Wildnistouren in Kanada Achtung, Kiltradler!

Erst war es nur ein Spaß, jetzt ist es eine Bewegung: In der kanadischen Provinz New Brunswick sind regelmäßig Mountainbiker im Schottenrock zu sichten. Im Kilt radeln sie durch Küstenorte und dichte Wälder - denn das Radeln mit dem luftigen Kleidungsstück hat seine Vorteile.

Oliver Gerhard

"Radeln im Rock?" Die drei Männer in Sporthosen schütteln den Kopf. "Na klar", hält Kurt Gumushel dagegen. "Der Kilt lässt Luft an die Beine und ist ein super Schlammfänger im Gelände." Aufmunternd streckt der Profisportler, er selbst im karierten Minirock, seinen Gästen die Schottenröcke entgegen - in der kanadischen Provinz New Brunswick ist das keine Damenbekleidung, sondern wie in Schottland ein Accessoire für den Mann.

Schottische Einflüsse gehören ebenso zu New Brunswick wie französische: Die Provinz ist als einzige in Kanada offiziell zweisprachig. Besucher erleben hier Ostküsten-Atmosphäre - weiße Holzhäuser, umgeben von bunten Blumengärten, kleine Fischerdörfer, Leuchttürme auf steilen Klippen, weite Wälder. Traditionell ist die Region ein beliebtes Ferienziel nicht nur der Kanadier, sondern auch für Gäste aus den US-Städten Boston und New York.

Eines der ersten Seebäder Kanadas ist der Startpunkt von Gumushels Mountainbike-Tour: Die ältesten Häuser in St. Andrews by the Sea gehen auf das Jahr 1783 zurück, als Königstreue aus Maine nach der amerikanischen Revolution nach Kanada flohen - im Gepäck ihre zerlegten Häuser, die sie Planke für Planke hier wieder errichteten. Die meisten Gebäude im denkmalgeschützten Stadtzentrum entstanden vor 100 bis 200 Jahren - für kanadische Verhältnisse ein biblisches Alter.

Vorbei an hölzernen Sommerhäusern führt Kurt die Gruppe aus der Stadt heraus. Blühende Wiesen grenzen an Felder aus blauen Lupinen, dann geht es über dicke Wurzeln und schmale Bohlenwege durch den Wald. Die Mountainbike-Tracks hat Kurt mit seinem Partner Geoff Slater angelegt - die beiden Männer brachten diese Sportart nach St. Andrews, wo man vorher mit Rädern nicht viel am Hut hatte.

Schottische Röcke vom türkischen Schneider

Die Idee mit den Kilts war ursprünglich nur als Spaß gedacht, fand aber schnell Anhänger, berichtet Kurt: "Inzwischen gibt es einen Verein von Kilt-Radlern, mit dem wir regelmäßig auf Tour gehen." Seit neuestem sieht man auch Jogger und Marathonläufer mit einem Faible für den Männerrock. Nach einem Hersteller für die Kilts musste der 43-Jährige übrigens nicht lange suchen: "Mein türkischer Vater hat sich als Schneidermeister auf Schottenröcke spezialisiert", sagt er.

Auf einem schmalen Pfad geht es an der Bucht entlang, die Röcke flattern im Wind. Das Meer sieht aus, als hätte jemand den Stöpsel gezogen: Das Wasser ist mehr als hundert Meter vom Land zurückgewichen, Steine und Schlick statt rauschender Brandung. Eine Radtour über den Meeresboden wäre bei Ebbe kein Problem in der rund 270 Kilometer langen und 60 Kilometer breiten Bay of Fundy, der Bucht mit den höchsten Gezeiten der Erde. Um bis zu 16 Meter sinkt der Wasserspiegel bei Ebbe, durchschnittlich rund fünfmal mehr als sonst im Atlantik.

Flussmündungen verwandeln sich dann in schlammige Einschnitte tief ins Land, ein Blick von den Hafenmolen erfordert Schwindelfreiheit, und die Fischerboote liegen wie gestrandete Wale tief unter den Anlegern. Bei steigender Flut rollen Gezeitenwellen die Flüsse herauf und kehren deren Lauf kurzzeitig um.

Blumentöpfe der Gezeiten

Rund 100 Milliarden Tonnen Wasser fließen auf diese Weise zweimal täglich in die Bucht und wieder heraus. Nicht nur ein unerschöpfliches Potenzial zur Energiegewinnung, sondern auch ein Glücksfall für die Natur: Die Meeresflora und -fauna ist in der Bay of Fundy besonders vielfältig. Große Mengen an Plankton und Krill ernähren zwölf Walarten - Geschäftsgrundlage vieler Whale-Watching-Unternehmen.

Im Laufe der Jahrtausende formten die Gezeiten eine zerklüftete Küstenlandschaft, die an Schottland oder Norwegens Fjorde erinnert. Besonders eindrückliche Spuren hat die Kraft des Wassers an der Felsformation der Hopewell Rocks hinterlassen. Bei Ebbe wandern Besucher hier auf dem Meeresgrund, um die "Flowerpots" zu sehen, rötliche Felssäulen in Blumentopfform.

Nach einer Legende der Mi'kmaq-Indianer, die als Erste in dieser Region lebten, soll es sich bei diesen Felsen um Ureinwohner handeln. Sie versteinerten auf der Flucht vor Walen, die sie versklaven wollten. Geologen erklären die Formen ganz nüchtern mit den Jahrmillionen alten Gesteinsschichten unterschiedlicher Härte, an denen das Wasser unaufhörlich hobelt. Sie schätzen, dass die Sedimente noch weitere 100.000 Jahre reichen, um dieses Phänomen in Gang zu halten.

