Rafting in Kanada Festhalten, zusammenrutschen, nach vorne lehnen

Die Wellen sind bis zu acht Meter hoch: Ein seltenes Naturschauspiel lockt Adrenalin-Fans zum Raften nach Kanada. Das Beste: Das Schlauchboot ist unsinkbar.

Shubenacadie River Adventure Tours

Von Florian Schiegl


Auf der Restaurantterrasse mit Blick über den braunen Shubenacadie-Fluss liegt die Ausrüstung für den Tag. Wasserdichte Hosen und Kapuzenjacken inklusive integrierter Schwimmweste, beides mindestens drei Nummern zu groß. Dazu alte weiße Turnschuhe mit Klettverschluss, Modell "Rentner aus Florida". "Du musst die nicht anziehen. Deine eigenen Schuhe sind nach der Tour aber hinüber", sagt Rafting-Guide Travis. Also gut. Wer alles anhat, sieht aus wie ein Michelin-Männchen beim Hochseefischen. So ausgestattet stapft die deutsche Touristengruppe hinunter zum Fluss.

Von der Holzhaus-Unterkunft im ostkanadischen Nova Scotia führt eine Holztreppe die Uferböschung hinab, durch rotbraunen Schlamm, knöcheltief ins kalte Wasser und hinein ins Boot. Schon jetzt hätte sich Travis' Schuh-Prophezeiung bewahrheitet. Dann tuckert er los, den "Shubie" - so nennen die Einheimischen den Fluss - hinab, in Richtung Cobequid Bay, Ausläufer der Bay of Fundy. Es geht zum sogenannten Tidal Bore Rafting, einem weltweit einmaligen Schlauchboot-Ritt über die Gezeitenwelle des Flusses.

Ein Weißkopfseeadler schneidet weite Bögen in die Luft, der Himmel ist blau. Die Sonne spiegelt sich im matschbraunen Wasser. "Das sind Sand und mitgeführte Sedimente", erklärt Roy, der zweite Guide an Bord. "Dreckig ist der Fluss nicht. Aber die Erosion ist ein Problem. Mein Haus steht nah am Ufer - die Frage ist nur: Wie lange noch?"

Die Fahrrinne finden ist Erfahrungssache

Er steuert sein Zodiac im Stehen, ein unsinkbares Schlauchboot militärischen Ursprungs mit Außenbordmotor, kaum Tiefgang und zwei Wasserabläufen im Heck, die später noch von Bedeutung sein werden. Der "Shubie" führt Niedrigwasser, fließt gemächlich in die Cobequid Bay. Travis fährt der Gezeitenwelle entgegen, zickzack durch den meist mehr als 500 Meter breiten Fluss. Wie er im sandig-trüben Wasser die Fahrrinne findet? "Alles Erfahrung. Sie schlängelt sich jeden Tag woanders durch das Flussbett", sagt Travis betont lässig.

Und manchmal ist sie auch einfach weg. Das Schlauchboot setzt auf einer Sandbank auf, Roy und die Gäste müssen aussteigen und das Boot in tieferes Fahrwasser ziehen. Die alten Turnschuhe saugen sich endgültig voll.

Travis und Roy nutzen den Rest der Fahrt, um das Phänomen zu erklären, das auf die Gruppe wartet. "In der Bay of Fundy gibt es den größten Tidenhub der Welt. Der Rekord liegt bei etwa 21 Metern Unterschied zwischen Ebbe und Flut", sagt Travis.

Die Ursache sind topographische Besonderheiten - der große Tiefenunterschied zwischen vorgelagertem Atlantik und der Bucht sowie eine sich selbst verstärkende Flut, die sich an der Schelfkante am Eingang der Bay aufschaukelt. Dies hat zur Folge, dass jedes Mal bei Flut eine Gezeitenwelle - in ihrer extremen Form lautet der Fachbegriff "Bore" - den Shubenacadie River flussaufwärts rollt und dessen Fließrichtung umkehrt. Weltweit an 67 Orten lassen sich Boren erleben, mit dem Schlauchboot darauf geritten wird nur in Nova Scotia.

Aus der Ferne eher harmlos

"Vor allem über den Sandbänken im Fluss entstehen dann herrliche Wellen zum Raften. Im Extremfall sind sie bis zu acht Meter hoch", sagt Roy. Ist das gefährlich? "Nein, eigentlich nicht", entgegnet er. "Es kann viel weniger passieren als beim White Water Rafting in Gebirgsflüssen, wo man nicht einmal umkehren kann, wenn jemand aus dem Boot fällt. Das ist für uns kein Problem. Außerdem gibt es im 'Shubie' keine Felsen, nur Sand." Dass Travis das Zodiac mit der Nummer 13 steuert und an der eigenen Schwimmweste eine Luftkammer geplatzt ist? Bestimmt kein schlechtes Zeichen!

