Deutsche lieben Postkarten "Ich hab an Dich gedacht!"

Trotz Facebook und WhatsApp - über eine gute alte Postkarte freut sich jeder. Immerhin hat das Stück Papier schon einen Weg zurückgelegt und der Schreiber scheint sich mehr Mühe gegeben zu haben. Das Lieblingsmotiv der Deutschen ist seit Jahren dasselbe.

Postkarten im Ständer: Die Deutschen schreiben sie immer noch gern
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Postkarten im Ständer: Die Deutschen schreiben sie immer noch gern


Früher hat man von seinem Schwarm eine Kassette mit seinen Lieblingsliedern überspielt bekommen, heute werden einem Hits in die Dropbox geschoben. Früher bekam man Liebesbriefe, heute eine SMS oder WhatsApp-Nachricht mit einem kurzen, schnellen "HDL". Alles ganz nett, aber irgendwie scheint das Engagement zu fehlen.

Doch etwas Gutes haben die technischen Neuerungen: In unserer digitalisierten Welt bekommt etwas Persönliches, das man selbst geschrieben, gebastelt oder anderweitig kreiert hat, immer mehr Wert. Steckt im Briefkasten tatsächlich mal wieder ein handgeschriebener Brief oder eine Postkarte aus dem Urlaub, freut man sich heute noch mehr als früher darüber. Weil es schon beinahe old school ist. Und etwas Romantisches hat.

Denn mit sozialen Netzwerken wie Facebook oder Kurzmitteilungsdiensten wie WhatsApp gibt es eigentlich genügend Alternativen, um Urlaubsgrüße in Echtzeit, kostenlos und mit so viel oder wenig Kitsch zu verschicken, wie man selbst vertreten und der Empfänger vertragen kann. Aber die gute alte Ansichtskarte überlebt dennoch.

Wer Karten schreibt und einwirft, bemüht sich

Denn wer heute eine Postkarte schickt, sagt dem Empfänger damit: Du bist mir mehr wert, als dass ich dir nur einen unpersönlichen Urlaubsgruß schicken würde. Etwa ein Selfie von mir aus dem Urlaub, das ich mit einem "Hey Friends, hier auf Bali ist es super, ich vermiss euch. XOXO" an 30 Kontakte auf WhatsApp oder gleich an 500 Facebook-Freunde schicken würde.

Die Postkarte sei "etwas Besonderes", sagt auch Veit Didczuneit vom Museum für Kommunikation in Berlin, ein Experte für Brief- und Schreibgeschichte: Man muss sie auswählen, kaufen, schreiben und einwerfen.

"Das, was man schreibt, ist oft nachgeordnet", sagt Didczuneit. Denn mit einer Postkarte zeige man gleich zwei Dinge: "Schau mal, ich war hier, und ich habe an dich gedacht." Und es gibt noch einen großen Unterschied zu Facebook-Postings oder WhatsApp-Nachrichten: "Die Karte ist den Weg physisch gegangen", sagt Didczuneit.

Außerdem seien Postkarten nachhaltiger, weil der Empfänger sie länger behalte, meint Alexander Edenhofer, Sprecher der Deutschen Post. "Wer heftet sich schon eine SMS oder ein Facebook-Posting an den Kühlschrank?" Die meisten Postkarten seien während der Sommermonate unterwegs - als Urlaubsgruß. Etwa 151 Millionen Karten hat die Deutsche Post im gesamten Jahr 2013 befördert.

Robbe mit großen Augen: das Lieblings-Postkartenmotiv der Deutschen
Schöning Verlag

Robbe mit großen Augen: das Lieblings-Postkartenmotiv der Deutschen

Die Firma Schöning in Lübeck ist Deutschlands größter Postkartenhersteller. "Wir produzieren 25 Millionen Ansichtskarten pro Jahr", sagt Geschäftsführer Boris Hesse im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Hesse weiß auch, welches Motiv unsere Landsleute am liebsten verschicken. Es ist eine Robbe, die ihren Kopf aus der Nordsee reckt. "Die Karte scheint abgerissen zu sein, und auf der Seite steht: 'Ich habe an der See zu viel Geld ausgegeben, daher kann ich nur eine halbe Ansichtskarte senden'." Frauen würden mehr Karten verschicken als Männer, allgemein würden die Deutschen am meisten auf die Karten schreiben, sagt Hesse. "Die Deutschen geben sich noch Mühe beim Postkartenschreiben", findet er.

Nur 14 Prozent halten Postkarten für überholt

Tatsächlich halten nur 14 Prozent der Deutschen Postkarten in Zeiten von Facebook, Instagram und Co. einer Forsa-Umfrage zufolge für überholt. Allerdings senden die meisten Menschen ihre Urlaubsgrüße auf dem elektronischen Weg, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Aris ergab: 63 Prozent schreiben eine SMS, rufen an oder grüßen via Internet.

