion der Jäger, die das Töten von Tieren, ohne sie zu verwerten, beklagt. Jäger wie Peter, die die Vergiftung von Trinkwasser und Kuhmilch fürchten und gruselige Bilder von jämmerlich zugrunde gegangenen Hirschkühen, Hunden und Vögeln zeigen. Der breite Einsatz von 1080 und die vorgeschriebenen Kontrollen für die kommerzielle Verwertung verhinderten es auch, sagt Justine, dass ihr Mann selbst das nötige Possumfleisch für ihre Küche erbeuten durfte.
Lange Jahre lautete die Lösung: die Firma Game Meats auf der Nordinsel. "Das Unternehmen durfte kontrolliertes Possumfleisch bis nach Asien verkaufen, wo die Beuteltiere als Katzen gelten", erzählt Justine. Die in Lancashire geborene Modedesignerin lernte ihren Mann vor 15 Jahren auf der Durchreise kennen und blieb an der einsamen und regnerischen Westcoast hängen. Das Paar hatte Erfolg mit ihrem "Roadkill of the Day", mit ihren zahlreichen Gerichten wie Possum-Curry, Possum-Burger, Possum-Paté und Possum Pie.
Der mit trockenem Humor begabte Peter erfand dazu Namen wie "Guess that Mess" (Errate den Matsch) - direkt vom Highway. Oder "Headlights Delight" (Scheinwerfers Liebling) und "Volved Venison" (Volvo-risiertes Wildbret) - auf schwedische Art. Im Restaurant "Puke Pub" direkt gegenüber dem Bushman's Centre servierten sie zudem Wild aller Art, darunter auch den "Bumper Bambi" (Stoßstangen-Bambi), einen Rehburger mit Salat und Pommes.
Spende für den Kampf gegen 1080
Doch dann kam vor zehn Jahren die Sars-Pandemie mit rund tausend Toten weltweit. Vermuteter Überträger: eine Katzenart. China und Co. stellten ihre Possum-Aufträge ein, Game Meats ging pleite. Die Salters landeten noch einen Coup: "Wir konnten sieben Tonnen Fleisch für ein Zehntel des Preises kaufen und in Riesenkühlschränken auf dem Hof einlagern." Fünf Jahre lang reichten ihre Vorräte. Dann war Schluss. Schluss auch mit dem reißenden Absatz in ihrem Restaurant.
Heute ist das "Puke Pub" geschlossen. Und das einzige Possum-Gericht, das im Café des Centre angeboten wird, ist "Peter's Possum Pie". "Alle drei Wochen fliege ich mit dem Helikopter zu meinen Possum-Fallen in den Busch", sagt der 63-jährige Peter. Dorthin, wo noch kein Gift die Possums erreicht haben soll. Justine fabriziert nach ihrem geheimgehaltenen Erfolgsrezept die gefüllten Teiglinge und gibt sie gegen eine Spende ab. Der Erlös soll Anwälte und Gerichtskosten im Kampf gegen 1080 finanzieren.
Das Geschmackserlebnis des Possum Pie im Übrigen ist... interessant. Wer englische Pies verehrt, wird wohl damit glücklich. Alle anderen werden vielleicht lieber auf "Bunny Burger" ausweichen. Zumal das Possumfleisch auf der Zunge einen eher unspektakulären Eindruck hinterlässt - eher geschmacklos mit der Konsistenz von Geflügel. Daher folgt hier eine selbst entwickelte, eingedeutschte Variation eines Possum Pie (oder wahlweise Chicken Pie):
- 1. Teil: Staatsfeind in Blätterteig
- 2. Teil: Zum Nachkochen: Das Possum-Pie-Rezept inspiriert durch Justine
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