Und dann ist es soweit. Nach der nächsten Biegung rollt eine müde Schaumkrone auf Travis' Zodiac zu, vielleicht noch ein paar hundert Meter entfernt. Das soll alles sein? Wild sieht anders aus. Eine krasse Fehleinschätzung, wie sich ein paar Minuten später herausstellen wird. "Festhalten, eng zusammenrutschen, nach vorne lehnen", kommandiert Travis und fährt von der Seite in ein Wellengebirge ein.

Von nun an ist die Gruppe ihm und den Elementen ausgeliefert. Mit der ersten Welle steigt das Boot noch mit. Es geht hinauf und mit einem lauten Klatschen hinunter. In die nächste aber gräbt sich das Zodiac regelrecht ein. Die Hände krampfen sich an die Halteschnur um die Gummireling, die Beine spreizen sich ein, gegenüber kreischt die Mitfahrerin Alexa. Kurz ist das Boot sogar wie verschluckt, rundum nur mehr fünf Köpfe und braunes Wasser. Jetzt ist es gut, die beiden Abläufe im Heck zu haben. Das Wasser ist eiskalt, auf den Lippen brennt das Salz des Atlantiks, die Kapuze hängt ins Gesicht.

Doch keine Zeit, um zu reagieren. Auch in die nächste Welle bohrt sich das Zodiac hinein. Sie ist noch höher und bricht über den Köpfen, kurz stockt sogar der Atem. Und dann ist nicht nur das Boot verschwunden - sondern auch Alexa. Rücklings ist sie hinaus gekippt, ihre Hände noch fest an der Halteschnur. Schnell zieht sie Rafting-Guide Roy wieder herein. Travis feixt: "Habe ich euch gesagt, dass unsere Duschen kein warmes Wasser haben?" Die Gruppe ist triefend nass, das Wasser des "Shubie" hat sich bis in die Unterhose vorgekämpft. Trotzdem macht es Riesenspaß.

Etwa fünf Wellen nimmt Travis am Stück, dann fährt er in ruhigeres Gewässer. "Pause", sagt er lapidar. Bald ermüden die Beine, sie in der Welle auszustrecken ist keine gute Idee, sonst ergeht es einem wie Alexa. Nach der achten Runde ist Schluss, längst ist die Kraft aus allen Gliedmaßen gewichen. Während jeder noch mit sich zu tun hat, verkündet Roy: "Etwa drei Meter war die höchste Welle heute hoch." Das nutzt Travis für eine seiner Breitseiten: "Eine Anfänger-Tour also."

Es geht zurück zur Anlegestelle. Das sogenannte Mudsliding fällt aus. "Wenn es wärmer ist, machen wir das oft. Unsere Gäste rutschen dann eine schlammige Uferböschung hinunter ins Wasser und haben viel Spaß dabei", sagt Travis. Der Sand hat es auch so in alle Körperritzen geschafft. Die Dusche nach der Tour ist ein umso größerer Genuss. An heißem Wasser mangelt es übrigens nicht.

Florian Schiegl ist als freier Autor für SPIEGEL ONLINE tätig. Die Reise erfolgte mit Unterstützung von Nova Scotia Tourism.

