Radikalumbau eines Molochs: Grün, grüner, Seoul

Von Manfred Ertel

2. Teil: Neues Verkehrssystem, neues Denken

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Es war Ohs Vorgänger Lee Myung Bak, der solch "neuem Denken" den Weg bereitet hat. Der heutige Präsident erkannte, dass Seoul mit einer der höchsten Bevölkerungsdichten der Welt nicht grenzenlos weiter wachsen konnte. Lee stellte das öffentliche Verkehrssystem um. Er organisierte Express-Routen für Busse und schuf für sie eigene, staufreie Fahrspuren.

Lee ließ zentrale Verkehrsknotenpunkte beruhigen und ein zubetoniertes Flüsschen im Zentrum reanimieren, den Cheonggyecheon. Er war 1961 erst begraben und dann durch einen mehrspurigen Expressway ersetzt worden. Die sechs Kilometer lange Autobahn führte auf Stelzen quasi durch die Wohnzimmer im Herzen Seouls. Für umgerechnet rund 300 Millionen Euro ließ Lee sie abreißen. Seit gut vier Jahren fließt der Bach wieder auf knapp vier Kilometer Länge und wurde zum Symbol des grünen Aufbruchs.

Oh steht am Fenster im Rathaus und schaut hinab auf eine riesige Rasenfläche, der die Beamten eine für Seouler Verhältnisse geradezu gespenstische Ruhe genießen lässt. Es ist noch gar nicht lange her, da lag die Stadtverwaltung noch an einer der schlimmsten Verkehrsinseln der Stadt. Sechs mehrspurige Hauptstraßen aus allen Himmelsrichtungen trafen sich hier zu einer sternförmigen Riesenkreuzung und umnebelten den Jahrhunderte alten Königspalast Deoksu schräg gegenüber mit einer Dauerwolke aus Abgasen.

Umweltfreundlichkeit als Markenzeichen

Oh ließ andere Verkehrsknotenpunkte im Zentrum beruhigen, unscheinbare Nebenstraßen mit Fußwegen aufhübschen, Grünflächen und Springbrunnen anlegen. Die fußgängerfreundliche Umgestaltung von zunächst 20 wichtigen Straßen der Stadt ist Teil des offiziellen Design-Programms.

"Natürlich bleiben Wirtschaft, Verkehr und Bildung sehr wichtig", sagt der Bürgermeister - aber "um die Zufriedenheit der Bürger zu steigern, sind Umwelt und Kultur die wichtigsten Faktoren". In fünf bis zehn Jahren will er Seoul zu einer fußgängerfreundlichen Stadt gemacht haben: "Umwelt soll zu unserem neuen Markenzeichen werden."

Im Vergleich zu Lees Verkehrsmaßnahmen klingen Ohs Visionen geradezu revolutionär. So will er das "Wunder vom Hangang" vollbringen und die Uferlandschaften des mächtigen Han-Flusses für Mensch und Freizeit rekultivieren. Der mächtige Strom durchschneidet die Stadt von Ost nach West mit rund 50 Kilometern Ufer. Acht- bis zehnspurige Autopisten säumen den Hangang auf beiden Seiten und teilen die Stadt wie eine Demarkationslinie, zum Teil auf Betonstelzen.

Nun soll der Strom zum "neuen Symbol" werden. Oh will mit einer gewaltigen Kraftanstrengung die "Natur entlang des Flusses für die Menschen zurückgewinnen" und zum Paradies für Fahrradfahrer und Jogger entwickeln. Hochhausquartiere sollen zu Wasserfront-Vierteln und die "Hauptstadt zu einer Hafenstadt umgestaltet" werden.

Libeskind baut Giga-Wolkenkratzer

Teil des Plans ist ein neues Wohn- und Geschäftsviertel in Yongsan, das Stararchitekt Daniel Libeskind entworfen hat. Archipelago 21 heißt das Potpourri aus Wohnsilos, Büros und Grünanlagen im Stadtbezirk Yongsan. Den Mittelpunkt soll spätestens 2017 ein 640 Meter hoher Wolkenkratzer bilden, einer der höchsten der Welt. Dafür muss die Autobahn am Nordufer, verkehrte Welt, zum Teil unter die Erde in kilometerlange Tunnel gelegt werden. Dass solche Pläne technisch und finanziell schier unglaublich klingen, stört Oh nicht. "Die Zustimmung der Menschen zeigt, dass wir überzeugen können", sagt er.

Bevor er vor dreieinhalb Jahren zum Stadtoberhaupt gewählt wurde, war der Jurist nicht nur renommierter Ökoanwalt. Er war auch streitbares Mitglied der größten Umweltinitiative Seouls. Er wechselte nur die Seiten, nicht aber seine Überzeugung. Für die ist Oh bereit, politisch weit zu gehen.

Wie weit? Im Frühsommer sind Kommunalwahlen in Seoul, da will und muss er wieder gewählt werden. Denn Oh Se Hoon hat noch Großes vor: Er möchte seinen Vorgänger ein weiteres Mal beerben. Als Staatspräsident. Das wäre Anfang 2013.

