Quilotoa-Lagune in Ecuador Rushhour mit Lama

Meerschweinchen-Gequieke zum Frühstück, Lamas mit Kuschelfell: So zahm wie seine tierischen Bewohner ist auch der Vulkan unterm Quilotoa-See. Südlich von Ecuadors Hauptstadt Quito können sich Besucher auf eine idyllische Wanderung begeben - und mitten in den Hochanden shoppen gehen

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Eine Welle drückt sich durch das grünblaue Wasser, dunkle Konturen zeichnen sich auf der Oberfläche der Quilotoa-Lagune ab. Für einen Moment scheint es, als würde sich gleich ein großer Fisch zeigen, um die Besucher zu erschrecken. Aber es gibt hier keine Fische. Kein einziges Tier lebt in dem Kratersee. Wenn sich sein Wasser bewegt, dann ist der Passatwind dafür verantwortlich - wenn sich ein Muster abzeichnet, dann sind es die Schatten der Wolken. Wer genau hinsieht, der entdeckt ein paar CO2-Blasen, die der Vulkan sanft nach oben bläst. So als wolle er beweisen: Ja, ich lebe noch.

Wer hier jedoch auf ein Abenteuer mit Lava-Spektakel hofft, ist fehl am Platze: Am Quilotoa ist es wunderbar friedlich. Geweckt wird man in der kleinen Lodge am Kraterrand vom munteren Geschnatter der Gänse und vom Quietschen der Meerschweinchen, die hier in einem Gehege wohnen und nicht - wie sonst in Ecuador üblich - verspeist werden.

Weitaus größere Tiere entdeckt man bei einer See-Umrundung. Überall krabbeln kuschelige Lämmer, schwarze Ferkel, Ziegenkinder mit langen Ohren, Hundewelpen und sanftäugige Fohlen umher. Grasbüschel, die aussehen wie Gamsbärte, wachsen auf den Hügeln und froschfußförmige Flechten sonnen sich auf den Steinen.

Der Abstieg zum Kratersee fühlt sich an wie eine Wanderung durch den Tiefschnee - mit dem Unterschied, dass es hier gewaltig staubt: Die meiste Zeit schlittert man durch Vulkanasche und Sand. Obwohl heute kaum eine Menschenseele an der Laguna unterwegs ist, zeugen die eingeritzten Tuffstein-Wände von den vielen Besuchern, die von der "Straße der Vulkane" aus einen Abstecher hierher gewagt haben. Zwar warten ein Motor- und ein Tretboot sowie mehrere Kanus auf Besucher, aber heute will keiner ihre Dienste wahrnehmen.

Das Kraterloch liegt 175 Kilometer südöstlich von Ecuadors Hauptstadt Quito und auf über 3800 Meter Höhe. Es ist berühmt für seine ständig wechselnden Farben: Mal schimmert das Wasser grün oder türkis, dann blau oder braun, und manchmal sieht das Wasser ganz schwarz aus.

Dass in der Laguna kein Fisch lebt, hat einen Grund: Was sich hier über die Jahrhunderte in dieser Vulkanschüssel angesammelt hat, ist mineralhaltiges Regenwasser. Die Indianer nennen es verächtlich "aqua salada", Salzwasser, treiben aber tapfer zweimal täglich ihre Schafbestände hinab zum Trinken. Zu dieser Zeit kommt es in den engen Schluchten zu einer richtigen "Schaf-Rushhour", denn hinunter zum See gibt es dank eines Bergrutsches vor vielen Jahren nur einen Zugang.

Zurück auf dem Kraterrand begegnen Wanderer Menschen, die sich über Besuch in ihrem beschaulichen Dorf freuen und manchmal sogar zu einer Partie Volleyball einladen - der Sport gilt fast als Nationalsport in Ecuador.