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insgesamt 6 Beiträge
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welder70 01.06.2016
1. Unsinkbar?
Die Titanic galt auch als unsinkbar....
Reza Rosenbaum 01.06.2016
2. Dress for immersion
Rafting macht Spass, keine Frage. Ich bin aber wirklich verwundert darueber, dass die Leute auf den Bildern in etwa so leicht bekleidet sind, wie fuer ein WW Rafting in wesentlich suedlicheren Gefilden. Das Wasser in NS ist eiskalt - bis in den spaeten Mai oft nicht ueber 5 Grad, und selbst im Sommer manchmal nicht viel ueber 10, und man kann dort schnell mal aus dem Boot fallen. Das gehoert schliesslich zum "Spass" dazu. Nur mit dem leichten Oelzeug in den Bildern, oder zum teil sogar nur im T-Shirt, hat man im Wasser dann so etwa 10-15 Minuten, bis man die Kontrolle ueber Haende, Arme, und Beine verliert. Mag ja sein, dass es dort keine Felsen gibt, aber man kann dafuer auch nicht mal eben ans Ufer schwimmen. Und wenn der Guide, drei oder vier Leutchen einsammeln muss, die alle von der Stroemung im Bore verteilt werden, moechte ich eher nicht der Letzte sein wollen. Und unsinkbar heisst ja nun auch nicht kentersicher. Wenn das Boeti umfaellt, ist erst mal Schluss mit lustig. Ich nehme mal an, die haben immer mindestens ein zweites Boot dabei, oder eins auf Standby? Wie auch immer - ohne Wetsuit oder Drysuit (im Fruehling und Herbst) sollte man sich eigentlich nicht in so ein Boot setzen. Viele Leute in den Bildern sehen auch nicht so aus, als ob sie auch nur fuenf Minuten WW schwimmen koennten. Schon gar nicht mit Friesennerz, der nicht gegen Kaelte schuetzt, aber vermutlich wie ein Treibanker wirkt. Und der Atemreflex beim Fall in kaltes Wasser (kann jeder mal unter einer kalten Dusche nachvollziehen) fuehrt immer wieder mal zu toedlichen Ungluecken beim Raften, selbst ohne Steine oder wilde Wellen, besonders im Hochsommer, wo man sich fuer die Luft und nicht fuer's Wasser anzieht. Ich will hier echt nicht den Teufel an die Wand malen, es raften jedes Jahr hunderttausende von Leuten - und nur ein paar kommen nicht heile am anderen Ende raus. Die aber meist mit den immer selben Faktoren - schlechte Kondition, falsche Kleidung, wenig Erfahrung mit Kaltwasserimmersion. Also, passt's schoen auf, und werdet's nicht zu einer Statistik da heraussen.
bissig 01.06.2016
3.
Zitat von welder70Die Titanic galt auch als unsinkbar....
War auch mein Gedanke. Unsinkbar sollte man nicht mir unzerstörbar verwechseln. Bis auf den Motor dürfte wohl alles als Einzelteil schwimmfähig sein. D.h. das Boot selbst kann nicht sinken.
fatherted98 01.06.2016
4. Wem es Spass macht...
...bitte schön...aber man muss nicht alles mitmachen...dann doch lieber mit dem Kanu über einen schönen kanadischen Bergsee rudern....
ijf 01.06.2016
5. Danke
Zitat von Reza RosenbaumRafting macht Spass, keine Frage. Ich bin aber wirklich verwundert darueber, dass die Leute auf den Bildern in etwa so leicht bekleidet sind, wie fuer ein WW Rafting in wesentlich suedlicheren Gefilden. Das Wasser in NS ist eiskalt - bis in den spaeten Mai oft nicht ueber 5 Grad, und selbst im Sommer manchmal nicht viel ueber 10, und man kann dort schnell mal aus dem Boot fallen. Das gehoert schliesslich zum "Spass" dazu. Nur mit dem leichten Oelzeug in den Bildern, oder zum teil sogar nur im T-Shirt, hat man im Wasser dann so etwa 10-15 Minuten, bis man die Kontrolle ueber Haende, Arme, und Beine verliert. Mag ja sein, dass es dort keine Felsen gibt, aber man kann dafuer auch nicht mal eben ans Ufer schwimmen. Und wenn der Guide, drei oder vier Leutchen einsammeln muss, die alle von der Stroemung im Bore verteilt werden, moechte ich eher nicht der Letzte sein wollen. Und unsinkbar heisst ja nun auch nicht kentersicher. Wenn das Boeti umfaellt, ist erst mal Schluss mit lustig. Ich nehme mal an, die haben immer mindestens ein zweites Boot dabei, oder eins auf Standby? Wie auch immer - ohne Wetsuit oder Drysuit (im Fruehling und Herbst) sollte man sich eigentlich nicht in so ein Boot setzen. Viele Leute in den Bildern sehen auch nicht so aus, als ob sie auch nur fuenf Minuten WW schwimmen koennten. Schon gar nicht mit Friesennerz, der nicht gegen Kaelte schuetzt, aber vermutlich wie ein Treibanker wirkt. Und der Atemreflex beim Fall in kaltes Wasser (kann jeder mal unter einer kalten Dusche nachvollziehen) fuehrt immer wieder mal zu toedlichen Ungluecken beim Raften, selbst ohne Steine oder wilde Wellen, besonders im Hochsommer, wo man sich fuer die Luft und nicht fuer's Wasser anzieht. Ich will hier echt nicht den Teufel an die Wand malen, es raften jedes Jahr hunderttausende von Leuten - und nur ein paar kommen nicht heile am anderen Ende raus. Die aber meist mit den immer selben Faktoren - schlechte Kondition, falsche Kleidung, wenig Erfahrung mit Kaltwasserimmersion. Also, passt's schoen auf, und werdet's nicht zu einer Statistik da heraussen.
Genau das waren auch meine Gedanken beim Betrachten der Fotoserie...
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