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insgesamt 18 Beiträge
amrod 05.02.2010
Und was soll diese "Urbarmachung" bringen? Südkorea hat seit vielen Jahren eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt. Nur HK, Macau und Weißrussland (nach anderen Berichten Taiwan) sind noch schlimmer dran. Dagegen ist [...]
Und was soll diese "Urbarmachung" bringen? Südkorea hat seit vielen Jahren eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt. Nur HK, Macau und Weißrussland (nach anderen Berichten Taiwan) sind noch schlimmer dran. Dagegen ist Deutschland ein Kinderparadies. Das Land überaltert noch schneller als Japan - und das will was heißen. Für wen also soll diese milliardenteure Begrünung sein? Die Natur holt sich das Land von allein zurück - gratis. Oder will man das Land schick machen für die Nordkoreraner, wenn die sich das dann herrenlose Land holen kommen?
lemming51 05.02.2010
Man kann generell überall lernen,.....wenn man es wirklich will !!
Man kann generell überall lernen,.....wenn man es wirklich will !!
Kanalkrokodil 05.02.2010
Besser wäre es, de Koreaner lernten von D, was Baugesetze heißen. Hat einen Riesenvorteil: Die Bauerei findet dann erst im nächsten Jh. statt.
Besser wäre es, de Koreaner lernten von D, was Baugesetze heißen. Hat einen Riesenvorteil: Die Bauerei findet dann erst im nächsten Jh. statt.
LJA 05.02.2010
Genau das sollte eine vernünftige Stadtplanungspolitik verhindern, was man aber in Deutschland noch nicht verstanden hat. Anders als bei uns, forciert man in Korea aber den U-Bahn Bau und versucht nicht, den Autoverkehr zu [...]
Zitat von amrod... Die Natur holt sich das Land von allein zurück - gratis. ...
Genau das sollte eine vernünftige Stadtplanungspolitik verhindern, was man aber in Deutschland noch nicht verstanden hat. Anders als bei uns, forciert man in Korea aber den U-Bahn Bau und versucht nicht, den Autoverkehr zu "verdrängen" sondern mehr, ihn zu kanalisieren. Dabei hat man dort offenbar deutlich mehr Verständnis für die Bedürfnisse der arbeitenden Menschen. Neue Bürokomplexe erhalten ganz selbstverständlich einen direkten Anschluß an vorhandene U- oder S-Bahnen durch Brücken oder Tunnel. In Deutschland werden solche Verbindungen häufig sogar zurück gebaut. Dort will man die Menschen lieber "zurück zur Natur" holen, wie es kürzlich ein Stadtplaner ausdrückte "wo sie hingehören". Dummerweise lassen sich genau diese Menschen aber ungern von anderen Leuten vorschreiben, wo sie denn hin zu gehören haben, speziell wenn sich diese Natur, wie z.B. heute, eher grau, nass, kalt und windig darstellt und Verheerungen an dem mühsam aufgebauten Bürooutfit anrichtet. Kein Wunder, dass viele von ihnen unser Land verlassen, speziell die gut ausgebildeten. Da sich auch die Koreanischen Großkonzerne, die sog. Chaebols (vergleichbar den Keiretsus in Japan), in hartem internationalen Wettberwerb befinden, wird sich zeigen, ob sie letztlich diese geplanten Veränderungen akzeptieren. Bezüglich der Nutzung der Infrastruktur braucht man sich keine Sorgen zu machen. So lange die Gesamtbevölkerung Asiens immer noch ansteigt, werden sich für eine relativ gut ausgestattete und funktionierende Stadt wie Seoul, immer Bewohner finden.
autocrator 05.02.2010
nach der lektüre des artikels kann ich wenig "umstürzlerisches" entdecken. gibt es eine verkehrskonzept das den völlig irrsinnigen motorisierten individualverkehr ersetzt? wie sieht es mit ausbau, finanzierung und [...]
nach der lektüre des artikels kann ich wenig "umstürzlerisches" entdecken. gibt es eine verkehrskonzept das den völlig irrsinnigen motorisierten individualverkehr ersetzt? wie sieht es mit ausbau, finanzierung und preisgestaltung des ÖPNVs aus? Sind Archaeologien / Archipelagen wirklich der weisheit letzter schluss, wie soll deren ver- und entsorgung gelöst werden? Wie sieht eine stadt einer geriatrischen gesellschaft aus? Welche strukturmaßnahmen werden gegen die zu erwartende pauperisierung der gesellschaft und der bildung von slums unternommen? Wenn ich eine fußgängerstadt will, müssen die strukturen so gestaltet sein, dass die bedürfnisse des täglichen lebens auch alle zu fuß erledigt werden können - da braucht es nicht den superbillig-supermarkt mit tiefgarage im nächsten stadtteil sondern den bezahlbaren tante-emma-laden in 30 metern geh-entfernung ... welche fördermaßnahmen zur schaffung solcher nachbarschaftlicher strukturen gibt es? usw.usf. ... das ist jetzt nur mal so in 5 minuten ohne darüber nachgedacht zu haben aus dem ärmel geschüttelt. mal ein kurzes stück stadtautobahn abreissen und einen alten fluss renaturieren sieht zwar hübsch aus und gibt auch tolle bilder her, doch wenn das vor 4 jahren schon passiert ist, war's offensichtlich wirklich mehr symbolisch als ernst gemeint. die probleme der megacities haben gerade erst angefangen. Sie sind aber so unterschiedlich wie die städte selbst. Beispiel Berlin: eine hauptstadt die pleite ist weil ihre hausbank sich verzockt hat, regierungssitz und gleichzeitig der republik armenhaus und altersheim in einem ...
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  • Datum: Freitag 05.02.2010 | 06:03 Uhr
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Kontinent der Superlative: Hier sind die Berge am höchsten, die Riesenräder am größten und die Menschen am ältesten. Wie genau kennen Sie sich aus in der Welt der asiatischen Rekorde? Finden Sie es heraus im Reisequiz! !
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