"QE2": Die Gentlemen bitten zum Tanz

Von Zora del Buono

Der Luxusliner "Queen Elizabeth 2" verwöhnt allein reisende Damen mit einem besonderen Service: Auf dem Parkett des "Queens Room" stehen liebenswürdige Tanzpartner zu ihren Diensten. Manche der Ladys, so sagt man, gehen nur wegen dieser Herren auf Atlantikreise.

Gepflegte Unterhalter: Don Baker, Lyonel Southwell, John Banfield, John Parr, John Brkljacic und Howard Calvert
Cristina Piza

Gepflegte Unterhalter: Don Baker, Lyonel Southwell, John Banfield, John Parr, John Brkljacic und Howard Calvert

Wäre der Atlantik doch breiter. Oder wäre dieser Dampfer nur langsamer - wir könnten endlos tanzen. Zwischen dem englischen Southampton und New York liegen rund 2800 Seemeilen. Für diese Strecke benötigt die "Queen Elizabeth 2" sechs Tage. Sechs Tage, das sind fünf Nächte. Und die fünf Nächte gehören uns. Uns und dem halben Dutzend Männer, das nur dafür an Bord ist, uns zu beglücken. Nein, nicht diese Art von Glück. Es geht um eine andere Befriedigung, eine, die in direktem Zusammenhang mit Foxtrott Walzer Rumba Samba steht. Auf der Fahrt über den Atlantik sind wir derer 40; alles Frauen mit derselben Neigung.

Jeder, der sich unter Glück etwas anderes als Tanzen vorstellt, irrt. Das hier ist kein Eheanbahnungsinstitut. Und jeder, der denkt, dass einsame Witwen trostlos dasitzen und sich langweilen, irrt ebenfalls. Die gibt es auf der "QE 2" wahrscheinlich auch. Aber nicht im "Queens Room". Nicht um die Tanzfläche herum. Dieses Schiff mag alt und abgetakelt sein. Wir mögen alt und aufgetakelt sein. Aber ohne Zweifel, auf diesem Parkett schlägt glühend noch das Herz eines Luxusliners.

Sie heißen John Don Howard Lyonel John John. Das steht auf goldenen Schildchen an ihren Jacketts. Daneben ist zu lesen: Gentleman Host. Wir sind viele. Sie sind die Einzelnen. Ihre Aufgabe ist es, uns das Gefühl zu geben, wir seien alle Königinnen. Die miserabelste Tänzerin, die Schüchterne, die wie zufällig an einer Säule lehnt, die starr blickende Gattin, deren Mann keinerlei Anstalten unternimmt, sie aufs Parkett zu bitten: alle wollen wir gleich behandelt werden. Alle wollen wir aufgefordert werden. Und keine will Mauerblümchen sein, nicht an traurige Momente in pubertären Tanzschulzeiten erinnert werden.

Aber auch wir werden im Laufe einer Atlantiküberquerung zu Einzelnen. Und wir werden wählerisch: Quickstep am liebsten mit John dem Kroaten, der wohl nicht immer John hieß; Cha-Cha-Cha ist o.k. mit John dem Schnalzer; und John der Waliser mit den geschlossenen Augen und den Manschettenknöpfen mit dem Wappen seiner Heimat, John also tanzt die Rumba elegisch European style - wie wunderbar.

Genauso, wie wir wählerisch werden, würden sie es auch - wenn sie nur dürften. Ihre Aufgabe jedoch ist scharf umrissen: mittags bei der Tanzstunde mit den Anfängerinnen die immer gleichen Grundschritte üben. Nachts eine Stunde und 30 Minuten lang die Damen übers Parkett führen. Drei Tänze pro Abend pro Frau sind erlaubt. Mehr nicht, das könnte zu Unzufriedenheiten führen, und Unzufriedenheiten könnten Klagen folgen. Und alle Klagen landen letzten Endes bei Tomas.

Großartige Tänzerinnen und hoffnungslos Unbegabte - sie wollen nur das eine: elegant über das Parkett geführt werden
Cristina Piza

Großartige Tänzerinnen und hoffnungslos Unbegabte - sie wollen nur das eine: elegant über das Parkett geführt werden

Tomas, dieser Name flirrt durch den Raum wie ein giftiger Pfeil. Tomas ist der Unterhaltungsdirektor, und er wacht über den "Queens Room" wie eine Königin über ihre Entourage. Er warnt die Hosts vor "gewissen Frauen", er spricht durch die Blume und ist doch nur zu deutlich. Verfehlungen werden nicht toleriert, und mit Verfehlungen sind neben Unpünktlichkeit vor allem Exzesse jeder Art gemeint. Die Regeln sind klar, und keiner zweifelt sie an. Wer Gentleman Host werden will, muss schriftlich bestätigen: Intime Beziehungen mit Passagieren und Crew beiderlei Geschlechts sind nicht erlaubt.

Auf diesem Schiff nämlich gibt sich vornehm, auch wer es nicht ist. Und zur Vornehmheit gehört Keuschheit, vordergründig. Was im Geheimen passiert, ist eine andere Sache. Hier wird große Welt gespielt, große alte englische Welt. Sie ist falsch, diese vornehme Welt. Man braucht ein paar Tage, um das zu durchschauen. Zu viele Abendkleider mit zu tiefen Ausschnitten werden in der Cocktailbar vorgeführt. Und ein Smoking allein reicht eben nicht aus, um zur Gesellschaft zu gehören. Von der Baseballmütze auf blondiertem amerikanischem Frauenhaar beim Mittagessen ganz zu schweigen.

Uns ist das letztlich gleichgültig. Sicherlich registriert die eine oder andere, dass der mondäne Zauber langsam verblasst und durch einen verkommenen Charme ersetzt wird. Wir schaffen uns unseren eigenen Zauber. Die zu tiefen Dekolletés, die billigen Fähnchen, die leicht schiefen Absätze, sie streben genauso auf die Tanzfläche wie die Roben und Accessoires von Chanel Gucci Hermès Prada.

 seither bereist er die Welt
Cristina Piza

seither bereist er die Welt

Der älteste der drei Johns wird gleich dieses "poor little girl from Bombay" aufs Parkett bitten. Das arme kleine indische Mädchen ist eine geschmackvoll gekleidete Frau Mitte 50, die für die Überfahrt 2800 Euro bezahlt hat. Es ist mitleidvolle Sympathie, die John antreibt, die unbegabte Tänzerin aufzufordern. Es gibt eine Einzige, deren Rhythmusgefühl noch schlechter, deren Bewegungen noch ungelenker sind: eine dunkelhaarige, attraktive Mittvierzigerin aus San Francisco. Alles wird registriert, vieles gedacht, weniges kommentiert - "das arme Ding, so jung und schon solche Krampfadern. Na ja, drum trägt sie ja auch schwarze Strümpfe". John schnalzt unablässig mit der Zunge, versucht die Taktlose wieder in den Takt zu bringen und wird später charmant von "kultureller Differenz" sprechen. Die Augen der Frau funkeln. Wie alle, die wir uns Abend für Abend um 22 Uhr hier einfinden und einer konspirativ wirkenden Gruppe anzugehören scheinen, strahlt sie.

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