Umschlagplatz für Lamas und Wackelpudding

Wer sich nach der stundenlangen Wanderung nicht nochmal sportlich betätigen will, erkundet den kleinen Ort: Neben einigen winzigen Ein-Raum-Läden, vollgestopft mit Zigaretten, Cola-Flaschen und Süßigkeiten, gibt es ein paar Marktstände, an denen die Frauen selbstgestrickte Handschuhe und Mützen verkaufen.

Nur samstags kommt Unruhe auf, dann kommen die feinsten Umhänge und Jägerhüte mit Feder aus dem Schrank, um den Markt im nahe gelegenen Ort Zumbahua zu besuchen. Wer ein Lama kaufen möchte, der sollte früh aufstehen, denn ab vier Uhr morgens wird hier auf dem Tiermarkt verhandelt. Kein Wunder - schließlich ist dies hier der größte Umschlagplatz für Lamas in ganz Ecuador.

Außerdem findet man hier Bananen in allen Farben und Formen, frittierte Schweineköpfe, Gummistiefel, Nudeln, Reis und Mehl, Unterwäsche, haufenweise Melonen und Gewürze. Zur Stärkung trägt ein Mann Becher mit Wackelpudding und Sahne auf einem Tablett herum, stets umringt von einer Traube Kinder, die darauf hoffen, ein Pudding möge vom Tablett rutschen.

Um den bunten Markt hat sich die Natur jedoch auf ein übersichtliches Farbkonzept geeinigt. Die Páramos, wie diese Landschaft hier genannt wird, leuchtet gelb-grau, die sanften Hügel sehen aus wie eine große Decke aus Cordstoff. Vereinzelt ragen riesige Granitspitzen aus dem Boden, und aufgrund der Passatwinde wachsen hier wenige Kiefern oder Eukalyptusbäume.

Nur die kleinen weißen und orangefarbenen Blüten setzen Akzente. In der Ferne ragen die beiden Berggipfel Iliniza norte und Iliniza sur in den Himmel, und bei gutem Wetter könnte man sogar den 5897 Meter hohen Cotopaxi sehen.

Für diesen Anlass hat der Lodge-Besitzer extra ein Teleskop am Fenster aufgebaut. Doch die besten Plätze in dem gemütlichen Aufenthaltsraum sind direkt vor dem offenen Kamin. Die Wände sind mit Papageien, Lamas und Hühnern bemalt, über dem Ofen hängen Tiermasken, Panflöten und ein ewig währender Adventskranz mit roten und goldenen Kugeln - so kommt selbst in den Hochanden etwas Weihnachtsstimmung auf.

Julia Rothhaas, SRT

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
sackpfeife 07.12.2011
1.
Zitat von sysopMeerschweinchen-Gequieke zum Frühstück, Lamas mit Kuschelfell: So zahm wie seine Bewohner ist auch der Vulkan unterm Quilotoa-See. Südlich von Ecuadors Hauptstadt Quito können sich Besucher auf eine idyllische Wanderung machen - und mitten in den Hochanden shoppen gehen. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,802063,00.html
Der Blick von oben ist wirklich traumhaft, ich war vor etwa 10 Jahren da. Aber was soll man jetzt diskutieren? Mich würde nur interessieren, was der Autor mit "stundenlanger Wanderung" meint. Der Abstieg zum See hat 20 min gedauert, der Aufstieg eine Dreiviertelstunde.
visozial 04.01.2012
2. Umrundung der Lagune
Zitat von sackpfeifeDer Blick von oben ist wirklich traumhaft, ich war vor etwa 10 Jahren da. Aber was soll man jetzt diskutieren? Mich würde nur interessieren, was der Autor mit "stundenlanger Wanderung" meint. Der Abstieg zum See hat 20 min gedauert, der Aufstieg eine Dreiviertelstunde.
Hi Sackpfeife...man kann eine wunderschöne Umrundung der Lagune machen. Dauert etwa 4-6 Stunden je nach Klima und Kondition. Hab die mrundung je einmal rechts- und linksrum gemacht bei den Besuchen unserer Sozialprojekte und der Schulen.
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