Den Bauchnabel nach oben ziehen

Am besten lässt sich die Küste vom Kajak aus erleben, zum Beispiel auf Deer Island. "Entspannt Euch", sagt Kajak-Führer Guy Quinn zur Begrüßung - und er meint es ernst: "Einweisen-Einsteigen-Lospaddeln" ist beim "Kayoga" nicht angesagt. Quinns Touren mit dem Seekajak beginnen und enden mit einer Yogastunde. "Das hilft gegen Krämpfe in den Beinen und einen schmerzenden Rücken", sagt Quinn, ein durchtrainierter Mittsechziger mit Rauschebart im Abraham-Lincoln-Look.

Wenn es in der kleinen Bucht nicht so einsam wäre, würde die Kajak-Einführung bestimmt Aufsehen erregen: Zehn Paddler liegen auf ihren Kajaks bei Entspannungsübungen, später stehen sie mit langgestrecktem Rücken beim "nach unten blickenden Hund". "Und jetzt den Bauchnabel nach oben ziehen", führt Yoga-Meisterin Joanne die Gruppe in die nächste Übung. Derart gedehnt und entspannt geht es aufs Meer.

Kein Windhauch kräuselt die Wasserfläche - Ausnahmewetter in der Bay of Fundy. Hoch in der Luft zieht ein Weißkopfseeadler seine Kreise, zwei Seehunde nähern sich neugierig den Kajaks. Mit gemächlichem Paddelschlag geht es vorbei an kleinen Inseln, die meist nach ihren Eigentümern benannt sind - oder nach ihren Bewohnern: Auf Mink Island spielt ein kleines Nagetier am Ufer, es ist die Insel der Nerze. "Paddeln ist Teil unserer Kultur", sagt Quinn unterwegs. Jeden Winter trägt der irischstämmige Kanadier seinen Teil dazu bei - im Hauptberuf unterrichtet er in Montréal das Fach Naturerziehung: Wandern, Klettern und Paddeln stehen dann auf dem Lehrplan.

Zum Picknick in einer einsamen Felsenbucht lässt Quinn die Boote weit den Strand herauf tragen, schnaufend macht sich die Gruppe ans Werk. Nach einer Stunde umspielt das Wasser die vermeintlich sicher abgestellten Kajaks. Die Macht der Gezeiten ist auch hier präsent.

Oliver Gerhard/SRT



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Seite 1
Ingmar E. 23.06.2012
1.
Auf dem Liegerad geht das nicht mehr mit Schottenrock. Früher auf den Rennrädern und Halbrennern trug ich öfters nen schottenartig-karierten Rock. Schon in den 90ern. Durchlüftung, Bewegungsfreiheit, das sind riesige Vorteile. Man gewöhnt sich schnell an das Gefühl. Gerade bei heissem Wetter sind dünne Stoffe als Rock einfach top. Nur ein Tip dazu: keine Boxershorts unterm Rock tragen. Das kann als Rennradfahrer zu plötzlichen Hupkonzert der KFZler führen, die gegenüber an der Ampel warten. Das schiebt sich gemeinschaftlich nach oben beim Treten. Also besser Slip und darauf achten, dass die Röcke einen glatten Innenrock haben, wenn der Stoff eher rau ist. Und als Rennradler dann nicht mehr die Beine rasieren, sonst kann man sich gleich das Rad rosa streichen :D.
artusdanielhoerfeld 23.06.2012
2.
Wenn schon, denn schon: Unter dem Kilt trägt man(n) nichts, alles andere ist Stilbruch.
Eva K. 23.06.2012
3. Liege und Rock gehen gar nicht
Zitat von Ingmar E.Auf dem Liegerad geht das nicht mehr mit Schottenrock. Früher auf den Rennrädern und Halbrennern trug ich öfters nen schottenartig-karierten Rock. Schon in den 90ern. Durchlüftung, Bewegungsfreiheit, das sind riesige Vorteile. Man gewöhnt sich schnell an das Gefühl. Gerade bei heissem Wetter sind dünne Stoffe als Rock einfach top. Nur ein Tip dazu: keine Boxershorts unterm Rock tragen. Das kann als Rennradfahrer zu plötzlichen Hupkonzert der KFZler führen, die gegenüber an der Ampel warten. Das schiebt sich gemeinschaftlich nach oben beim Treten. Also besser Slip und darauf achten, dass die Röcke einen glatten Innenrock haben, wenn der Stoff eher rau ist. Und als Rennradler dann nicht mehr die Beine rasieren, sonst kann man sich gleich das Rad rosa streichen :D.
Nee, nicht wirklich. Auch mit längeren Röcken nicht, die hängen sonstwo. Zu Zeiten, als ich noch eine gut zu fahrende Strecke zur Arbeit hatte, habe ich im Sommer einen Rock und ein paar bürotaugliche Sandalen in die Packtasche gesteckt. Im Fahrradkeller habe ich nur kurz die Schuhe gewechselt und den Rock über die Fahrradhose (Überbleibsel aus Upright-Zeiten mit rausgetrennter Windel) gezogen, fertig. Pech für die Herren, daß sowas bei ihnen nicht als aqäquater Bürofummel akzeptiert wird... ... und sie selbst um ihren Ruf als stramme Hete fürchten.
gregmdk 25.06.2012
4. optional
Schottenröcke, die ich bei Stadtbummeln sowie auch bei Wanderungen in der Natur fleißig verwende, habe ich seit Jahren. Mir fehlt nur das Fahrrad. Vielleicht sollte ich mir doch ein Mountainbike anschaffen? War immer überzeugt, Kilt und Fahrrad ließen sich schlecht kombinieren. Der Artikel inspiriert aber dazu. Werde lieber baldmöglichst eine Probefahrt mit dem Fahrrad meiner Frau versuchen.
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