Gut die Hälfte der Deutschen nutzt soziale Medien auf Reisen, etwa 70 Prozent davon posten Neuigkeiten aus dem Urlaub etwa auf Facebook, wie das Reiseportal momondo.de herausfand. Urlaubsgrüße per Post verschickt der Aris-Umfrage zufolge die Hälfte der Deutschen.

Aber auch Menschen, die sich überhaupt nicht kennen, senden einander Grüße per Postkarte - sie machen beim sogenannten Postcrossing mit. So funktioniert's: Für jede verschickte Karte bekommt man eine von einem anderen Postcrosser von irgendwo her zurück. Seit dem Start des Projekts 2005 sind auf diesem Weg mehr als 25 Millionen Postkarten aus fast jedem Land der Welt verschickt worden. Organisiert wird das Ganze über eine Plattform im Internet. "Bei Postcrossing verschicken die Deutschen die meisten Karten", sagt Hesse.

Post per App verschicken

Die traditionelle Postkarte scheint sich allgemein besser mit dem Internet zu vertragen, als man annehmen könnte: Auf verschiedenen Webseiten können Urlauber Postkarten selbst gestalten und verschicken - auf manchen Seiten als Online-Postkarte, bei anderen Anbietern auf dem herkömmlichen Weg per Post.

Funcard etwa ist die offizielle App der deutschen Post. Damit kann man individuelle Karten mit eigenen Urlaubsbildern mit dem Handy erstellen, mit Rahmen und kleinen Zeichnungen verschönern - und dann versenden. Registrieren muss man sich nicht, bezahlt wird per Kreditkarte, PayPal oder Clickandbuy. Eine Karte innerhalb der Landes zu verschicken kostet 1,90 Euro, weltweit zwei. Zwar mit gedruckten statt mit geschriebenen Zeilen, aber dafür mit Foto. Und ein Stempel ist auch drauf. Theoretisch kann man dem oder der Liebsten auch von Deutschland aus eine Karte aus Paris schicken - der Stadt der Liebe. Romantik im Jahr 2014.

Elena Zelle/dpa/jkö

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
forumgehts? 20.08.2014
1. Ich
habe mir die Postkarterei schon sehr früh abewöhnt aus folgendem Grund Als ich noch schrieb und jd. vergessen hatte: "Du hättest mir doch wenigstens eine Postkarte schreiben können!" Beleidigte Mine. Als ich nicht mehr schreib: "Der schreibt nie!" Achselzucken.
Bundeskanzler20XX 20.08.2014
2. Standard
Zitat von forumgehts?habe mir die Postkarterei schon sehr früh abewöhnt aus folgendem Grund Als ich noch schrieb und jd. vergessen hatte: "Du hättest mir doch wenigstens eine Postkarte schreiben können!" Beleidigte Mine. Als ich nicht mehr schreib: "Der schreibt nie!" Achselzucken.
Ja so ist das wohl, genau wie mit Freunden und Bekannten die man längere Zeit nicht gesprochen hat, die begegnen einem oft mit dem Spruch: "Du hättest dich ja auch mal melden können." Selbst wenn man als erster angerufen hat... Ob sie denn von den beleidigten auch regelmäßig eine Karte im Briefkasten hatten... ich wette nicht ;o)
genugistgenug 20.08.2014
3. schnell entwöhnt
vom Postkartenschreiben war ich im allerersten Urlaub bereits entwöhnt - nachdem ich zusammengerechnet habe dass ich für dieses Geld eine zusätzliche Nacht in einem bed&breakfast hätte leisten können. Zur Sicherheit im nächsten Urlaub noch getestet - es ist niemanden aufgefallen dass deutsche Briefmarken/Stempel auf den Postkarten klebten und seitdem kriegt jeder den Spruch 'ich mache was besseres wie Postkarten, ich trinke ein Glas auf deine Gesundheit' und Ruhe ist PS Postkarten werden trotzdem gekauft denn so schöne Bilder kriegt man allerseltenst hin
karend 20.08.2014
4. Postkarten
Ich gehöre zu denjenigen, die immer noch Postkarten kaufen (oder schöne Edgar Cards mitnehmen), schreiben und verschicken - zum Geburtstag, zu Weihnachten, Ostern und zwischendurch. Wenn ich eine erhalte, erfreut es mich.
Idontcareaboutanything 21.08.2014
5.
Hatten in der Vergangenheit u.a. Schwager & Schwägerin neben Karten zu Feiertagen und Geburtstagen auch Urlaubskarten gesendet. Ein "Danke" oder "schön, dass ihr an uns gedacht habt", kam leider nie. Auf Nachfrage, kam lediglich ein "darauf legen wir kein Wert". Und ich lege auf diese Art Menschen kein Wert.
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